KommentarDer neue britische Regierungschef vermittelt Kompetenz, Ruhe und Optimismus. Seine ersten politischen Entscheidungen sind populär. Doch der Realitätstest seiner linken Regierung wird nicht lange auf sich warten lassen.28.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer britische Premierminister kündigt lächelnd tiefere Bustarife im ganzen Land an.WPA Pool / GettyDer neue britische Premierminister Andy Burnham ist eine Woche im Amt. Er hat in dieser kurzen Zeit demonstriert, welchen Unterschied politisches Talent an der Spitze einer Regierung machen kann. In einem von Wirtschaftsschwäche, hohen Schulden und dem verlorenen Glauben an die eigenen Politiker demoralisierten Land kann Burnham ein Gefühl von Zuversicht, Ernsthaftigkeit und pragmatischer Problemlösung vermitteln.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Die allein aus finanziellen Gründen geplante Entlassung auch von Gewalttätern war von den Boulevardmedien als Sicherheitsrisiko und Zeichen mangelnder Fairness problematisiert worden.Auch die wichtigsten Personalentscheide für die neue Regierung vermitteln den Eindruck von Umsicht, Seriosität und Kompetenz. Mit der Beförderung des erfahrenen früheren Verteidigungsministers John Healey zum Schatzkanzler entging Burnham der Falle, sich entweder für rechts oder links zu entscheiden. Healey ist zwar ein alter Linker, aber als engagierter Verteidigungsminister verdiente er sich auch den Respekt Konservativer. Der im rechten Lager sehr unbeliebte Energie- und Klimaminister Ed Miliband wurde zum Verteidigungsminister befördert und damit gewissermassen innenpolitisch neutralisiert. Die ebenfalls stark polarisierende Migrationspolitik bleibt in den Händen der Innenministerin Shabana Mahmood, die auch von konservativen Kräften respektiert wird.Die ersten Entscheide signalisieren der desillusionierten Bevölkerung, dass der neue Premierminister ihre Sorgen ernst nimmt. Der Wirtschaft und den Finanzmärkten wird Kontinuität und Verlässlichkeit zugesichert. In der Aussen- und Verteidigungspolitik will Burnham die Politik der Vorgängerregierung von Keir Starmer ohne Änderungen fortsetzen. Dem ukrainischen Präsidenten Selenski versprach er dieselbe unerschütterliche Unterstützung, die er schon von Starmer erhalten habe.Optimistische RhetorikBurnham bestätigt sein Talent und seine Erfahrung als politischer Kommunikator. Die triste Krisenrhetorik seiner Vorgänger, von Liz Truss über Rishi Sunak bis Keir Starmer, löst er durch eine gewisse Leichtigkeit und Zuversicht ab. Hinzu kommt das Bemühen, durch modisches Outfit und geschmeidige Auftritte dynamisch, jung und volksnah zu wirken.Burnhams Wohlfühlauftritte sind ein willkommener Stilwechsel in der britischen Politik. Seine Reden sind reich an grossen Versprechungen und arm an Details, kritische Fragen lässt er meisterhaft an sich abperlen. Das mag man ihm in den ersten Wochen durchgehen lassen. Das Land kann mehr Zuversicht, Gelassenheit und Hoffnung gut gebrauchen. Doch spätestens, wenn Burnham im Herbst das erste Budget vorlegen muss, wird es ernst werden. Jede soziale Wohltat erfordert Geld, das nicht vorhanden ist. Jede Reform wird Verlierer erzeugen, die sich dagegen wehren werden.Und Burnham wird bald vor einer gewaltigen Welle von Widerstand und Kritik stehen, nimmt man seine Versprechungen ernst. Er hat bei seiner Wahl zum Parteichef nicht weniger versprochen als den tiefgreifendsten Wandel in der britischen Politik seit vier Jahrzehnten – grössere Reformen also als in den Jahren New Labours unter Tony Blair, tiefere Einschnitte, als die Finanzkrise oder die Pandemie brachten? Das ist ein grosses Wort.Der Staat löst alle ProblemeBurnham sieht den Kern vieler Probleme des Landes im politischen System. So will er beispielsweise den Regionen und Kommunen mehr Kompetenzen in der öffentlichen Verwaltung geben. Damit hat er recht. Mit seinem Credo für mehr Dezentralisierung und Eigenverantwortung ist Burnham aber noch lange kein liberaler Reformer.Vielmehr sieht er die Lösung vieler Probleme in einer Ausdehnung der staatlichen Verantwortung. Busunternehmen und Versorger arbeiten nach seinem Verständnis besser in staatlicher Hand. Der nationale Gesundheitsdienst soll nicht durch Privatisierungen entlastet werden, sondern durch ein stärkeres Engagement des Staates in der Alterspflege. Die explodierenden Sozialausgaben sollen nicht durch Kürzungen und Missbrauchsbekämpfung unter Kontrolle gebracht werden, sondern durch ein besseres – staatliches – Bildungssystem und mehr staatliche Sozialbauten.In Burnhams Welt soll der Staat alle Probleme lösen. Dafür braucht er nach seinem Verständnis nicht unbedingt höhere Schulden, Steuern und Abgaben, der Staat muss einfach besser geführt werden als in der Vergangenheit. Selbstredend wird das unter Premierminister Burnham der Fall sein. Man möchte sich gerne ein wenig in dieser wohligen Vision sonnen. Der Realitätstest wird früh genug kommen.Passend zum Artikel