«So eine Brandgeschwindigkeit habe ich noch nie erlebt», sagt einer, der in Spanien vor den Waldbränden flüchten mussteZehntausende wurden in der Provinz Castellón bei Valencia vor den Flammen evakuiert. Nach der Flut vor eineinhalb Jahren die zweite Katastrophenlage innert kürzester Zeit. Wie gehen die Menschen vor Ort mit dem Teufelskreis zwischen Feuer und Wasser um? Ein Augenschein.29.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEinige Bewohner konnten am Dienstag wieder in ihre Häuser zurück. Sie berichten von vielen toten Tieren, aber die Häuser stehen noch.Eva Manez / ReutersEnrique und seine Frau Sabina hatten am Samstag gerade ihren Apéro in der Bar von Artana genommen und waren auf dem Rückweg nach Hause, als sie Richtung Berg die Flammen erblickten. Für den 57-Jährigen erst einmal kein grosser Grund zur Beunruhigung, er hat sein ganzes Leben in dem kleinen Ort am Fuss der Serra d’Espadà über der Ebene von Castellón verbracht und dabei schon manchen Waldbrand gesehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Enrique wurde wegen des anrückenden Feuers evakuiert.NZZDas Paar ass noch gemütlich zu Mittag. Doch dann kam die Alarm-SMS, und Enriques Nichte kam angerannt: Los, sofort weg hier! Die Strasse, die bei früheren Bränden als Schutz gedient hatte: schon nicht mehr befahrbar. Das nächste Dorf, das sie über einen Schleichweg erreichten: Als sie ankamen, wurde dort gerade eine Ausgangssperre verhängt. Also noch einen Ort weiter, nach Nules. Dort sitzt Enrique drei Tage später in der Turnhalle, die als eines der Evakuierungszentren der Region dient, und sagt: «So eine Brandgeschwindigkeit habe ich noch nie erlebt. Das ist eigentlich kaum zu erklären.»Spanien ist im Juli 2026 ein Land in Flammen. Allein um die Serra d’Espadà, den grössten Naturpark in der Provinz Castellón an Spaniens Ostküste, mussten am Wochenende rund 75 000 Menschen evakuiert oder mit Ausgangssperren bedacht werden. Beim derzeitigen Brand um die Hauptstadt Madrid sind noch mehr Menschen betroffen. Vor drei Wochen starben in der südöstlichen Provinz Almería dreizehn Personen auf der Flucht vor dem Feuer. Ungekannte Dimensionen zu diesem noch relativ frühen Zeitpunkt des Sommers. Denn besonders heftig wird es in der Regel immer erst im August. In Nules sei der Himmel an diesem Dienstag erstmals seit Tagen wieder etwas mehr blau als grau, sagen die Einheimischen.Die Luft riecht nach Rauch, teilweise beisst sie, der Kopf beginnt schon wenige Minuten nach der Ankunft am Bahnhof leicht zu schmerzen. Manche der Evakuierten sind aus der Turnhalle dennoch nach draussen gegangen, in die Bar oder ins Schwimmbad. In dem Pavillon schiessen Jungs auf ein Fussballtor, und lange Tische sind zum Essen aufgebaut.Hier können die unfreiwilligen Besucher den Tag verbringen, in einer anderen Halle schlafen sie, die ist sogar klimatisiert. «Innerhalb von anderthalb Stunden war am Samstag alles arrangiert», sagt David García. Der Bürgermeister von Nules hat seitdem praktisch nicht geschlafen, wie er sagt, seine Stimme rast. An einem Tisch in einer Ecke der Turnhalle hat er gerade eine Lagebesprechung mit Einsatzleitern und Politikern der Region abgehalten.In der Turnhalle von Nules warten sie auf gute Nachrichten von der Einsatzleitung. Noch haben sie keinen Termin für die Rückkehr in ihre Häuser.Carme Ripolles / ImagoNach der Flut die Flammen, dann die FlutGarcía lobt die Koordination der Behörden und die Solidarität der Bevölkerung. Auf Notfälle sei man in Nules gut vorbereitet: «Wir leben in einer sehr konfliktiven Zone.» Die erste Bedrohung ist dabei normalerweise nicht Feuer, sondern Wasser. Spaniens östliche Mittelmeerregion, die Levante, ist besonders anfällig für Starkregen und Überschwemmungen. Ein bis zweimal pro Jahr werde Nules teilweise geflutet, berichtet García, letzten Sommer habe es auch einen Tornado mit tennisballgrossen Hagelkörnern gegeben.David García, Bürgermeister von Nules.NZZDer Bürgermeister zeigt an die Decke der Turnhalle: «Das Dach war komplett zerstört.» In der Nachbarprovinz Valencia kam es Ende Oktober 2024 zur schlimmsten Naturkatastrophe in Spaniens neuerer Geschichte. 238 Menschen starben nach Starkregenfällen im Zuge des am Mittelmeer im Herbst typischen «Dana»-Wetterphänomens.García sagt, dass in Nules seither zugenommen habe, was Forscher als «Ökoangst» bezeichnen: die Sorge wegen schlimmer Klimazwischenfälle. «Immer wenn es regnet oder stürmt, kommen die Ängste.» Doch nun wird auch das Feuer zum Faktor; selbst in Gegenden, die bisher als weniger betroffen galten. Die Fachleute sprechen von der «Epoche der Megabrände». Als solche werden Brände ab 10 000 Hektaren vernichteter Fläche definiert. Die rasante Ausbreitung wird zum einen begünstigt durch die Zunahme von Brennmaterial. Wo immer mehr Dörfer verlassen werden – ein in Spanien besonders grosses Problem –, grassiert der Wildwuchs, fehlt es an Bewirtschaftung, steigen Grösse und Dichte der Wälder.Bürgermeister García, der keiner der grossen Parteien angehört, sondern einer Basisbewegung kleiner Rathäuser, nennt in diesem Zusammenhang ausserdem «radikal-ökologische Politik» als Faktor. Es ist der Vorwurf der Lebensfremdheit vermeintlicher Naturschutzpolitik, den man in Gesprächen mit Einwohnern in Nules öfter hören kann. «Der Berg ist verlassen», sagt García. «Er brennt, weil der Berg nicht kultiviert wird, weil er nicht aufgeräumt wird. Die Flammen verstehen nichts von geschützten Pflanzen, die Flammen fressen alles auf.»Die Betroffenen wissen noch nicht, wie viel von ihrem Hab und Gut dem Feuer zum Opfer gefallen ist.Eva Manez / ReutersSpanien ist von der Erderwärmung stark betroffen. Hitzewellen mit Temperaturen von bis zu 40 Grad Celsius sind im Sommer längst zur Gewohnheit geworden. Der Boden trocknet aus und brennt ab, sobald ein Funke überspringt.Eva Manez / ReutersDer andere Brandbeschleuniger ist die Erderwärmung. Besonders die fehlende Abkühlung in den immer häufigeren «tropischen Nächten» wirke sich enorm aus, erklären Studien. Die Hitze an sich löst keine Feuer aus – das tun meistens Brandstifter –, macht ihre Verläufe aber extremer und unvorhersehbarer.Nach Zahlen vom Wochenbeginn sind 2026 in Spanien bereits 170 000 Hektaren Wald verbrannt, rund sechsmal so viel wie zum selben Vorjahreszeitpunkt. Insgesamt wurden schon 2025 im Königreich 63 Grossbrände gezählt, rund dreimal so viel wie im Jahresschnitt der letzten Dekade. Die Aussicht, wo man dieses Jahr noch landen könnte, lässt die Experten erschaudern. Wo Europa laut der Forschung überdurchschnittlich von der Erderwärmung betroffen ist, gilt das für ein sowieso schon heisses Land wie Spanien verstärkt und für die meteorologisch komplexe Mittelmeerregion noch mehr. Wasser und Feuer: In einer ausgedörrten Natur läuft beides auf tragische Weise umso ungebremster.Infernalische SzenenUnd Steigerung des Teufelskreises in der Tiefebene von Castellón: Ohne den Wald der Berge sind die Bewohner künftig noch schutzloser den Wassermassen ausgeliefert. «Es ist fürchterlich, irreparabel, die Serra war die grüne Lunge der ganzen Provinz», sagt Fran, der am Rathausplatz von Nules seinen Schreibwarenladen hat. Der kräftige Familienvater hilft als Freiwilliger im Zivilschutz und war am Samstag bei der Evakuierung des Nachbarorts La Vilavella eingesetzt. Er berichtet von geradezu infernalischen Szenen mit Explosionen, die teils von gashaltigen Pinien, teils von Artillerie- und Bombenresten aus dem Bürgerkrieg herrührten. Etwas Kopfschmerzen und Schleim plagten ihn noch, sagt Fran am Dienstag, während die Aufräumarbeiten voranschreiten.Am Montagabend öffnete sich ein kleines Zeitfenster, eine günstige Windsituation und ein kurzer Temperaturabschwung ermöglichten ein gutes Fortkommen. Die Leute aus La Vilavella können schon wieder zurück, sie berichten von viel Russ und toten Tieren. In der Turnhalle wird jetzt das Mittagessen ausgegeben, dank der Grosszügigkeit der Bevölkerung fehlt es an nichts. Enrique sagt, sie hätten noch keinen Termin für ihre Rückkehr nach Artana. Noch ist es zu gefährlich wegen des Rauchs. Die Häuser stehen weitgehend unbeschädigt, so wurde es ihnen von den Einsatzkräften berichtet.Über ein Dutzend Löschflugzeuge aus der Region Valencia und aus anderen Regionen Spaniens waren im Einsatz. Die Flammen lodern noch immer, aber ihre Ausbreitung konnte gebremst werden.Carme Ripolles / ImagoEine Frau steht in La Vall d’Uixó am Rande des abgebrannten Waldgebietes. Die Flammen kamen schnell, und Tausende mussten innert kürzester Zeit ihre Häuser verlassen.Eva Manez / ReutersUm das Vieh ist es wohl schlimmer bestellt, Rinder- und Stierzüchter fürchten ein Desaster. Sowieso für Jahrzehnte verloren sind die Bäume. Die Pinien, die Korkeichen, der Berg, wie sie ihn kannten. Die Natur, in der Enrique früher Pilze sammelte und jagen ging. Bis zu tausend Jahre alte Olivenbäume. Alles verbrannt und verkohlt. «Vom Wald, das sagen sie uns, ist nichts mehr übrig», sagt Enrique seufzend und schwärmt kurz, wie schön es früher gewesen sei bei ihnen im Ort. «Bei meinem Alter werde ich das nie wieder sehen.» Seine Frau Sabina stammt ursprünglich aus einem Vorort von Valencia, Enrique erinnert sich, wie in der Nähe noch ein Jahr nach den Überschwemmungen die Verwüstungen sichtbar waren. Nun haben beide die Szenerie verloren, in der er sein ganzes Leben verbrachte. Die Berge werden auf Jahrzehnte kahl bleiben.Am heutigen Mittwoch soll in Spanien eine neue Hitzewelle beginnen. Die vierte des Jahres.Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez besucht die Serra d’Espadà am Montag. Er dankt den Einsatzkräften für ihren Dauereinsatz gegen die Flammen und der Bevölkerung für ihre Solidarität mit den Vertriebenen.Manuel Bruque / EPAPassend zum Artikel
Spanien brennt: Evakuierte berichten von der Flucht vor den Flammen und der Angst vor der nächsten Katastrophe
Zehntausende wurden in der Provinz Castellón bei Valencia vor den Flammen evakuiert. Nach der Flut vor eineinhalb Jahren die zweite Katastrophenlage innert kürzester Zeit. Wie gehen die Menschen vor Ort mit dem Teufelskreis zwischen Feuer und Wasser um? Ein Augenschein.














