PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungBritischer PremierDer Katholik Andy Burnham, ein Diener Roms?Von Theo HoenhorstStand: 15:59 UhrLesedauer: 4 MinutenMit der Bibel in der Hand: Andy Burnham bei seiner Vereidigung im Unterhaus in LondonQuelle: picture alliance/dpa/PA Wire/House Of CommonsAndy Burnham ist der erste katholische Premierminister Großbritanniens seit der Reformation. Tony Blair wurde erst nach dem Ausscheiden aus dem Amt katholisch. Bei Boris Johnson dagegen ist die Sache komplizierter.Die Church of England ist eine Staatskirche. Der König Englands muss zwingend Protestant sein, denn er ist gleichzeitig auch das Oberhaupt (Supreme Governor) der Kirche. Seit fast 500 Jahren ist die Krone Englands und nicht mehr der Papst in Rom die oberste Autorität.Mit Andy Burnham ist nun erstmals seit der englischen Reformation von 1534 ein Katholik Regierungschef des Vereinigten Königreichs. Doch was heißt das heutzutage noch? Mehr, als man denkt. Natürlich wird Großbritannien dadurch nicht zu einem Land, das der römischen Kirche näher rückt. Aber anhand von Andy Burnham lässt sich etwas über die Geschichte Englands lernen. So stünde es bis heute unter Strafe, wollte Burnham den König in Kirchenfragen beraten. Grund hierfür ist, dass dem Prime Minister durchaus eine Rolle in der Kirche zukommt: Er schlägt die Erzbischöfe und die Diözesanbischöfe vor. Dabei werden ihm von einem Kirchenrat jeweils Kandidaten für einen vakanten Bischofsstuhl vorgelegt. Was heute nur noch ein formaler Akt ist, gab dem Prime Minister jedoch bis 2009 tatsächlich die Möglichkeit, einen von zwei Vorschlägen auszuwählen – der Regierungschef wählt also mit, wer der Hirte der Gläubigen sein soll.Lesen Sie auchDoch obwohl Burnham heutzutage die Namen nur noch weiterreichen würde, damit der König die Bischöfe offiziell ernennen kann, wird ihm selbst das verboten sein. Da laut dem Roman Catholic Relief Act von 1829 kein römischer Katholik an kirchlichen Fragen beteiligt sein darf, muss er diese Angelegenheit formell an ein anderes Regierungsmitglied delegieren.Wie konnte der katholische Glaube Burnhams überhaupt eine relevante Frage werden in einem Zeitalter, in dem nur noch rund fünf Prozent der Engländer einmal die Woche in die Kirche gehen?Lesen Sie auchIn den Jahrhunderten vor 1829 waren die Katholiken auf der Insel eine politisch entrechtete Minderheit. Doch der Druck auf die Politik wuchs – vor allem wegen der vielen Einwanderer aus Irland, die sich im Zuge der Industrialisierung im Norden Englands ansiedelten. Liverpool gilt als die katholischste Stadt Englands, aber auch in Manchester verhielt es sich ähnlich. Die katholischen Iren brachten nicht nur ihren Glauben mit, sondern drängten auch auf politische Emanzipation. 1829 wurde ihnen diese schließlich gewährt, allerdings mit strikten Einschränkungen.Andy Burnham ist selbst Nachfahre dieser irischen Arbeiter, die auf die Insel wechselten. Geboren und aufgewachsen bei Liverpool, wurde er von seiner Mutter im katholischen Glauben erzogen und war Messdiener. Davon erzählte er auch als beliebter Bürgermeister von Manchester gerne. Vor allem die Katholische Soziallehre habe ihn und sein politisches Denken sehr geprägt. Er hat allerdings von sich auch gesagt, dass er nicht besonders religiös sei. Nichtsdestotrotz nennt er sich bis heute einen Katholiken.Tony Blair konvertierte erst nach seiner AmtszeitIst er damit aber wirklich der erste auf dem Stuhl des Prime Ministers? Vielleicht mögen sich manche noch an den einstigen Premier Tony Blair erinnern. Dessen Konversion zum Katholizismus sorgte immerhin für ordentlich Wirbel, woran man sieht, dass dies in England nach wie vor eine Rolle spielt. Blair konvertierte kurz vor Weihnachten 2007 zur römischen Kirche, nur wenige Monate nach seinem Rücktritt als Prime Minister. Er war also nie katholischer Premier.Etwas anders verhält es sich beim ehemaligen Premier Boris Johnson. Die wenigsten werden wissen, dass dieser katholisch getauft ist. Aus kirchlicher Sicht ist er damit strenggenommen bis heute Katholik, denn der Taufbund ist ein untilgbares Prägemal, ein Character indelebilis. Allerdings wurde Johnson bereits als Jugendlicher protestantisch konfirmiert, er sieht sich als Anglikaner. Für den englischen Staat und die englische Öffentlichkeit spielte seine katholische Taufe daher genauso wenig eine Rolle wie für ihn persönlich.Lesen Sie auchDie Frage, wie stark der Katholizismus Andy Burnham prägt, ist nur schwer zu beantworten – wer kann schon in seine Seele schauen? Als Politiker, der auf der Seite der einfachen Leute steht, hat die Kirche ihn aber wohl beeinflusst. Die Arbeiterfrage war in England immer stark christlich und kirchlich aufgeladen. Während die Arbeiterbewegung in Deutschland und auch die SPD vom Marxismus geprägt war, verfiel die englische Arbeiterbewegung nie in der Breite dem Atheismus und der Kirchenfeindlichkeit.Andy Burnham ist in zentralen Fragen der katholischen Kirche wie dem Lebensschutz und dem Familienbild ganz und gar nicht auf einer Linie mit Rom. England steht also sicher nicht ein Papismus – so nannte man die Treue zum Papst despektierlich – von oben bevor.Wie stark auch im säkularen Zeitalter um theologische Fragen gerungen wird, lässt sich am neuen Prime Minister Andy Burnham gut erkennen. Im Gegensatz zu den Päpsten muss er ja nicht unbedingt bis zu seinem Tode herrschen. Aber etwas mehr Stabilität würde Großbritannien sicher guttun.