Gegen den Personalnotstand beim Bundesheer: Österreich verlängert die WehrpflichtÖsterreich hat den kürzesten Grundwehrdienst Europas. Nun will die Regierung die einst abgeschafften Milizübungen wieder einführen. Der ohnehin beliebte Zivildienst wird damit aber noch attraktiver.28.07.2026, 16.19 Uhr3 LeseminutenÖsterreich braucht derzeit rund zwei Monate für die Mobilmachung. Die nun beschlossene Reform soll diese Dauer verkürzen.ImagoBeinahe hätte sich Österreichs so auf Geschlossenheit bedachte Dreierkoalition in aller Öffentlichkeit blamiert. Als Ort für die sommerliche Regierungssitzung vom Montag stand seit Wochen die grösste Kaserne des Landes bei Salzburg fest. Dort sollte die grundlegende Reform der Wehrpflicht beschlossen werden, über die die konservative ÖVP, die Sozialdemokraten und die liberale Partei Neos seit mehr als einem halben Jahr verhandeln. Eine Einigung gab es jedoch auch Stunden vor der geplanten Präsentation nicht. Die Kaserne drohte zum Symbol des Scheiterns zu werden in einem der wichtigsten Vorhaben dieser Regierung: Österreichs Verteidigungsfähigkeit zu erhöhen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im letzten Moment konnten sich die Parteien dann doch noch zu einem Kompromiss durchringen. Zusätzlich zum Grundwehrdienst von sechs Monaten werden die regelmässigen Truppenübungen wieder eingeführt, die das Land vor zwanzig Jahren im Glauben an den ewigen Frieden abgeschafft hatte. Insgesamt drei Monate lang sollen die Soldaten ab nächstem Jahr die erlernten Fähigkeiten verpflichtend üben. Ein Teil davon ist direkt im Anschluss an den Grundwehrdienst zu leisten. Zudem wird der Sold der Rekruten von 625 auf 1000 Euro pro Monat angehoben.Kein flächendeckender Einsatz möglichDass die Abschaffung der Milizübungen 2006 ein Fehler war, ist inzwischen weitgehend unbestritten. Österreich hat seither den kürzesten regulären Grundwehrdienst Europas – und einen akuten Personalmangel im Bundesheer. Derzeit sei kein «gleichzeitiger, flächendeckender Einsatz im gesamten Bundesgebiet» möglich, heisst es im aktuellen Landesverteidigungsbericht.Angesichts der veränderten geopolitischen Lage rüstet auch Österreich massiv nach. Bis 2032 will das Land 2 Prozent der Wirtschaftsleistung für Verteidigung aufwenden, derzeit ist es rund 1 Prozent. Das bringe jedoch wenig, wenn die Soldaten nicht genügend Zeit hätten, den Umgang mit den neuen Waffensystemen zu üben, sagte Bundeskanzler Christian Stocker am Montag.Dieser Ansicht war auch eine breit abgestützte Expertenkommission, die im Januar ihren Bericht vorgelegt hatte. Eine Verlängerung der Wehrpflicht sei zwingend, um die Verteidigungsfähigkeit Österreichs zu stärken, befand sie. Allerdings plädierte sie eindeutig für eine Verlängerung des Grundwehrdienstes auf acht Monate, ergänzt durch Milizübungen im Umfang von zwei Monaten. Für dieses Modell sprachen sich deshalb auch der Kanzler und die Verteidigungsministerin Klaudia Tanner aus, die beide der ÖVP angehören. Der SPÖ war das jedoch zu lang, während Neos überhaupt für ein Berufsheer eintritt.Im Gespräch mit der NZZ zeigte Verteidigungsministerin Tanner vergangene Woche wenig Verständnis dafür, bei dem Thema Sicherheit Parteipolitik in den Vordergrund zu stellen. Dennoch äussert sie sich nun zufrieden über den Kompromiss. Er bringe mehr Sicherheit und sei für die Landesverteidigung ein Fortschritt, wie es ihn seit mehr als drei Jahrzehnten nicht mehr gegeben habe.Keine Einigung über längeren ZivildienstDas sehen auch Militäranalytiker so. Die derzeitige Dauer von zwei Monaten für eine Mobilmachung könne gesenkt werden, wenn auch weniger stark und zu deutlich höheren Kosten als mit dem von der Kommission bevorzugten Modell. Weil die ersten Truppenübungen direkt an den Grundwehrdienst anschliessen sollen, kommt der Kompromiss diesem aber ohnehin nahe.Wenn etwa die bürgerliche Zeitung «Die Presse» die Reform und den Weg dorthin dennoch als «unwürdiges Spiel mit der Sicherheit» bewertet, dann liegt das vor allem daran, dass keine Einigung über eine gleichzeitige Verlängerung des Zivildienstes erzielt wurde. Dieser dauert neun Monate – künftig also gleich lang wie der Wehrdienst und die verpflichtenden Übungen. Knapp 45 Prozent der Stellungspflichtigen wählen jeweils diesen Ersatzdienst, und ohne eine parallele Verlängerung könnte sich diese Zahl erhöhen. Immerhin soll er sich automatisch und dauerhaft um zwei Monate verlängern, sollte die Zahl von 15 000 Grundwehrdienern 2028 um mehr als 7,5 Prozent unterschritten werden.Passend zum Artikel