GastkommentarGefährliche Verharmlosung: wie die Gender-Theorie den Blick auf islamistische Gewalt blockiertNach dem Anschlag auf den Berliner CSD schweigt ein Teil der Queer-Szene zu islamischer Homophobie. Das hat mit dem akademischen Erbe der Gender Studies zu tun: einer Ideologie, die in Tätern Opfer sieht.Vojin Saša Vukadinović29.07.2026, 18.21 Uhr4 LeseminutenDas Motto der diesjährigen Pride in Berlin lautete «Haltung ist hot». Nach dem Angriff durch einen islamistischen Attentäter wollen viele Angehörige der queeren Gemeinschaft aber nicht über dessen Herkunft reden.Massimo Di Nonno / GettyMit dem islamistischen Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin ist die islamische Homosexuellenfeindlichkeit endgültig zum Politikum geworden. Allerdings fällt an einigen ersten Stellungnahmen auf, dass manche Vertreter der Szene eine Debatte genau hierüber zu vermeiden versuchen. Dazu gehört Berlins Queer-Beauftragter Alfonso Pantisano, der auf die Frage von Tagesschau 24, was das Leben Homosexueller derzeit am meisten bedrohe, das Gespräch auf die USA lenkte: Dort zeige sich, «wie schnell eine Demokratie zusammenbrechen» könne.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kritiker versuchten, dieses Ausweichmanöver als Realitätsverweigerung der LGBT-Bürgerrechtsbewegung zu entlarven. Tatsächlich haben sich Teile dieser Bewegung mittlerweile auf einen sektiererischen Kurs begeben: Statt die Anliegen von Homo- und Bisexuellen zu vertreten, erheben sie den Gebrauch von Neopronomen zur politischen Maxime.Dennoch wäre es falsch, zu verallgemeinern. Auf dem CSD-Umzug waren auch israelsolidarische Gruppen vertreten. Sie grenzen sich scharf vom Queer-Aktivismus ab, der zeitgleich bei einer Gegenveranstaltung durch den Bezirk Wedding zog – der Internationalist Queer Pride (IQP). Dort versammelten sich die nunmehr notorischen Queers for Palestine. Sie verstehen sich nicht als klassische schwul-lesbische Aktivisten, sondern haben ein komplett gegenteiliges Selbstverständnis.Von der Uni in die GesellschaftIm Voraus hatte das Organisationskomitee der IQP in seinem Code of Conduct verkündet, dass «rassistische, queer- und transphobe, ableistische, (trans)misogyne, sexistische und nationalistische Aggressionen in keiner Form toleriert» würden. Die auffällige Lücke in der Aufzählung belegt es: Antisemitische und homosexuellenfeindliche Aggressionen sind in diesem Milieu kein Problem.Das Vokabular klingt wie aus einem Gender-Studies-Seminar. Das offenbart das eigentliche Problem: Die wirksame Bekämpfung islamistischer Gewalt wird bereits von einem Denken verhindert, das ein besseres Verständnis religiöser Konflikte und sozialer Verwerfungen gar nicht erst zulässt.Dieses Denken wurde an den Universitäten geprägt, deren geistes- und sozialwissenschaftliche Absolventen der letzten zwanzig Jahre in Stiftungen, NGO, Parteien und Redaktionen geströmt sind. Dort haben sie ihm zu gesellschaftlichem Status verholfen. Nur so ist erklärbar, dass der Hinweis auf die Besonderheit islamischer Gewalt-Affinität heute als «antimuslimischer Rassismus» gebrandmarkt wird, während die unentwegte Warnung vor «rechts» nahezu zu einer Obsession wurde.Judith Butlers VerharmlosungenVorreiterin ist hier wie so oft Judith Butler. In ihrer Abhandlung «Wer hat Angst vor Gender?» nannte die Ikone der Gender Studies 2025 den «Rechtspopulismus» als weltweit grösste Bedrohung homosexueller und bisexueller Menschen. Zu deren Situation in islamischen Ländern schweigt sie. Es war nicht ihre erste Verfehlung: Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 sorgte Butler bereits für Empörung, als sie für die Vergewaltigung israelischer Frauen durch Hamas-Terroristen und palästinensische Zivilisten «Beweise» verlangte.Noch radikaler geriert sich Jasbir Puar, die in Vancouver Queer Theory lehrt und als Schlüsselfigur der akademischen Normalisierung des Antisemitismus gilt. Nahezu ihr ganzes Wirken steht im Zeichen des wissenschaftlich camouflierten Kampfes gegen Israel; antijüdischen Terror verherrlicht sie als «queer». Konsequenterweise gipfelt ihr vorletztes Buch von 2017 in der Erklärung, oberstes Ziel ihrer Arbeit sei der Kampf für ein «freies Palästina».2021 war Puar Gastprofessorin am Zentrum Gender Studies der Uni Basel. Dort bot sie Einzelsitzungen für Promovierende an, die in «politisch brisanten» Feldern tätig seien – man kann darunter fast nichts anderes als antizionistischen Aktivismus verstehen.Die Journalistin Judith Sevinç Basad machte 2018 in der «FAZ» darauf aufmerksam, dass Gender-Studies-Absolventen unter anderem durch Puar in Terrorapologetik geschult würden, der Verteidigung von Terror. Darauf setzte Julia Bee, Gender-Studies-Professorin an der Ruhr-Universität Bochum, eine Stellungnahme auf. Lapidar hiess es darin, dass Puar antisemitische Gewalt lediglich «beschreibt». Basad hielt sie eine «bewusste ‹Perversivizierung› von Denker*innen» vor.«Queeres Mitgefühl» für Muslime gefordertSolche Reaktionen sind Abwehrreflexe einer analytisch insolventen Szene, die sich der Frage nach der eigenen gesellschaftlichen Verantwortung konsequent entzieht. Als der 2017 von Patsy l’Amour laLove herausgegebene Sammelband «Beissreflexe» das gender- und queertheoretische Desinteresse an islamischer Homophobie und das Liebäugeln mit antisemitischem Terror kritisierte, reagierte das Milieu mit öffentlicher Empörung – ohne auch nur ein einziges Argument stichhaltig zu entkräften.Der Queer-Theory-Adept Peter Rehberg warf den Autoren in der Wochenzeitung «Freitag» vor, sie betrieben einen «schwulenemanzipatorischen Populismus» und zeigten «wenig queeres Mitgefühl» für Muslime. Dass der antisemitische Queer-Aktivismus indes «wenig queeres Mitgefühl» für Juden zeigt und stattdessen den Schulterschluss mit dem Islamismus sucht, unterschlägt Rehberg.Das Gender-Studies-Milieu gibt vor, Diskriminierung wissenschaftlich zu bekämpfen. Doch obwohl es über genügend Mittel verfügte, um die weitverbreitete islamische Homophobie zu untersuchen, die sich immer wieder in schweren Gewalttaten gegen Schwule offenbart, wird dies unterlassen. Die Resultate dürften das Fach seiner moralischen Gewissheit berauben, «intersektional» im Dienste gesellschaftlicher Minderheiten zu wirken.Die Herkunft bestimmt das OpferHier wird ein Weltbild vermittelt, das auf grotesken Verallgemeinerungen fusst, die als Täterschutz zu begreifen sind. Das zeigen die Schriften der Berliner Gender-Studies-Forscherin Gabriele Dietze, die 2024 in einem Aufsatz behauptete: «Alle Männer, die über ‹Rasse› oder Migration definiert werden, nehmen eine Position der Marginalisierung ein.»Folgt man dieser Logik, wäre der CSD-Attentäter Abdul Ballout ein von Diskriminierung betroffenes Opfer der deutschen Gesellschaft gewesen, während die herkunftsdeutschen Männer unter den 29 Anschlagsopfern «eine hegemoniale Position» innegehabt hätten.All dies verrät, was die Heerschar von Gleichdenkenden geschult hat, die sich nun standhaft weigern, über Islamismus zu sprechen: Nicht die Wirklichkeit leitet sie an, sondern «Theorien», die keinerlei Prüfung standhalten, weil sie bestenfalls Ressentiments sind. Die Folgen sind so weitreichend wie fatal.Vojin Saša Vukadinović ist Historiker. Er hat jüngst eine Ausgabe der geschichtswissenschaftlichen Zeitschrift «Ariadne» zur Geschichte der Frauenemanzipation in islamischen Ländern verantwortet.Passend zum Artikel
Nach dem CSD-Anschlag: Hinter Schweigen der Queer-Szene steckt das Erbe der Gender Studies
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