Die ganze Szenerie erinnert an eine Klassenfahrt. Starnberg an diesem ordentlich heißen Dienstagvormittag, am Gebäude der bayerischen Seenschifffahrt trudeln die Schülerinnen und Schüler ein. Nun gut, es sind Ministerinnen und Minister, das Kabinett hält seine letzte Sitzung vor den Sommerferien auf dem See ab, an Bord der MS Starnberg. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) hat den Janker locker über die Schulter gelegt, manche tragen Sonnenbrille, das Schiff füllt sich. Und wie beim Schulausflug: Alles wartet nur noch auf den Lehrer, der mit dem Klassenstreber im Gefolge als Letzter auftaucht. Dann kommt er: Ministerpräsident Markus Söder, an seiner Seite Markus Blume, der Wissenschaftsminister (beide CSU). Das Kabinett kann ablegen.Natürlich ist es kein Freizeitvergnügen, das sich der Ministerrat hier gestattet. Das legt auch Söder bei einem ersten Statement vor der Sitzung nahe. „Bayern ist Wasserland“, sagt er, und solle es bleiben. Die Umweltpolitik steht auf dem Programm stehen; auch Experten aus der Wissenschaft sind dabei. Wegen des Klimawandels gebe es große Herausforderungen, sagt Söder. „In manchen Zeiten gibt es Hochwasser und dann auch wieder Niedrigwasser.“ Derzeit erlebe Bayern eine der längsten Hitzewellen sowie sehr niedrige Pegelstände, beim Grundwasser und in den Seen. Darauf müsse und wolle man reagieren. „Der Klimawandel ist da und er läuft.“ Jeder, der das leugne, lebe in einer anderen Welt.Umweltpolitik steht auf dem Programm bei der Sitzung auf dem Schiff. Draußen zieht Bilderbuch-Bayern vorbei. Foto: Peter Kneffel/dpaDazu die passende Kulisse, in der auf den ersten Blick nichts von den Umständen zu sehen ist: Das Kabinett berät, während sich die MS Starnberg sanft durch den See schiebt und ein Bilderbuch-Bayern an den Sitzungsteilnehmern vorbeizieht.Später spricht Söder, flankiert von Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) und Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) eine ganze Reihe von Maßnahmen und Projekten an, mit denen die Staatsregierung den immer schärferen Auswirkungen des Klimawandels auf Bayern und seine Menschen begegnen will. Viele laufen schon seit Längerem, andere sind vergleichsweise neu. Aber Söder will sichtlich den Eindruck machen, dass dieser Sommer mit seinen Hitze- und Trockenheitsrekorden ihn bestärkt, die Folgen des Klimawandels für die Menschen in Bayern erträglich zu machen.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Da ist allen voran das Projekt „SüS-Wasser“, mit dem die Staatsregierung die Trinkwasserversorgung für Nordbayern langfristig sicherstellen will. Dazu sollen bis zum Jahr 2050 Millionen Liter Trinkwasser aus dem extrem wasserreichen Mündungsgebiet des Lechs in die Donau über neue Fernleitungen nach Franken gelenkt und in einer Art Ringschluss mit den Trinkwassersperren in Mauthaus (Landkreis Kronach) und Frauenau (Landkreis Regen) verbunden werden. Schon jetzt profitieren 2,6 Millionen Menschen vor allem in Nordbayern von der vorhandenen Fernwasserversorgung. Wenn SüS-Wasser einmal greift, werden es bis zu fünf Millionen Menschen sein. Söder spricht von einem „Generationen-Projekt“.Oder das Aktionsprogramm „Schwammregionen“, mit dem der Freistaat nicht nur Kommunen, sondern auch Bauern und Waldbesitzer unterstützt, die den natürlichen Wasserrückhalt in der Landschaft fördern wollen, etwa durch Feuchtbiotope, die Renaturierung von Bächen oder kleine Flutmulden auf Wiesen. Damit sollen Hochwasserspitzen abgemildert, aber auch Trockenperioden leichter überbrückt werden können. Auch der Waldumbau – weg von anfälligen Fichtenwäldern hin zu resilienten Mischwäldern – soll unvermindert fortgesetzt werden. Außerdem kündigte Söder an, „die klimagerechte Stadtentwicklung“ mehr als bisher in den Fokus der Städtebaupolitik zu rücken. So wie er Hitzekonzepte für Kliniken, Pflegeeinrichtungen, Kitas und Schulen prüfen lassen will.Bei der Pressekonferenz treten Agrarministerin Michaela Kaniber, Ministerpräsident Markus Söder und Umweltminister Thorsten Glauber (re.) vor die Journalisten. Foto: Peter Kneffel/dpaDie letzte Sitzung vor den Ferien bietet auch Anlass zur Bilanz. Die Staatskanzlei hat die Spitzen der Regierungsfraktionen, Klaus Holetschek (CSU) und Florian Streibl (FW), eingeladen. Wie läuft es in der Koalition?Die Schmach der CSU, bei den Kommunalwahlen im März viele angestammte Landratsposten an die FW verloren zu haben, hat das Verhältnis offenbar nicht eingetrübt. Die Freien Wähler rund um Hubert Aiwanger verzichteten Kabinettskreisen zufolge auf Triumphgeheul. Und die CSU hat die Schlappe insofern verdaut, als dass das Verhältnis von großem und kleinem Partner in der Regierung ja sichergestellt sei. Allerdings hört man regelmäßig in der CSU Unmut darüber, dass FW-Politiker vielerorts im Freistaat so tun, als säßen sie in München in der Opposition und nicht am Regierungstisch. Dies betrifft unliebsame Entscheidungen wie die Umstrukturierung der Krankenhauslandschaft. Im Großen und Ganzen regieren die Partner aber recht geräuschlos. Schon bei einer Klausur der beiden Fraktionen kürzlich in Schwaben hatte Holetschek betont, man habe um die 80 Prozent des Koalitionsvertrags „abgearbeitet“.Wobei über allem die Frage steht: Werden die Koalitionäre nach der Landtagswahl 2028 weitermachen? In CSU-Kreisen gibt es vereinzelt Zweifel, ob man sich auf ewig an den Partner und zugleich Konkurrenten ketten sollte. Alternativen wären die SPD, sofern stark genug, oder die Grünen – was eine Kehrtwende des jetzigen Kurses bedeutete, aber nicht allen in der CSU so fern liegt wie dem Parteichef. Die Freien Wähler bieten derweil regelmäßig süßliche Offerten für eine Langzeitehe auf.Was auch zur Wahrheit gehört: Die Koalition in Bayern dürfte gerade das geringste Problem für Markus Söder sein. Da ist vielmehr der Knacks an seinem Renommee in Teilen der eigenen Reihen infolge der Kommunalwahlen und nach der „Pfingstbrief“-Debatte über das inhaltliche Fundament der Partei. Außerdem braut sich ein Volksbegehren zusammen, das die Amtszeit bayerischer Ministerpräsidenten begrenzen möchte; also Söders Amtszeit. Da wäre die Performance der Bundesregierung, die Schwesterpartei CDU lässt kaum einen Tag ohne Panne verstreichen. Und da sind die bevorstehenden Landtagswahlen in Ostdeutschland, mit der Gefahr von Instabilität in der Republik.Frage an Markus Söder bei der Pressekonferenz auf dem Schiff am Mittag: Wie steht’s mit den Freien Wählern in der Zukunft? „Wirklich gut“ sei die Zusammenarbeit, gerade nach der Kommunalwahl habe man „einen neuen Anlauf“ gefunden. Alles Weitere – „zu gegebener Zeit“. An die Grünen habe er, nach dem Terroranschlag beim CSD in Berlin, aber „eine massive Aufforderung“: Diese klagten bis heute gegen das bayerische Polizeiaufgabengesetz, das unter anderem Präventivhaft für Gefährder vorsieht. Von den Freien Wählern seien solche Dinge, wie in vielen anderen Bereichen, „nicht zu hören“.