Wer sein Werkzeug nicht in einen Werkzeugkoffer wirft, der bewahrt es garantiert in einer Mehrzwecktasche auf. Diese kofferartigen Umhängetaschen zeichnen sich durch zahlreiche aufgenähte und integrierte kleinere Taschen nach dem Babuschka-Prinzip aus, in denen Hammer und Schraubendreher jeweils ein bestimmter Platz zugewiesen wird. Ein sortierter Werkzeugkeller im Taschenformat dürfte bei deutschen Heimwerkern ähnliche Befriedigung auslösen wie der Gebrauch eines Mehrzweckreinigers: Die wahlweise grüne, blaue oder gelbe Flüssigkeit entfernt Schmutz genauso wirkungslos auf gekachelten Wohnzimmertischen wie auf Linoleumboden. Streifenfrei und kratzfest auf jeder Oberfläche. Praktisch.Es gehört zu den ureigensten Merkmalen der Deutschen, Dingen mehrere Zwecke zuzuschreiben. Schon deshalb boomt hier der Markt der Mehrzweck- aka Funktionskleidung. Warum also schafft es ausgerechnet der Begriff „Mehrzweckeier“ nicht unter die Nominierten für das Jugendwort des Jahres?InstagramDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von Instagram angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Instagram angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Wie unter anderem die Deutsche Presse-Agentur berichtet, ist der Begriff so häufig beim Langenscheidt-Verlag eingereicht worden, dass er es eigentlich in die Top 10 und damit in die Endabstimmung geschafft hätte. Doch der Wörterbuchverlag, Ausrichter der Jugendwortwahl, ist unter anderem der Meinung, das Wort beruhe auf einer persönlichen Beleidigung. Um es ganz genau zu nehmen, ist „Mehrzweckeier“ eine vernuschelte Abwandlung des Ausdrucks „Merz leck Eier“. Den trug ein jugendlicher Demonstrant im März auf einer Anti-Wehrpflicht-Demonstration auf einem Plakat mit sich herum. Jetzt hat er ein Ermittlungsverfahren wegen Verleumdung des Bundeskanzlers an der Backe.Der Ursprung des Begriffs „Mehrzweckeier“ liegt auf einer Demonstration gegen die Wehrpflicht in Berlin. Sven Kaeuler/dpaEin Kanzler, der auf Kritik ähnlich resilient reagiert wie ein Zehnjähriger, der von seiner jüngeren Schwester als „Kackapupsblödi“ bezeichnet wird, dürfte eigentlich wenig überrascht sein, wenn jemand das ermittlungswürdige „Merz leck Eier“ umwandelt in das harmlos und sehr deutsch klingende Wort „Mehrzweckeier“. Man kann den Langenscheidt-Verlag schon verstehen, wenn der auf Nummer sicher geht und die Mehrzweck-Majestätsbeleidigung bei der Jugendwortwahl lieber gleich unter den Tisch fallen lässt. Nicht, dass da am Ende noch eine Hausdurchsuchung ansteht.Total schade, denn Eiern kann man ja tatsächlich mehrere verschiedene Zwecke zuschreiben: als Proteinquelle, als Brutstätte niedlicher Küken, die irgendwann als Huhn in der Suppe schwimmen – oder als aufgeplatzte Protestform an Politikerköpfen. Selbst Helmut Kohl, einst liebevoll „Birne“ genannt, suchte 1991 nach dem historischen Eierwurf von Halle, als ihm das Gelb von der Stirn tropfte, die verbale Konfrontation mit dem Eierwerfer – und nicht mit der Staatsanwaltschaft.Da wächst der Wunsch nach einem Mehrzweckkanzler, der auf Majestätsbeleidigungen weniger sauertöpfisch reagiert, dafür mehr den Sauerländer heraushängen lässt und mit einem „Isso“ die Dönekes über sich selbst bestätigt. Einer, der, wenn man ihn „Digga“ ruft, keinen „Crashout“ hat und auf AfD-Unterbrechungen die Hände in Six-Seven-Manier schwingt. Einfach richtig „gute Käse“.