Der südkoreanische Chiphersteller SK Hynix verzeichnet einen Rekordgewinn – gleichzeitig sackt die Aktie abBeim Marktführer für KI-Speicherchips gehen Riesengewinn und Kollaps derzeit Hand in Hand. Die Skepsis der Anleger ist gross.Martin Kölling, Tokio29.07.2026, 11.39 Uhr4 LeseminutenDevisenhändler in der Zentrale der Hana-Bank in Seoul, Südkorea.Ahn Young Joon / APDer südkoreanische Speicherchiphersteller SK Hynix hat im zweiten Quartal 2026 erneut einen Rekordgewinn eingefahren und damit seinen optimistischen Ausblick auf den Boom im Bereich künstliche Intelligenz untermauert. Der Umsatz stieg gegenüber dem Vorquartal um 51 Prozent und gegenüber dem Vorjahr um 257 Prozent auf 79,3 Billionen Won (44,7 Milliarden Franken) – gebremst allein dadurch, dass die Speicherchiphersteller nicht genügend Chips produzieren können.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Noch stärker legten die Gewinne zu, weil der Mangel an Speicherchips die Preise zusätzlich in die Höhe getrieben hat. Doch dem Markt genügte selbst ein optimistischer Ausblick des Unternehmens nicht: Der Aktienkurs sackte am Dienstag nach einem kurzen Anstieg um 4 Prozent bis elf Uhr (Ortszeit) erneut stark ab, um 8,3 Prozent auf 1,42 Millionen Won (801 Franken). Zu gross sind die Zweifel am KI-Boom.Der Kontrast zwischen Bilanz und Börse ist markant: Das operative Ergebnis kletterte im Vergleich zum vorigen Quartal um 61 Prozent und zum Vorjahr um 554 Prozent auf 60,5 Billionen Won (34,1 Milliarden Franken) und lag damit knapp unterhalb der Markterwartungen. Die operative Marge verbesserte sich auf 76 Prozent – und war damit fast doppelt so hoch wie vor einem Jahr.Dank einem Sondergewinn aus dem Verkauf von Anteilen am japanischen Speicherchiphersteller Kioxia schoss der Reingewinn innerhalb von zwölf Monaten sogar um 1242 Prozent auf 93,9 Billionen Won (53 Milliarden Franken). Doch an der Börse ist die frühere Euphorie plötzlich in die Angst umgeschlagen, dass sich die hohen Investitionen der KI-Anbieter in Rechenzentren nicht rechnen werden.Die Aktie von SK Hynix spiegelt diese Wende idealtypisch wider. Nachdem sich der Aktienkurs zwischen Ende März und dem 22. Juni mehr als verdreifacht hatte, brach er seither um 52 Prozent ein. Dabei hatte der Präsident des Corporate Center bei SK Hynix, Song Hyeon Jong, den Sorgen widersprochen, dass KI-Anbieter ihre Investitionen in Rechenzentren drastisch senken werden.SK Hynix sagt ein Andauern des Chipbooms voraus«Da sich KI zudem über verschiedenste Dienste hinweg ausbreitet – Suche, Coding, Produktivitätswerkzeuge –, weitet sich auch die Nachfrage aus Speicherperspektive aus», sagte Song in einem Call mit Investoren.Er gehe davon aus, dass mögliche Preissenkungen für KI-Programme und effizientere Modelle die Gesamtnachfrage nach Infrastruktur nicht schmälern, sondern vielmehr die Nutzerbasis und das Anwendungsspektrum erweitern würden. «Grosse Technologiekunden weiten ihre Infrastrukturinvestitionen angesichts steigender Nutzung von KI-Diensten und knapper Rechenkapazitäten weiter aus», so Song.Mehr noch: «Angesichts des Umsatz- und Gewinnwachstums aus ihren KI-Diensten scheinen sie ihre Speicherbeschaffung weiter auszubauen», sagte Song. «Tatsächlich fragen unsere wichtigsten Kunden weiterhin mehr Speicherkapazität nach.» Aus heutiger Sicht erscheine «eine kurzfristig spürbare Verbesserung des Gleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage» schwierig.Sprich: SK Hynix erwartet weiterhin einen Mangel an Speicherchips. Bereits in der Vorwoche hatte auch der grösste Auftragsfertiger und Technologieführer in der Chipproduktion, Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC), eine Knappheit bis 2030 vorhergesagt.Dieser Ausblick stützt die Einschätzung der Analysten, die das südkoreanische Unternehmen weiterhin zum Kauf empfehlen: Von 37 Analysten sehen 25 SK Hynix als «Strong Buy», weitere zehn als «Buy».Angst vor Überinvestitionen und Chinas KI- und Chipindustrie verstärken die SkepsisDoch bislang reichten weder die Einschätzungen der Industrieführer noch die der Analysten aus, um den Absturz der Chip- und KI-Werte an den Börsen zu bremsen – zu sehr häufen sich die Befürchtungen eines Endes des Booms von Chip- und KI-Aktien.Zunächst zweifelten die Anleger, ob die grossen amerikanischen Anbieter wie Open AI und Anthropic sowie Cloud-Betreiber wie Amazon oder Meta angemessene Einnahmen auf ihre extrem hohen Investitionen in KI-Rechenzentren erzielen könnten. Nun schüren Erfolge chinesischer Rivalen die Sorge, dass die Herausforderer die etablierten Geschäftsmodelle untergraben könnten.Das chinesische Startup Moonshot etwa stellte mit Kimi K3 ein Modell vor, das zumindest in Benchmarks mit führenden amerikanischen Modellen mithalten kann und pro Token – der Recheneinheit, nach der KI-Nutzung abgerechnet wird – weniger kostet als die Konkurrenz. Zudem feierte der chinesische Speicherchiphersteller CXMT einen erfolgreichen Börsengang.Diese Woche folgte der nächste Schlag: Ein chinesisches Unternehmen soll mit der Produktion selbst entwickelter Immersions-Lithografieanlagen im Tief-Ultraviolett-Bereich begonnen haben. Solche Anlagen sind ein zentrales Werkzeug für die Herstellung hochmoderner Chips mit Strukturen von weniger als sieben Nanometern.TSMC verkauft bereits Chips mit Zwei-Nanometer-Strukturen – ein Niveau, von dem chinesische Konkurrenten bislang weit entfernt waren. Wegen Exportbeschränkungen durfte der bisherige Monopolist für solche Lithografieanlagen, der niederländische Hersteller ASML, seine modernsten Anlagen nicht nach China liefern. Nun wächst die Sorge, dass ein Vorstoss chinesischer Hersteller die Gewinne auch bei hochkomplexen KI-Speicherchips schmälern könnte.Die Anleger suchen noch nach dem BodenZur Vorsicht mahnen zudem die weiter steigenden Kosten für neue Speicherchipwerke. SK Hynix erhöhte seine Investitionen für dieses Jahr auf mehr als 40 Billionen Won. Der Grund: Die heutigen sogenannten High-Bandwidth-Memory-Chips bestehen aus gestapelten Halbleitern. Denn je mehr Ebenen, desto komplexer und teurer wird die Produktion.Der Druck auf den Marktführer ist entsprechend hoch. Besonders der Lokalrivale Samsung Electronics, der am Donnerstag Details seiner Rekordbilanz vorlegen wird, drängt bei dieser Technik nach vorn. SK Hynix versprach den Investoren nun einen Balanceakt: die eigene Führungsposition weiter zu stärken und dabei Stabilität und Profitabilität auszubalancieren.Das Unternehmen will daher flexibel auf Nachfrageschwankungen reagieren und setzt zugleich auf langfristige Liefervereinbarungen. Erst kürzlich schloss es bei einem amerikanisch-koreanischen KI-Gipfel in den USA Abnahmevereinbarungen über 750 Milliarden Dollar für die kommenden fünf Jahre ab. Aber an der Börse suchen die Anleger noch weiter nach einem Boden für die Chip- und KI-Aktien. Derzeit ist SK Hynix noch immer 40 Prozent mehr wert als Ende März dieses Jahres.Passend zum Artikel