Sorgen über hohe neue Schulden bei Amazon, Microsoft, Oracle: «Werden sich die gigantischen KI-Investitionen jemals rechnen?», fragen kritische InvestorenUS-Technologiekonzerne haben mit einer Flut von Anleihen Hunderte von Milliarden aufgenommen – auch in Franken und Euro. Bei den Investoren zeigen sich zunehmend Zweifel.20.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie Rating-Agentur S&P Global hat die Kreditwürdigkeit von Oracle gerade heruntergestuft.BloombergDie grossen US-Technologiekonzerne verschulden sich massiv, um die Investitionen im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) zu stemmen. Dafür bringen sie eine regelrechte Schwemme an neuen Anleihen auf den Markt – doch Investoren und Finanzexperten stellen zunehmend unangenehme Fragen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Laut Michael Bolliger, dem Anlagechef Schweiz bei der Grossbank UBS, dürften Unternehmen in diesem Jahr weltweit Anleihen und Darlehen im Volumen von rund 300 Milliarden Dollar ausgeben, um Ausgaben im KI-Bereich zu finanzieren. Im vergangenen Jahr waren es bereits etwa 200 Milliarden Dollar. Bolliger betont allerdings, dass es sich bei diesen Zahlen um eine grobe Schätzung handle, da es schwierig sei, den KI-Bereich exakt abzugrenzen.Die Rating-Agentur Moody’s hat das Volumen an Investitionen, die in den kommenden fünf Jahren in Zusammenhang mit Rechenzentren fliessen, Anfang dieses Jahres auf mindestens 3000 Milliarden Dollar beziffert. Das Geld werde für Server, Anlagen, Computerausrüstung und neue Stromkapazitäten gebraucht und solle den Boom in den Bereichen KI und Cloud Computing unterstützen, hiess es in einer Meldung der Nachrichtenagentur Bloomberg.Im Fokus stehen Amazon, die Google-Mutter Alphabet, Microsoft, die Facebook-Mutter Meta sowie Oracle. Die fünf Unternehmen sind überwiegend Cloud-Anbieter, die grosse Rechenzentren betreiben – und werden auch als Hyperscaler bezeichnet.Vertrauen in die Tech-Firmen leicht angeknackst?Die Technologiekonzerne brauchen das Kapital aus den Anleihenemissionen, da sie ihre enormen Investitionen nicht aus dem laufenden Geschäft finanzieren können. Nach einer regelrechten Flut an Bonds der fünf Hyperscaler haben sich die Investoren zuletzt allerdings zurückhaltender gezeigt.Matthias Busuttil, der Leiter Portfolio-Management bei der Schweizer Anleihen-Boutique Fisch Asset Management, erwähnt eine Anleihen-Neuemission von Amazon am 7. Juli dieses Jahres. Diese hatte ein Volumen von 25 Milliarden Dollar. Die Nachfrage nach diesen Bonds sei deutlich geringer gewesen als bei früheren solchen Emissionen, sagt er.Einerseits dürfte dies daran gelegen haben, dass viele Marktteilnehmer die Emission erst später erwartet hätten und davon überrascht worden seien, erläutert er. Auch habe es zum Zeitpunkt der Transaktion gewisse Schwankungen bei den Aktienkursen von US-Technologieunternehmen gegeben. Andererseits sei auch nicht zu übersehen, dass bei den Investoren nach der Welle an KI-Anleihen in diesem Jahr auch eine gewisse Müdigkeit vorherrsche.Ein zweites Zeichen sieht Busuttil darin, dass die Anleihen der Tech-Unternehmen Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft und Oracle im Durchschnitt höhere Renditen haben als die Bonds anderer amerikanischer Grossfirmen mit vergleichbarem Rating. Der Anlagespezialist beziffert diese Differenz auf derzeit rund 0,25 Prozentpunkte im US-Markt.Bei Anleihen zeigt sich anhand der Renditen, wie gross das Vertrauen der Investoren in die entsprechenden Schuldner ist. Gut bewertete Schuldner zahlen niedrigere Zinsen als solche, bei denen die Investoren grössere Risiken sehen. Massiv steigen die Renditen an, wenn die Anleger damit rechnen, dass ein Schuldner eine Anleihe nicht zurückzahlt.Microsoft und Co. als Schuldner mit hoher QualitätDavon ist derzeit bei den US-Technologiekonzernen nicht die Rede. Busuttil weist darauf hin, dass Unternehmen wie Amazon, Alphabet, Meta und Microsoft allesamt als Schuldner mit hoher Qualität gälten. Bei den drei grossen Rating-Agenturen S&P, Moody’s und Fitch haben sie im Durchschnitt ein Rating von AA, Microsoft sogar ein solches von AAA.Laut dem Anleihen-Spezialisten von Fisch Asset Management haben die Firmen starke Bilanzen mit tiefen Schuldenniveaus und sehr rentable Geschäftsmodelle. Zudem hätten sie bereits bewiesen, dass sie mit ihren Anleihen viel Kapital anziehen könnten. Die jüngste Abnahme der Popularität von KI-Bonds, die zur Ausweitung der Renditeaufschläge geführt hat, erklärt Busuttil mit dem grossen Angebot an solchen Titeln. Die Qualität dieser Unternehmen hat sich derweil nicht verschlechtert, trotz ihren grossen Investitionen im KI-Bereich.Fabian Keller, Senior Partner bei dem Zürcher Kredit-Research-Unternehmen Independent Credit View (I-CV), sieht hingegen Veränderungen. «Die sogenannten Hyperscaler erhöhen ihre Kapitalausgaben massiv, was ihre Bilanzen schwächt und ihre Finanzrisiko-Profile verschlechtert», sagt er.«Alles baut darauf auf, dass die Maschinerie weiterläuft»Die Renditeaufschläge bei den KI-Anleihen erklärt Keller auch damit, dass sich Investoren zunehmend Sorgen darüber machten, ob sich die gigantischen KI-Investitionen der Technologiekonzerne jemals rechnen würden. «Alles baut darauf auf, dass die Maschinerie weiterläuft», sagt er. Besonders negativ einzuschätzen seien die komplexen Finanzierungstransaktionen ausserhalb der Bilanz der Unternehmen.«Die Finanzmärkte beschäftigen sich derzeit wieder vermehrt mit der Frage, ob nicht allenfalls zu viel Geld für KI-Investitionen ausgegeben werde», sagt Bolliger von der UBS. Im Zentrum stehe die Frage, wie hoch die Produktivitätssteigerungen mit der künstlichen Intelligenz tatsächlich sein würden – und damit einher gehe die Frage nach der Rentabilität dieser Investitionen. Hinzu komme, dass es in China fast gleich gute KI-Modelle gebe wie in den USA, die deutlich günstiger seien.Bolliger zieht einen historischen Vergleich mit früheren Investitionszyklen in den USA: Dazu zählen der Bau der Eisenbahnnetze im 19. Jahrhundert, die Elektrifizierung in den 1920er Jahren oder der Internet- und Telekommunikationsboom in den 1990er Jahren. Auf die ursprüngliche Euphorie seien in diesen Zyklen Überkapazitäten und schmerzhafte Pleiten gefolgt, bis sich die jeweiligen Technologien durchgesetzt hätten. Mit KI könnte es ähnlich sein – sowohl in Bezug auf das längerfristige Potenzial von KI als auch auf mögliche temporäre Überkapazitäten, sagt Bolliger.Angst vor einer BlaseDie enormen Volumina der KI-Bonds lassen manche Beobachter befürchten, dass hier eine Blase entstehen könnte, deren Platzen letztlich sowohl die Anleihen- als auch die Aktienmärkte treffen könnte.Bei den Aktienkursen der Technologiefirmen sei eine Korrektur nicht ausgeschlossen, sagt Bolliger dazu. Dies könnte dann auch bei den KI-Bonds für Schwankungen sorgen. Allerdings sei die derzeitige Situation nicht vergleichbar mit der Zeit der Dotcom-Blase Ende der neunziger Jahre, als die Investoren reihenweise Unternehmen finanzierten, die hohe Verluste machten. Die meisten Hyperscaler seien schliesslich gesunde Unternehmen.Oracle als schwarzes SchafFabian Keller von Independent Credit View weist indessen auf die Unterschiede zwischen den US-Technologieunternehmen hin. «Die meisten von ihnen können sich die riesigen Investitionen leisten, aber das gilt nicht für alle», sagt er. Ein Fragezeichen setzt er bei Oracle. Die Bilanz des Unternehmens sei «verletzlich», sagt Keller. Die massiven fremdfinanzierten KI-Investitionen würden die Situation nun noch verschlechtern.Ein schlechtes Zeichen ist auch, dass die Rating-Agentur S&P Global die Kreditwürdigkeit von Oracle am 9. Juli von BBB auf BBB– heruntergestuft hat – das ist die letzte Stufe im Bereich Investment-Grade, also ganz knapp vor dem sogenannten «Ramsch-Bereich». I-CV bewerte Oracle bereits seit längerem als spekulativ, sagt Keller.Anders sieht er die Lage bei Microsoft. Die Finanzlage des Software- und Cloud-Konzerns sowie dessen Bilanz seien trotz den steigenden Kapitalausgaben stark.Busuttil sieht Chancen für Anleger bei den Anleihen der Hyperscaler, vor allem bei denjenigen mit hohen Ratings. Eine Welle an Herabstufungen dieser Bonitätsbewertungen sei nicht zu erwarten, und so gebe es hier durchaus Anleihen mit hoher Qualität und vergleichsweise hohen Renditen.Für deutsche und Schweizer Anleger ist indessen interessant, dass die Technologieriesen in den vergangenen Monaten nicht nur Bonds in Dollar, sondern auch in anderen Währungen ausgegeben haben – darunter auch in Euro und in Franken. Laut Busuttil zeigt dies, dass die Hyperscaler ihre Investorenbasis ausweiten und zusätzliche Kapitalquellen erschliessen wollen.So haben in diesem Jahr Alphabet und Amazon den Schweizer Kapitalmarkt angezapft. «Wunder-Renditen» sollten Anleger aber nicht erwarten, dafür handelt es sich um zu gute Schuldner. Wie Busuttil erwähnt, brachten die Franken-Anleihen von Amazon mit einer Laufzeit bis zum Jahr 2032 am Mittwoch eine Rendite von 1,15 Prozent, die bis 2038 laufenden Titel eine solche von 1,7 Prozent. Die bis zum Jahr 2051 laufenden Amazon-Anleihen rentierten mit 2,15 Prozent.Höhere Gewichtung von Tech-Firmen in Anleihen-IndizesLaut Keller sollte Anlegern bewusst sein, dass die vielen Anleihen der Tech-Unternehmen und deren grosse Volumina auch die Zusammensetzung von marktgewichteten Anleihenindizes verändern. Diese sind nach dem Volumen von Schuldnern zusammengesetzt. Die vielen Bond-Emissionen erhöhen folglich die Gewichtung der Hyperscaler in den Indizes für weltweite Unternehmensanleihen.Busuttil geht davon aus, dass die fünf genannten Unternehmen hier eine Gewichtung von rund 3 Prozent des Anleihen-Universums der Industrieländer erreichen könnten. Mit weiteren Emissionen dürfte dieser Anteil gegen 4 Prozent steigen, damit aber deutlich unter ihrem gemeinsamen Gewicht von rund 18 Prozent im US-Standardaktien-Index S&P 500 bleiben.Grundsätzlich positiv bewertet Keller, dass sich das Angebot am Markt für Unternehmensanleihen vergrössert. «Die Anleihen der Tech-Unternehmen sind grundsätzlich gut für den Markt», sagt auch Bolliger. «Es handelt sich hierbei ja um solide Firmen.»2 KommentareDaniel Stalder 20.07.2026Als kleiner Kontrapunkt zum Artikel diese Aussage von Mel Mattison:
Amazon, Microsoft, Oracle und Co.: Zweifel an Milliarden-Investitionen in KI
US-Technologiekonzerne haben mit einer Flut von Anleihen Hunderte von Milliarden aufgenommen – auch in Franken und Euro. Bei den Investoren zeigen sich zunehmend Zweifel.










