Trinkwasser kommt aus dem Hahn. Jederzeit. In beliebiger Menge. Dass dies bei Temperaturen von 40 Grad und mehr selbst in dem nach Flüssen benannten Rhein-Main-Gebiet keine unumstößliche Gewissheit mehr ist, hat gleich die erste Hitzewelle in diesem Sommer gezeigt. In der Stadt Offenbach ist an dem bisher heißesten Wochenende Ende Juni der Wassernotstand ausgerufen worden. Der lokale Trinkwasserversorger musste die Bevölkerung zum Wassersparen aufrufen, ansonsten „könnte die Förderkapazität nicht reichen und wir für kurze Zeit kein Wasser mehr haben“, teilte die ZWO damals mit, der Zweckverband Wasserversorgung Stadt und Kreis Offenbach. Die Lage entspannte sich erst, als ein Teil der Bürger mit den beginnenden Sommerferien Stadt und Kreis verließ.Dabei mangelt es der Rhein-Main-Region insgesamt nicht an Trinkwasser oder besser: der Verfügbarkeit von Trinkwasser. „Die eigentliche Herausforderung liegt in den technischen Kapazitäten von Wasserwerken, Speichern, Pumpwerken und Transportleitungen“, sagt Elisabeth Jreisat, Geschäftsführerin des 2001 gegründeten regionalen Versorgers Hessenwasser. Denn die, so Jreisat, müssten hohe Wassermengen innerhalb kurzer Zeit bereitstellen und verteilen.Die Trinkwasserversorgung im Rhein-Main-Gebiet ist also vor allem eine Frage der Infrastruktur. Und zwar der einzelnen Kreise und Kommunen, insbesondere der Großstädte, von denen sich keine ausschließlich selbst mit dem wichtigsten Nahrungsmittel versorgen kann. Sie ist aber auch eine Herausforderung für Hessenwasser. Das größte und damit wichtigste Wasserbeschaffungsunternehmen der Region plant und investiert kontinuierlich in den Ausbau von Leitungen und Wasserwerken, insbesondere aber auch in die Neugewinnung von Trinkwasser durch Wasseraufbereitungsanlagen an Rhein und Main und die Infiltrationsanlagen im Hessischen Ried und im Frankfurter Stadtwald. Das alles zusammen schafft die Grundlage für die ausreichende Bereitstellung des Trinkwassers durch den so wichtigen Leitungsverbund im Rhein-Main-Gebiet.Das derzeit größte Vorhaben von Hessenwasser ist der 2017 begonnene Bau der neuen, zweiten Riedleitung, die von der südlichen Spitze des Landkreises Groß-Gerau in Höhe von Gernsheim bis zum Main bei Raunheim führt. Geschätzte Gesamtkosten: rund 200 Millionen Euro. Die Fertigstellung ist für das Jahr 2031 geplant. Diese zweite Leitung soll die schon 1964 gebaute erste Leitung ergänzen, im Fall von Reparaturen auch ersetzen und insgesamt die Trinkwasserversorgung des Ballungsraums mit Blick auf den höheren Bedarf durch den Klimawandel mit sehr hohen Spitzenverbräuchen an einzelnen Tagen und die immer noch wachsende Bevölkerung im Rhein-Main-Gebiet absichern. Schließlich steuert das Hessische Ried über diese Leitung mehr als 40 Prozent des Trinkwasserbedarfs der Rhein-Main-Region bei und trägt damit zur Versorgung von mehr 2,4 Millionen Einwohnern bei.Realisiert wird die insgesamt rund 40 Kilometer lange neue Riedleitung zunächst in drei Bauabschnitten, ehe sie eines Tages auch unter dem Main hindurch bis nach Hattersheim-Eddersheim führen wird. Der erste, vier Kilometer lange Bauabschnitt im Norden ist schon seit 2018 in Betrieb. Derzeit laufen die Arbeiten an dem südlichen, 18 Kilometer langen Bauabschnitt.Als Information für die Bürger: ein Hinweisschild an der künftigen neuen Riedleitung in SüdhessenBen KilbAn einem Vormittag im Juli sind an einer Baustelle südlich von Pfungstadt gerade Teams dabei, in den schon ausgehobenen, offenen Leitungsgraben parallel zur Autobahn A 67 das kunststoffbeschichtete Stahlrohr zu verlegen. Das Rohr, das innen mit Zementmörtel ausgekleidet ist, hat einen Durchmesser von einem Meter. Geliefert wird es nach Angaben von Georg Kuhn, dem technischen Projektleiter des Bauvorhabens, in einzelnen, 13,5 Meter langen Stücken. „Das ist die Länge, die gerade auf einen Lastwagen passt.“ Außerhalb des Grabens werden jeweils drei Rohrstücke miteinander verschweißt, alles per Hand. Die kniffligste Arbeit beginnt allerdings im Graben, wo die dann rund 40 Meter langen Elemente miteinander verbunden werden müssen. Denn ein solches Rohr kann dort nicht mehr gedreht und gewendet werden.Georg Kuhn, technischer Projektleiter für den Bau der neuen, zweiten RiedleitungBen KilbFür Kuhn sind das Entscheidende für den rund 18 Kilometer langen südlichen Bauabschnitt der neuen Riedleitung die 45 Schachtbauwerke entlang der Strecke, die zum Be- und Entlüften nötig sind, darunter auch Tiefpunktschächte, um im Fall von Reparaturen Wasser ablassen zu können. Insgesamt sind die Schachtbauwerke wichtig als Zugangs-, Steuerungs- und Kontrollpunkte. Vor allem erlaubt das besondere Korrosionsschutzverfahren in der künftigen Trinkwasserleitung, der sogenannte kathodische Korrosionsschutz, dass „künftig jede Anomalität im Rohr registriert wird“.Das Thema Wasserverluste durch alte und kaputte Leitungen sei für Hessenwasser ohnehin ein „völlig vernachlässigbares Thema“, sagt Nicole Staude, Bereichsleiterin Technik bei Hessenwasser. Deutschland habe im Vergleich zu anderen Ländern, in denen es Trinkwasserverluste von 30 bis 40 Prozent gebe, einen sehr hohen Standard. Natürlich gebe es Rohrbrüche, sagt Staude, doch gerade bei der Riedleitung werde dies sofort bemerkt und repariert.Kuhn weist zudem darauf hin, dass mit dem neuen Rohr für das Trinkwasser im Leitungsgraben auch Glasfaserkabel zur Steuerung und Überwachung verlegt werden. Schließlich müssen inzwischen die Schachtbauwerke per Sensoren so geschützt werden, dass jedwede Fremdeinwirkung in der zentralen Steuerung von Hessenwasser bemerkt wird. Längst gilt per Gesetz auch die Trinkwasserversorgung als Teil der kritischen Infrastruktur.Bereit zum Einbau: Allein der südliche Bauabschnitt der neuen Riedleitung ist 18 Kilometer lang.Ben KilbInsgesamt ist die 18 Kilometer lange und jeweils 25 Meter breite Baustelle – „weniger geht hier einfach nicht“, sagt Kuhn – weitaus komplexer, als das Verlegen eines Rohres vermuten lässt. Denn es gibt praktisch keine freien, verfügbaren Flächen mehr im Rhein-Main-Gebiet. Auch nicht im Hessischen Ried in Südhessen. So hat Hessenwasser sein Vorhaben etwa mit der Autobahn GmbH des Bundes abstimmen müssen, die sich einen freien Korridor für einen möglichen Ausbau der A 67 ausbedungen hat, auf der anderen Seite der Autobahn plant die Deutsche Bahn die ICE-Neubaustrecke von Frankfurt nach Mannheim. Und mit der geplanten Hochspannungsleitung Rhein-Main-Link hat nach Angaben von Staude Hessenwasser „mehr als hundert Konfliktpunkte“. Dabei gehe es etwa um Grundwassermessstellen, Leitungen und Brunnen.Wie insgesamt natürlich der Naturschutz und das Vorhandensein von Trinkwasserschutzgebieten berücksichtigt werden müssen. So kann nicht die gesamte 18 Kilometer lange Rohrleitung in offener Bauweise verlegt werden. Bei der Kreuzung von Verkehrstrassen etwa wird ein besonderes, sogenanntes Mikrotunnelverfahren angewandt.Aufwendig ist dieser südliche Bauabschnitt der neuen Leitung zudem, weil er nicht parallel zur bestehenden Riedleitung verläuft, sondern weiter im Osten. Das eröffnet die Möglichkeit, das bestehende Wasserwerk Eschollbrücken anzuschließen. Bisher versorgt das Wasserwerk vor allem die Stadt Darmstadt und umliegende Kommunen mit Trinkwasser. Künftig ist es über eine rund 1,5 Kilometer lange Verbindung an die neue Riedleitung und damit an den regionalen Leitungsverbund angeschlossen.„Für die gesamte Trassenplanung der neuen Riedleitung haben wir uns mit allen Infrastrukturbetreibern, allen betroffenen Kommunen und den kommunalen Unternehmen, die das Trinkwassernetz in den Städten und Gemeinden betreiben, zusammengesetzt“, sagt Nicole Staude. „Das war ein intensiver Austausch.“Nicole Staude, Bereichsleiterin Technik beim Wasserversorger HessenwasserBen KilbInzwischen ist Hessenwasser noch einen Schritt weiter: Mitte Juli hat das regionale Unternehmen für den mittleren und damit zunächst letzten Bauabschnitt der neuen Riedleitung – das sind noch einmal weitere 17 Kilometer – beim Regierungspräsidium Darmstadt den Antrag für das Planfeststellungsverfahren eingereicht. Damit werden noch einmal alle Beteiligten informiert und zu Stellungnahmen aufgefordert. Liegt die Genehmigung von der Behörde vor, der sogenannte Planfeststellungsbeschluss, soll der Abschnitt innerhalb von vier Jahren gebaut werden.Für Hessenwasser ist aber schon der jetzt gestellte Antrag ein weiterer Meilenstein für die neue Riedleitung und damit für dieses nach Auffassung von Geschäftsführerin Jreisat „zentrale Trinkwasser-Infrastrukturprojekt der Region“. Denn es erhöhe die Flexibilität im Leitungsverbundsystem und helfe, die Wasserversorgung auch unter den Bedingungen des Klimawandels „mit ausgeprägten Bedarfsspitzen zuverlässig zu gestalten“.Gemeint sind damit Tage, an denen Rekordverbräuche gemessen werden, weil die 2,4 Millionen Einwohner der Region viel mehr duschen, Wasser trinken, Pflanzen gießen und Pools und Bassins befüllen. Jreisat ist überzeugt, dass durch die neue Riedleitung „das Rhein-Main-Gebiet künftig auch auf Tage mit 40 Grad und mehr besser vorbereitet ist“.