Es war viel zu warm, die Risiken enorm: Laura Dahlmeier entschied sich trotzdem, auf den Laila Peak zu steigen – und verunglückteNach dem tödlichen Unglück im vergangenen Sommer hiess es, die frühere Biathlon-Olympiasiegerin habe einfach Pech gehabt. Gespräche mit Alpinisten, die vor Ort waren, ergeben ein anderes Bild.Stephanie Geiger21.01.2026, 12.00 Uhr6 LeseminutenIm Partenkirchener Kurpark hat die Gemeinde eine Gedenkstätte zu Ehren der verstorbenen Laura Dahlmeier errichtet – später soll die Gartenanlage zum Laura-Dahlmeier-Park werden.Sven Simon / ImagoNicht nur in Deutschland löste der Tod der früheren Weltklasse-Biathletin Laura Dahlmeier im vergangenen Sommer kollektive Bestürzung aus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dahlmeier war vielfache Goldmedaillengewinnerin an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften, nach dem Ende ihrer Biathlon-Karriere widmete sie sich verstärkt ihrer grossen Leidenschaft, dem Bergsteigen. Ende Juli 2025 kam sie am 6096 Meter hohen Laila Peak in Pakistan ums Leben. Gemeinsam mit ihrer Seilpartnerin Marina Krauss war die 31-Jährige kurz unterhalb des Gipfels umgedreht. Beim Abseilen wurde Dahlmeier von einem Stein getroffen.Andere gingen das Risiko nicht einDas Urteil in der breiten Öffentlichkeit war schnell gefällt: Es war einfach Pech. Doch Bergsteiger stellen Fragen, auch jetzt noch, mehrere Monate später. Verunglückt jemand am Berg, ist häufig ein schwerwiegender Fehler vorausgegangen. Nur in überaus seltenen Fällen schlägt das vielbeschworene Restrisiko zu. Oft gehen Bergunfällen falsche Entscheidungen voraus.Dass sich Alpinisten genauer als andere für die Hintergründe von Unglücken interessieren, hat nichts mit Pietätlosigkeit oder Schuldzuweisungen zu tun. Die Unfallanalyse – zu verstehen, was passiert oder schiefgelaufen ist – ist Teil der dem Bergsteigen inhärenten Fehlerkultur. Sie ist genauso essenziell wie die Tourenplanung.Die NZZ hat mit Menschen gesprochen, die zeitgleich mit Dahlmeier am Laila Peak waren. Zum Beispiel mit María Martín, einer 38-jährigen Spanierin, die diesen im vergangenen Sommer ebenfalls besteigen wollte. Auf Fotos sieht der Laila Peak aus, wie sich Kinder einen Berg vorstellen: spitz und abweisend, grauer Fels und normalerweise viel weisses Eis. Um sich ihren Traum vom Gipfel zu erfüllen, harrte María Martín im vergangenen Juli fast zwei Wochen im Basislager aus. An eine Besteigung war jedoch nicht zu denken.Am 11. Juli flog Martín nach Pakistan. Schon bei ihrer Ankunft in Skardu, dem Ausgangspunkt für Expeditionen und Trekkings im Karakorum, erfuhren sie und ihr Kletterpartner von Ortskundigen, dass der Berg aufgrund starker Trockenheit in den Monaten zuvor technisch deutlich fordernder sei als normalerweise zu dieser Jahreszeit. So berichtet sie auf Nachfrage.Auch das vorhergesagte Wetter schien wenig erfolgversprechend. Weiterhin war es viel zu warm für die Jahreszeit, auch in grosser Höhe herrschten zu hohe Temperaturen.Trotzdem hielten die beiden Spanier zunächst an ihrem Ziel fest. Die Flüsse, die sie auf ihrem Weg ins Basislager überqueren mussten, seien reissend stark gewesen, berichtet Martín. Eine Folge der hohen Temperaturen. Zwölf Tage blieben sie und ihr Kletterpartner im Basislager. Sie waren dort die einzige Expedition. Jeden Tag seien Lawinen aus Stein und Eis vom Berg gedonnert, sagt sie. Aus bergsteigerischer Sicht am fatalsten war, dass es bis in die Gipfelhöhe des Laila Peak nie geschneit habe. Ein Zeichen dafür, dass die Nullgradgrenze sehr hoch lag.Fotos vom Zustand des Bergs im vergangenen Juli zeigen es: Die Wand des Laila Peak war stark ausgeapert.Stefan KöhlerWenn Stefan Köhler von seinem Trekking im vergangenen Sommer in Pakistan erzählt, klingt das ähnlich wie die Schilderungen von Martín. Köhler war mit seiner Gruppe zum Basislager des K 2 unterwegs, des mit 8611 Metern zweithöchsten Berges der Welt, und über den Gondogoro La, einen 5614 Meter hohen Pass. Auf seinem Weg kam er auch am Laila Peak vorbei. Die Verhältnisse: viel zu warm. Viel zu wenig Schnee und immer wieder Steinschlag, so berichtet der Deutsche.Köhler ist ein sehr erfahrener Alpinist. Im Oktober 1990 stieg er gemeinsam mit Bernd Eberle über eine neue Route auf den 7321 Meter hohen Chamlang in Nepal. Ihm gelang eine Erstbegehung im Karakorum-Gebirge. Auch schwierigste Routen in den Alpen absolvierte Köhler. Das war alles zu einer Zeit, als es noch keine verlässlichen Wetterprognosen für die hohen Berge gab, geschweige denn die Möglichkeit, sich mit Drohnenaufnahmen ein Bild von der Route zu machen.Köhler erinnert sich gut daran, wie er am 22. Juli am Fuss des Laila Peak stand und zu seiner Gruppe sagte: «An dem Berg kann man momentan keine Touren machen.» Die Wand des Laila Peak sei stark ausgeapert gewesen. Vor Steinschlag habe es nur so gekracht, berichtet Köhler. «Es war sehr mild und hat in vielen Nächten geregnet. Die Schneefallgrenze war sehr hoch. Nachts gab es kaum noch Frost.»Alpinisten wissen: Eine zu hohe Frostgrenze über längere Zeit hat unweigerlich Steinschlag zur Folge. Und selbst wenn die Frostgrenze kurzzeitig sinkt, führt das nicht zu einer sofortigen Veränderung der Situation. Ein paar Zentimeter Neuschnee können die Gefahr zwar überdecken, aber nicht bannen. Nachhaltig verändern sich die Verhältnisse erst, wenn die Frostgrenze für längere Zeit sinkt, Schnee, Eis und Gestein durchfrieren.«Einsteigen oder nicht? Das können nur die entscheiden, die selber am Berg unterwegs sind und das Risiko einschätzen können», sagt Köhler. Ihm wäre das Risiko zu gross gewesen.Eine Kollegin hatte Laura Dahlmeier im Basislager gewarntSo sehr Martín sich auch gewünscht hätte, auf dem Gipfel des Laila Peak zu stehen: Als sie dort war, schien auch ihr der Aufstieg viel zu gefährlich. Das teilte sie auch Laura Dahlmeier und Marina Krauss mit, als sie sich im Basislager trafen. «Laura fragte mich, ob wir auf den Laila Peak gestiegen seien, ob wir wüssten, wie die Verhältnisse seien, und ob in diesem Jahr schon jemand oben gewesen sei. Ich zeigte ihr ein paar Fotos. Und in meinem spärlichen Englisch sagte ich: ‹It’s dangerous. Oh. Many avalanches. It’s not possible to climb.›»Eine Woche nachdem Köhler am Fuss des Laila Peak gestanden hatte und nur wenige Tage nach der denkwürdigen Begegnung im Basislager des Laila Peak ging die Nachricht von Dahlmeiers Unfall um die Welt. Nur etwa dreihundert Meter unterhalb des Gipfels drehten Laura Dahlmeier und ihre Seilpartnerin Marina Krauss aufgrund der starken Erwärmung während des Tages um. Weiter aufzusteigen schien ihnen zu gefährlich. Beim Abseilen wurde Dahlmeier von einem Stein getroffen. In einer Pressemitteilung von Dahlmeiers Management hiess es: «Eine Bergung durch die Seilpartnerin wurde über viele Stunden versucht, war aufgrund des weiterhin anhaltenden Steinschlags aber unmöglich.»In den Medien schwang bei der Darstellung des Unfalls bisher stets ein klischeehaftes Bild mit: Der Berg habe sich eine Heldin zum Opfer genommen. Hochglanzmagazine mutierten flugs zu alpinistischen Fachmagazinen. Tageszeitungen überboten sich mit vermeintlichen Erkenntnissen. Besonders stach das deutsche Wochenmagazin «Der Spiegel» heraus mit einer achtseitigen Titelgeschichte zum Fall Dahlmeier.Eine «Rekonstruktion» nannte der Spiegel seinen Artikel, doch die zentrale Frage, weshalb Dahlmeier und ihre Kletterpartnerin Krauss an jenem Tag Richtung Gipfel aufbrachen, blieb unbeantwortet. Stattdessen sang der Artikel ein Loblied auf eine Sportlerin, die bei der Ausübung ihrer grössten Leidenschaft den Tod gefunden hatte. Von einem «Doppelleben» zwischen Biathlon und Bergsteigen war die Rede. In den Bergen habe sie die Ruhe gefunden, nach der sie sich so sehr gesehnt habe. «Topfit» sei sie nach Pakistan aufgebrochen und dank Nächten auf dem Gipfel der Zugspitze sowie im Hypoxie-Zelt, das die Höhe simuliert, sogar bereits akklimatisiert gewesen.Es ist kein neues Phänomen, dass Bergsteigerinnen und Bergsteiger wenig differenziert als Helden inszeniert werden. Die Heroisierung geht auf die Ära grosser Erstbesteigungen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zurück, und besonders intensiv wurde sie schon damals in Deutschland betrieben. Als Franz und Toni Schmid durch die Nordwand des Matterhorns stiegen, wurden sie in Zeitungsberichten für ihre «Ruhmestat» gefeiert. Die Durchsteigung wurde als «Sieg» tituliert, die Schmid-Brüder zu «Helden» erklärt. Ähnlich war die Berichterstattung nach erfolgreichen Besteigungen der Eiger-Nordwand und späteren Erfolgen im Himalaja.Seit jener Phase, in der alpinistische Leistungen oftmals auch propagandistisch ausgeschlachtet wurden, ist die Überhöhung zum gängigen medialen Phänomen geworden. Manche der Ansichten und viel Vokabular aus dem frühen 20. Jahrhundert haben die Jahrzehnte überdauert. Mit dem wachsenden Interesse am Bergsport in einer breiten Öffentlichkeit steigt heute die Zahl der Medien, die entsprechende Narrative pflegen. Und in den sozialen Netzwerken kann heute jeder seine bergsteigerischen Erfolge maximal optimieren.Bei Hobby-Bergsteigern häufen sich seit einigen Jahren vermeidbare Unfälle. Das ist teilweise mit der wachsenden Zahl der Menschen begründbar, die draussen unterwegs sind. Darüber hinaus stellt sich jedoch die Frage, ob die unablässige Glorifizierung alpinistischer Leistungen einen Anteil daran hat, dass der Respekt vor schweren Gipfeln, die Demut vor der Natur und die realistische Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit bisweilen verlorengehen. Der Grat zwischen der Würdigung von Leistungen und der Verharmlosung von Gefahren ist schmal. Die Frage, ob Dahlmeiers Unfall vermeidbar gewesen wäre, wurde öffentlich bisher kaum gestellt.Bergsteiger sind per se keine Hasardeure. Aber natürlich gehen sie Risiken ein. Sie sind sich dessen auch bewusst. Vor allem dann, wenn sie Grenzen verschieben wollen.Passend zum Artikel
Wäre Dahlmeiers Bergtod vermeidbar gewesen? Das sagen Alpinisten, die dort waren
Nach dem tödlichen Unglück im vergangenen Sommer hiess es, die frühere Biathlon-Olympiasiegerin habe einfach Pech gehabt. Gespräche mit Alpinisten, die vor Ort waren, ergeben ein anderes Bild.






