In den Karstfelsen der Schwäbischen Alb gibt es etliche Höhlen, die in der Altsteinzeit vor rund 40.000 Jahren von Menschen genutzt wurden. Unter ihnen waren die Schöpfer der frühesten bekannten figürlichen Rundplastiken der Kunstgeschichte: Das Pferdchen, das Mammut oder der Schneeleopard aus dem Vogelherd, der Höhlenbär aus dem Geißenklösterle oder die Venus vom Hohle Fels sind heute weltberühmt und haben der Region den UNESCO-Welterbestatus eingebracht.Nun gibt es neue Funde – wieder aus dem Hohle Fels bei Schelkingen unweit von Blaubeuren, wo Archäologen um Nicholas Conard von der Universität Tübingen sich jedes Jahr ein Stück weiter durch den Höhlenboden graben. In der Grabungssaison 2025, deren Ergebnisse Conard an diesem Mittwoch im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren sowie mit seinen Mitarbeitern Alexander Janas und Mohsen Zeidi in der Fachpublikation „Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg“ vorgestellt hat, kamen zwei spektakuläre Skulpturen aus Mammut-Elfenbein zutage: zwei kleine Vögel.Und klein heißt hier wirklich klein. Kaum daumennagelgroß und 1,28 und 0,66 Gramm schwer, sind es die kleinsten aller bisher bekannten Eiszeitkunstwerke der Welterberegion, die alle der Kulturstufe des Aurignacien zugeordnet werden können. Deren Träger waren nach bisherigen Erkenntnissen die ersten anatomisch modernen Menschen unserer Art Homo sapiens, die dauerhaft bis nach Mitteleuropa vorstießen.Welches Geflügel hier dargestellt sein könnteDie nun gefundenen Skulpturen erweitern das Faunenspektrum der aurignacienzeitlichen Darstellungen von Lebewesen noch einmal. „Hier ist dem Mammutstoßzahn nicht nur irgendeine vereinfachte Form eines Vogelkörpers abgerungen worden“, erklärt Nicholas Conard. „Hier wurden exakte Naturbeobachtungen in Figuren umgesetzt, deren Detailreichtum selbst eine Auseinandersetzung mit den Fragen ermöglicht, welche Vogelart dargestellt ist und was diese tut.“Es sind nicht die ersten Vogelbildnisse aus dem Aurignacien. In den Jahren 2001/2002 war ebenfalls im Hohle Fels eine 4,7 Zentimeter lange Vogelfigurine gefunden worden – vielleicht eine tauchende Ente. Diesmal ist aber kein Wasservogel dargestellt, sondern möglicherweise Schneehühner. Knochen dieser Tiere tauchen jedenfalls in den Grabungsbefunden der Region häufig auf, allerdings sind sich Conard und seine Kollegen nicht sicher. Infrage käme auch eine andere Art aus der Familie der Fasanenartigen, etwa das Auerhuhn. Sicher ist indes, dass hier einmal ein Vogel in ruhender, vielleicht brütender Position dargestellt ist und einmal einer mit ausgebreiteten Schwingen. Die linke Figur ist leider abgebrochen, und die vielleicht noch vorhandenen Fragmente konnten noch nicht identifiziert werden.Unklar bleibt, ob die beiden Figuren von ein und demselben Elfenbeinschnitzer stammen oder ob sie in unterschiedlichen Generationen geschaffen wurden. Sie kommen zwar aus der gleichen Fundschicht, lagen aber etwa eineinhalb Meter voneinander entfernt. Noch weniger lässt sich über den Zweck sagen, zu dem sie angefertigt wurden, oder die Bedeutung, die sie für ihre Schöpfer und deren Zeitgenossen und Nachfahren hatten.Von wegen „Kraft und Aggression“Die forschungshistorisch zuerst aufgefundenen aurignacienzeitlichen Skulpturen stellen alle große, für die damaligen Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften gefährliche Tiere dar. Daher vermutete man lange ein kultisches Motiv im Zusammenhang mit dem Thema „Kraft und Aggression“ sowie natürlich der Jagd. Nach dem Fund der „Ente“ aus dem Hohle Fels aber sowie weiterer Darstellungen kleinerer Tiere verlor diese Idee an Triftigkeit und wird durch die neuen Funde nun weiter unterminiert.„Die Vögel haben wahrscheinlich wenig mit der Kraft-und-Aggression-Hypothese zu tun“, schreiben Conard, Janas und Zeidi. „Und ebenso wenig mit Jagdmagie, Schamanismus, Paläoastronomie oder Fruchtbarkeit und Paläo-Hebammenkunde“ – alles Interpretationsvorschläge, die für andere Skulpturenfunde von der Schwäbischen Alb schon vorgebracht wurden. Eher können sich die Wissenschaftler eine Funktion als Talisman vorstellen oder als identitätstiftende Symbole einer Gruppe, welche die Höhle nutzte.Denn ein bloßes Sanktuar war der Hohle Fels vor 40.000 Jahren nicht gewesen. Schon vor dem Aurignacien wohnten hier Neandertaler. Wie Conard und Kollegen berichten, wurden allein 2025 insgesamt 27 Kilogramm Knochenkohle aus neandertalerzeitlichen Schichten gefunden. Auch die Leute des Aurignacien, die ihnen nachfolgten, heizten offenbar gerne mit frischen, fettreichen Tierknochen, denn Holz war in der Eiszeit vergleichsweise rar.Und diese Menschen schnitzten nicht nur Skulpturen. Die Vögelchen gehören zu mehr als hundert Stücken bearbeiteten Elfenbeins, die 2025 ans Licht kamen. Viele davon sind Werkzeugfragmente, etwa von Keilen oder Meißeln. Aber auch 58 Elfenbeinperlen waren dabei, darunter auch welche eines bisher unbekannten Designs. Der neben den beiden Vögeln aber vielleicht wichtigste neue Fund ist das Fragment einer Knochenflöte, das nicht zu einer aus dem Knochen eines Gänsegeiers gefertigten Flöte gehört, die 2008 entdeckt wurde. „Diese Entdeckung beweist erneut, dass Musik ein wichtiger Aspekt des Lebens im Schwäbischen Aurignacien war“, schreiben die Autoren. Gerne stellt man sich vor, die Schöpfer der Vögel könnten bei der Arbeit Flötenspiel gelauscht haben.Hinweis: Die beiden neuentdeckten Vogelskulpturen sind bis zum 4. April 2027 im Blaubeurer Museum für Urgeschichte und Eiszeitkunst ausgestellt. Führungen dazu gibt es am 1. und 2. August, jeweils um 14.30 Uhr.