Er reise mit einer klaren Botschaft nach Washington, soll Benjamin Netanjahu seinen Ministern gesagt haben. Wenn seine amerikanischen Gesprächspartner ihn mit der Forderung konfrontierten, von Israel besetzte Gebiete in Libanon, Syrien und im Gazastreifen zu räumen, werde er widersprechen. „Ich werde ihnen Nein sagen.“ Das versprach Israels Ministerpräsident einem Bericht des Senders Kanal 13 zufolge in einer Sitzung des Sicherheitskabinetts am Sonntag.Seit Wochen ist von einer Krise im amerikanisch-israelischen Verhältnis die Rede – genauer gesagt, im Verhältnis zwischen Netanjahu und Donald Trump. Als der amerikanische Präsident Mitte Juni das Rahmenabkommen mit Iran abschloss, wurden die israelischen Einsprüche übergangen. Und auch seither stören immer wieder Misstöne die einstige Harmonie. Dazu passt, dass seit Wochen eine USA-Reise Netanjahus in Aussicht gestellt – aber immer wieder verschoben wurde. Nun soll er Trump an diesem Dienstag treffen, zum ersten Mal seit Beginn des Irankriegs. Anschließend will er an der Trauerfeier für den verstorbenen Senator Lindsey Graham im Kapitol teilnehmen.Er werde mit Trump „alle offenen Fragen“ besprechen, kündigte Israels Regierungschef vor dem Abflug am Montag an – allen voran Iran. Er wolle im Weißen Haus israelische Geheimdiensterkenntnisse präsentieren, die auf eine Wiederaufrüstung Irans und eine Wiederbelebung des Atomprogramms hindeuteten, berichtete der Sender Kanal 12. Netanjahu hatte eine wichtige Rolle dabei gespielt, Trump zum Krieg zu bewegen.Ein Abzug käme Netanjahu im Wahlkampf ungelegenAber auch die anderen Konfliktherde in der Region, an denen Israel beteiligt ist, dürften zur Sprache kommen: der Gazastreifen, Libanon und Syrien. Erst Mitte Juli hatte Trump in einem Interview mit dem Sender Fox News gesagt, es „wäre gut“, wenn Israel seine Truppen aus Syrien und Libanon abziehe. Diese Forderung soll er gegenüber Netanjahu in einem Telefonat wiederholt haben, kurz nachdem er Syriens Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa getroffen hatte. Scharaa sagte am Sonntag, er strebe ein Sicherheitsabkommen mit Israel an. Dieses müsste indessen einen Abzug Israels aus der seit Ende 2024 besetzten Zone im Südwesten Syriens umfassen.Im Fall Libanons ist man ein bisschen weiter. Dort rückten in der vergangenen Woche libanesische Truppen in die beiden „Pilotzonen“ ein, die in einem von den USA vermittelten Abkommen definiert wurden. Von israelischer Seite wurde dabei indessen hervorgehoben, dass die Gebiete nur teilweise zu der israelischen „Sicherheitszone“ gehört hätten. Auch sonst gibt es viele Fragezeichen rund um das Abkommen. Die libanesische Regierung hofft gleichwohl, dass Trump Israel zu einem weiteren Abzug zwingen wird.Das käme Netanjahu ungelegen, zumal im Wahlkampf. Erst vor zwei Wochen brüstete er sich bei einer Ansprache abermals mit militärischen Erfolgen – und insbesondere damit, dass Israel Gebiete jenseits seiner Grenzen besetzt halte. „Wir haben tief im Inneren der Nachbarstaaten Pufferzonen geschaffen“, sagte er.ISF-Truppe soll humanitäre Zone für Palästinenser sichernAuch mit Blick auf den Gazastreifen musste Netanjahu jetzt aber Zugeständnisse machen – und möglicherweise war es kein Zufall, dass dies unmittelbar vor seiner Abreise in die USA geschah. Das Sicherheitskabinett stimmte am Sonntag zu, dass die Internationale Stabilisierungstruppe (ISF) in Teilen des Gazastreifens eingesetzt werden darf.Die ISF ist ein Bestandteil von Trumps Gazaplan vom vergangenen Oktober. Sowohl ihre genauen Aufgaben sind jedoch weiter unklar als auch die Zusammenstellung der Truppe. Bislang haben nur eine Handvoll Länder Soldaten zugesagt. Vorerst geht es offenbar nur um 200 Soldaten. Sie sollen in der sogenannten „grünen Zone“ eingesetzt werden – den mehr als 60 Prozent des Gazastreifens, die nach wie vor von israelischen Truppen besetzt sind.Der von Trump geschaffene „Friedensrat“ (Board of Peace) will nahe der ehemaligen Stadt Rafah im Süden eine „humanitäre Zone“ einrichten. Zehntausende Palästinenser sollen dort in Sicherheit und gut versorgt leben können. Die geplante palästinensische Technokratenregierung (NCAG) soll das Gebiet verwalten, und die ISF soll es sichern, gemeinsam mit einer lokalen Polizeitruppe. Dadurch wollen die USA offenbar auch die Blockade umgehen, die bei der Umsetzung von Trumps Gazaplan herrscht: Die Hamas verweigert weiterhin ihre Entwaffnung, und Israel verstetigt seine militärische Präsenz im Gazastreifen, unter anderem durch den Bau eines großen Erdwalls.Truppen aus Marokko und Uganda im Gazastreifen?Allerdings sind auch die Voraussetzungen für die Einrichtung der humanitären Zone noch nicht gegeben. Die ISF ist eher Theorie als Praxis, dem NCAG wurde bislang die Einreise in den Gazastreifen verweigert, und der Friedensrat hat bislang deutlich weniger Geld eingeworben als erhofft. Die humanitäre Zone soll etwa 150 Millionen Dollar kosten.Auch der Kabinettsbeschluss sieht offenbar keine unmittelbaren Schritte vor, sondern hat nur grundsätzlich Israels Zustimmung für den Einsatz der ISF erteilt – vorausgesetzt, die Truppen kommen aus Ländern, die ein Friedensabkommen mit Israel geschlossen haben. Marokko und Uganda wurden am Sonntag als mögliche Truppensteller genannt. Beobachter und Vertreter des Friedensrats werden in Medienberichten mit der Einschätzung zitiert, die humanitäre Zone könne noch vor dem Ende des Jahres eingerichtet werden. Ähnliche Äußerungen hatte es auch schon im vergangenen Herbst gegeben – nur dass damals vom Ende des Jahres 2025 die Rede war.
Besuch in Washington: Netanjahu will sich Trump widersetzen
Trump könnte von Netanjahu den Abzug israelischer Truppen fordern, was dieser im Wahlkampf wiederum verhindern will. Die einstige Harmonie ist gestört.









