Gummen, Furggeli, Butzli: wie in Flurnamen die Alpensprache weiterlebtDie Inuit kennen viele Wörter für Schnee. Die Alpenmundarten besitzen noch mehr Begriffe, um Felsen zu beschreiben. Sie sind präzise und benennen die Natur exakt so, wie sie ist.Von Nathalie Henseler28.07.2026, 05.28 Uhr5 LeseminutenIm ganzen Alpenbogen finden sich zahllose Furggen-Namen: Furka, Furggeli, Furggamatta, Furggulti. Semantisch steckt dahinter eine Gabel.Michal Stipek / GettyUnten im Dorf in den Alpentälern, wo die Gemeinschaft das Zusammenleben organisiert, finden sich viele Quartiernamen, die man auch im Mittelland kennt. Das «Feldli» ist ein Stück Kulturland direkt am Dorfrand. Es ist vom Flurzwang der Dreifelderwirtschaft ausgeschlossen und wird von verschiedenen Familien zum Anbau von Gemüse genutzt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für die Dreifelderwirtschaft wurde das «Grossfeld» bebaut, das im Gegensatz dazu grosse Erträge abwarf. Die «Matte» wiederum diente der Ernte des Winterheus. Nutztiere durften sie nicht betreten – höchstens nach dem Emd, dem letzten Schnitt des Jahres. Die wohl berühmteste Matte liegt in Zermatt, sie gab dem Dorf seinen Namen.Selbst in der Höhe begegnet man Namen, die mittelländisch anmuten. Beispielsweise die Schweig in der Urseren bei Realp (UR). Mit einer «Schweige» wird im älteren Schweizerdeutsch spezifisch eine Vieh-, auch eine Ross- oder Schweineherde bezeichnet. Der Name ist vom mittelhochdeutschen Wort «sweige» für «Rinderherde», «Viehhof», «Sennerei» und «dazugehörigen Weideplatz» abgeleitet. Das Wort kann allerdings auch auf klösterliche Besitzverhältnisse hindeuten, die bis weit in die Alpen hinauf reichten.Viele Namen für das GrünAuf der «Weide» frisst das Vieh das Gras direkt ab, düngt den Boden und verdichtet ihn. Die «Alpweide» erfüllt dieselbe Funktion, wird aber nur im Sommer genutzt. Da die Fütterung des Viehs im Winter eine Herausforderung war, mähten die Bauern auch die steilen und gefährlichen «Wildheuplanggen» in schwindelerregender Höhe. Das Heu trockneten sie in kleinen Holzgebäuden – im Kanton Schwyz nennt man sie «Euschli», im Wallis «Stafel». Im Winter transportierte man es mit dem «Horemännel», dem grossen Heuschlitten, oder per Heuseil ins Tal.Auf einer Alpweide frisst das Vieh im Sommer Gras und verdichtet den Boden.Dion Smith / Moment RF / GettyWo das Heu nicht in Gebäuden gelagert werden konnte, schichteten die Bauern es im freien Gelände zu «Tristen» auf. Dabei wird das Gras um eine im Boden verankerte Holzstange, die «Tristlatte», herum verteilt und zu einem birnenförmigen Kegel aufgebaut. Die Walser nutzten dafür ein kleineres, dreibeiniges Lattenkonstrukt, genannt «Heinzen», woher der Heinzenberg im Domleschg wohl seinen Namen hat.Weiter oben in den Bergen beschreibt die «Plangg» einen glatten, steilen Abhang. Das Wort stammt vom lateinischen «planca» für «Brett» ab. Ein Beispiel ist der Muotathaler Planggstock. Im Berner Oberland trifft man häufig auf die «Wang» – einen steilen, gekrümmten Grasabhang, in der Grundbedeutung von «Krümmung», «Feld» und «Wiese». Die «Wang» gab dem Dorf Wengen seinen Namen.Mit «Stalden» wird ein steiler Weg oder ein Abhang bezeichnet. Die «First», mancherorts der «First», erinnert an einen Hausfirst und ist stets begrünt. Der «Grat» hingegen ist in alten Namensgebungen immer bis oben felsig. «Tschingel» oder «Zingel» beschreiben Felsbänder oder Grasbänder. Das Wort leitet sich vom lateinischen «cingulum» für «Gürtel» ab. Bänder anderer Art sind die von den Kühen eingetrampelten Pfade in der Alpwiese. Im Berner Oberland heissen sie «Trejen», bekannt etwa vom Streckenabschnitt Langentrejen auf der Lauberhornabfahrt.Vom Begrünten ins FelsigeEine «Balm» ist die Einbuchtung im Felsen. Zu vorgeschichtlicher Zeit konnte eine «Balm» auch als Wohnhöhle mit Vorplatz dienen. Laut dem Bergnamenforscher Paul Zinsli ist es ein Reliktwort keltischer Herkunft. Der «Gufel» bezeichnet dagegen eine Höhle oder Felswand, abgeleitet wohl vom lateinischen Verb «cubâre», «liegen». Zinsli erklärt es damit, dass das Vieh sich dort zur Rast oder schutzsuchend regelmässig hinlegte.Der «Kasten» und der «Kofel» finden sich vor allem in der Ostschweiz beziehungsweise in der bairischen Dialektfamilie. Mit dem «Kasten» ist eine eckige Felsform gemeint, mit «Kofel» wird eine hohe, senkrechte Felswand bezeichnet. In der Innerschweiz nennt man eine schroffe Felswand «Fluh».Eine felsige Schlucht heisst im Dialekt «Chluus», die «Klus», entstanden aus dem mittelhochdeutschen «klûs» für «Felskluft», «Engpass». Als «Chälen» bezeichnet man einen Einschnitt im Fels, abgeleitet vom mittelhochdeutschen «kël(e)» für «Kehle», «Schlund». Im Berner Oberland und im Wallis steht «Lamm» oder «Lammi» für eine sehr enge Schlucht oder ein Felstobel. Auch das «Chämi» beschreibt einen engen Felsspalt, den Kamin, der beim Klettern oft hilfreich ist. «Charren» sind vom Wasser ausgewaschene Kalksteine im Karstgebiet. Und der «Chratzerengrat» im Muotathal mit seinem rauen Gestein wiederum verdankt seinen Namen der Beschaffenheit des Felsens aus der Fernperspektive.Tessiner Felsen und die Namen der GipfelDie dreistufige Bewirtschaftung des Lebensraumes, die Transhumanz, zeigt in den Tessiner Tälern besondere Ausprägungen. Die sogenannten «Splüi» oder «Sprügh», abgeleitet aus dem Lateinischen «spelunca» für «Höhle», konnten Unterkunft, Viehlager, Sennerei oder Kühlschrank sein. Für die Käseherstellung und vor allem -aufbewahrung waren die «Splüi» zentral: Sie hielten die Vorräte durch die ganzjährig unveränderte Temperatur um 4 Grad Celsius zuverlässig frisch. Bis über die Waldgrenze hinauf findet das geübte Auge diese Nutzungsräume, die erst vor ein paar Jahrzehnten aufgegeben wurden.Für die Beschreibung der Bergformen bedienten sich die Älpler zunächst einer Grundform: Horn, Spitz, Stock, First, Grat oder Fluh. Diese Grundwörter wurden mit einem beschreibenden Bestimmungswort ergänzt: rot, hoch, steil, lieblich, gefährlich, vergletschert, dunkel, hell und so weiter. Das Lauberhorn beispielsweise ist ein abgerundetes, liebliches Horn. Es gibt aber noch exaktere Formen, wie den Schijen, benannt nach oben abgerundeten Zaunlatten, der in Uri, Schwyz, Wallis und Glarus sowie im Prättigau vorkommt. Die Dent Blanche, der weisse Zahn, erklärt sich von selbst, während der Achslenstock im Muotatal vom Tal aus gesehen der Form einer Schulter gleicht.Die Dent Blanche ist ein Berggipfel in den Walliser Alpen, der Zahn ragt rund zehn Kilometer westlich von Zermatt in die Höhe.Christoph Rauch / GettyÄltere Bergnamen bestehen meist nur aus einem Wort. Sie sind meist mächtig, markant, solitär, an stark begangenen, vorzeitlichen Verkehrswegen gelegen und dienten wohl schon früh als Orientierungspunkte aus weiten Entfernungen. Dazu zählen neben Eiger, Säntis und Mythen die Lägeren im Unterland, die Altels im Berner Oberland oder das Nest – wie der zweite Name für das Walliser Bietschhorn lautet. Die Lägeren verdankt ihren Namen den Schichten, die gut sichtbar waren. Der oder die Altels ist nicht zufriedenstellend gedeutet, und das Nest hat seinen Namen wohl seiner Form zu verdanken.Die Geländeform in der HöheIn den alpinen Höhen bezeichnet «Gummen» eine Senke, einem kleinen Tal gleich. Es ist eine Ableitung vom gallischen «kumbâ» für «Tal», «Schlucht». Alpnamen mit «Butzli» beschreiben eine Mulde. Auch hier findet sich ein Lehnwort aus dem Lateinischen, verwandt mit italienisch «pozza» für «Bodensenke». Im gesamten Alpenbogen finden sich zahllose «Furggen»: Furka, Furggeli, Furggamatta oder Furggulti. Die Namen gehen auf das Althochdeutsche «furcha», «furkula» beziehungsweise das Lateinische «fǔrca», «furcula» für «Gabel», «Engpass» zurück. Im Walserdeutschen bedeutet das Wort halb umgangssprachlich «Bergeinschnitt», «Pass». Die romanischen Namen vom Typ Forclaz, Forclettaz, Fuorcla gehen auf das gleiche lateinische «furcula» für «kleine Gabel» zurück.Mit dem Verlust der alpinen Lebenskultur verlieren auch die Alpenmundarten ihre Präzision. Am Ende ist alles eine «Rasenplantage», wie Peter von Matt einst den schleichenden Untergang der Landwirtschaft beschrieb.Nathalie Henseler forscht seit 29 Jahren zur Onomastik und hat sich auf Bergnamen sowie Familiennamen, Siedlungsgeschichte und Wüstungsforschung im alpinen Raum spezialisiert.Passend zum Artikel