Der Ministerpräsident verlegt die letzte Kabinettssitzung vor den Sommerferien auf den Starnberger See. Für den landespolitischen Reporter ziemt es sich da natürlich, gleich am Morgen mit an Bord zu gehen. Könnte man ja was verpassen. Und wie praktisch ist das alles: Normalerweise tagt der Ministerrat in der Staatskanzlei in München, jetzt aber ist die Anfahrt für den Reporter aus seinem Domizil in Weilheim in Oberbayern nur ein Abstecher, zumal mit der Bahn.Zweimal pro Stunde fährt die Bahn regulär von Weilheim nach München, einmal mit Halt in Starnberg, zwei Stationen wären es nur. Das andere Mal ginge es nach Tutzing, eine Station, und dann mit der S-Bahn flugs bis Starnberg. Jeweils 20 Minuten Fahrtzeit.„Wäre“ und „ginge“ sind Worte, die jedem Bahnfahrer vertraut sind. Wohl ist es ein innerer Reflex, gleich mit dem Wecker am frühen Morgen die Bahn-App zu öffnen, obwohl es ja nur eine schnöde 20-Minuten-Strecke ist. In der App jedenfalls leuchtet alles rot, wie im Deutschaufsatz eines Sechserschülers. Fast alle Verbindungen von Weilheim aus an diesem Morgen – fallen aus, ohne Angaben von Gründen. Vereinzelt werden Ersatzzüge angezeigt beziehungsweise Ersatzzüge für Ersatzzüge, alles rot und doppelt rot markiert. Und siehe da, es führe ein einzelner Zug doch Richtung München, wenn auch nur bis Tutzing. Von Tutzing aus böte sich dann die S-Bahn an. Wieder viel Konjunktiv.Ankunft am Bahnhof Weilheim. Aha, auch dieser Zug fällt aus. Dann aber winken plötzlich Bahnmitarbeiter auf Gleis drei aufgeregt der Menschenmenge auf Gleis eins zu. Von dort aus führe ein anderer Zug, bis nach München sogar und über Starnberg. Der Zug fährt tatsächlich los, dann Halt in Tutzing. Durchsage: Auf „unbestimmte Zeit“ keine Weiterfahrt dieses Zuges. Und hinterher geschoben: Wer nach Starnberg wolle, solle die S-Bahn nehmen, die fahre in „zwei Minuten“ auf dem Nachbargleis ab. Tumultartiger Aufbruch, Rennen durch den Tunnel zum anderen Gleis. Kaum ist man dort in die S-Bahn eingestiegen, lässt sich durchs Fenster beobachten, wie der Ursprungszug doch nicht auf unbestimmte Zeit steht, sondern sofort weiterfährt. Und zwar nach Starnberg.Und dann auch noch das: Auftritt ReichsbürgerDie S-Bahn wiederum, sagt deren Fahrer bedauernd durch, müsse jetzt erst mal in Tutzing stehen. Aha. Dann: Auftritt Reichsbürger. Die Mundwinkel aller Fahrgäste hängen längst tief, jeder schweigt schwitzend und grantig vor sich hin. Ein Mann aber weiß lautstark zu berichten, dass man sich über das Chaos nicht wundern müsse. Schließlich sei das Land „immer noch von den Amerikanern besetzt“, das sei alles Strategie, um das deutsche Volk zu zermürben, alles ein finsterer Plan. Weil sich niemand in der Bahn empfänglich für die These zu zeigen scheint, spricht er die Fahrgäste reihum an.Oha, dann geht es tatsächlich los, über Feldafing und Possenhofen nach Starnberg. Nach einem hurtigen Fußmarsch zur Anlegestelle ist der Reporter noch rechtzeitig am Ende des Zeitfensters da, das die Staatskanzlei zum Check-in für die Presse vorgegeben hat. Nur, dass die 20-Minuten-Fahrt halt knapp anderthalb Stunden gedauert hat. Markus Söder entsteigt dem Wagen und begibt sich fröhlich auf die MS Starnberg. Es geht im Schwerpunkt um Umweltschutz und Wasserversorgung, nicht um Verkehrspolitik und Bahnchaos.