Achtunddreißig Grad prognostiziert der Deutsche Wetterdienst für Donnerstagnachmittag in Nürnberg, ganz grundsätzlich eine wenig angenehme Temperatur. Sie könnte allerdings auch zu einem speziellen Problem führen, das Nürnberg bereits Ende Juni viel unerwünschte Aufmerksamkeit eingebracht hat: Nach der Hitzewelle im Vormonat fielen mehr als zwei Wochen lang Straßenbahnen aus, weil die Temperaturen das Bitumen – die schwarze Füllung zwischen Straßenasphalt und Gleisen – aufgeweicht hatten und Räder wie Schienen so verschmiert waren, dass der Tramverkehr nicht mehr sicher war. Und nun wird es wieder heiß.Diesmal aber scheint die Verkehrs-Aktiengesellschaft Nürnberg (VAG) besser vorbereitet zu sein auf eine mögliche Gleisschmelze, ihre Fachleute haben gleich ein ganzes Bündel an Maßnahmen entwickelt. Einige davon sollen verhindern, dass es so weit kommt wie im Juni und die schwarze Masse schmilzt. Andere dagegen greifen erst, falls genau dies doch wieder passiert.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.In den vergangenen Wochen hat die VAG auf ihrer Internetseite bereits detailliert dokumentiert, was zu dem Stillstand führte und dazu, dass das Bitumen aufweichte. Die Masse erfüllt demnach zweierlei Funktionen: Zum einen verhindert sie, dass Wasser oder im Winter Streusalz zwischen Straße und Gleisen eindringt. Zum anderen dämmt sie den Schall und das Ruckeln, soll so den Straßenbahnlärm reduzieren und Passagiere komfortabler fahren lassen.Allerdings haben unterschiedliche Temperaturen unterschiedliche Auswirkungen auf das Erdölprodukt – bei Kälte wird es spröde, bei Hitze weich, wie zu beobachten war. Je nach Stoffzusammensetzung kann es eher für kühlere oder wärmere Gefilde ausgelegt sein und hat einen bestimmten Temperaturbereich, in dem es seine Funktion erfüllt. Dies erklärt, warum Vorfälle wie in Nürnberg nicht ständig etwa im spanischen Straßenbahnnetz zu beobachten sind, wo es im Sommer ja noch heißer wird: Im Gegensatz zu deutschen Gleisen, die im Winter auch Frost standhalten müssen, lässt sich in wärmeren Regionen gleich eine hitzeresistentere Mischung verwenden.Aufwendige Arbeit: Ein Mitarbeiter der Werkstatt der VAG reinigt mit Bitumenlöser das Fahrwerk einer Straßenbahn. Foto: Daniel Karmann/dpaIn Nürnberg jedenfalls war die Schmelzgrenze erreicht, als die Temperatur an den Schienen in der Sonne laut VAG bis zu 70 Grad betrug, in kürzester Zeit verteilten die Trambahnen die weiche Masse auf gut 40 Kilometer im Streckennetz. Das Problem verschärfte sich an jenen Stellen, an denen auch Busse, Autos und Lkw die Gleise passieren. Auch die Fahrwerke der Straßenbahnen waren – kurioserweise immer nur auf der linken Seite – verschmiert und verklebt, 52 Züge betroffen. Die VAG plädierte dafür, die Hitze als Unwetter zu begreifen. Und: Noch kein Unwetter habe in Nürnberg bei einem öffentlichen Verkehrsmittel einen solchen Schaden angerichtet.Hitzewelle:„Die Bayern vertragen die Hitze schlechter als die Spanier“Hitzeforscherin Veronika Huber erklärt, warum wir unserem Körper helfen, wenn wir uns in den Schatten stellen - und was wir von den Spaniern lernen können.Nach einer aufwendigen Reinigung von Gleisen und Straßenbahnen mit Lösemitteln, einem Fahrzeug, das als eine Art mobiler Hochdruckreiniger fungiert, Trockeneis und Handarbeit im Schichtbetrieb verkehren die Straßenbahnen nun wieder, einige Stellen im Schienennetz wirken aber noch immer eher notdürftig verputzt und müssen bis zum Winter neu aufgefüllt werden.Um eine Wiederholung des wochenlangen Stillstandes zu vermeiden, kündigte die VAG am Mittwoch an, ihre Kontrollen zu intensivieren – besonders dort, wo auch andere Fahrzeuge unterwegs sind. Überdies sei rund um die Uhr ein Schienenschleifzug auf den Gleisen, der Verschmutzungen beseitigen soll, bevor eine Tram sie verteilen kann. Außerdem will die VAG asphaltierte Streckenabschnitte, also jene, wo Straße auf Gleis trifft, mit Wasser besprühen und so „die Oberflächentemperatur durch Verdunstung reduzieren“. Komme es dennoch zu Schäden, werde man „die Bitumenstreifen im asphaltierten Bereich sanden und die klebrige Oberfläche dadurch abstumpfen“.Sollte all dies immer noch nicht reichen, werde man „im Extremfall“ erneut den Betrieb ein- und auf Ersatzverkehr mit Bussen umstellen müssen. Je nach Tagestemperatur sei auch denkbar, die Straßenbahnen nur morgens fahren zu lassen. Sobald 30 Grad überschritten werden, müssten Busse Umwege fahren, um keine Gleise mehr zu passieren. Der reguläre Busverkehr würde dadurch „nur geringfügig eingeschränkt“. Und: Die Beeinträchtigungen durch einen zwischenzeitlichen Tramstopp seien „weniger massiv, als wenn der Betrieb wiederum für rund zwei Wochen stehen muss“.Eine mittel- und vor allem langfristige Lösung ist all dies nicht, zumal es künftig noch heißer und länger heiß werden dürfte. Weil Gespräche mit Herstellern „in den vergangenen Monaten leider kein Ergebnis gebracht“ hätten, macht sich die VAG jetzt gemeinsam mit der Technischen Universität Darmstadt auf die Suche nach einer Alternative zu dem Bitumen. Überdies will sie bei Verkehrsbetrieben in Südeuropa nach Rat fragen – dort kennt man sich mit der Hitze ja aus.