GastkommentarWladislaw L. InosemzewEs scheint, dass auch die ukrainischen Schläge gegen die Benzinversorgung Russland wenig anhaben können – und doch gibt es einen LichtblickDie Strategie der Ukraine, Russland durch gezielte Angriffe auf die Öl- und Gasinfrastruktur auch tief im Innern des Landes zu schwächen, beginnt sich auszuzahlen. Über Moskau und Petersburg hängen dicke Rauchwolken. Doch wie viel bringt das wirklich?28.07.2026, 05.25 Uhr4 LeseminutenElf der grössten Ölraffinerien des Landes sind beschädigt. Die Folge ist eine schwere Treibstoffknappheit. - Brand nach Drohnenangriff in Tuapse.Boris Morozov / ImagoEs ist kein Geheimnis, dass Putin und seine Machtclique Russland am liebsten als verbesserte Version der Sowjetunion hätten. Einer der Freunde des Präsidenten, Alexander Iwanowitsch Bastrykin, der Chef des Ermittlungskomitees der Russischen Föderation, gab unlängst an einem Justizforum ein Lied über Lenin und die Oktoberrevolution zum Besten. Ein Putin-Berater fordert die Wiederbelebung der zentralen Planwirtschaft. Sie allesamt sind davon überzeugt, dass Russland die Nachfolge der UdSSR als militärische Supermacht antreten muss. Allerdings läuft es damit bislang nicht gut.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Erfolg Putins indes ist nicht zu übersehen. Es ist ihm gelungen, die vollständige Trennung von Wirtschaft und Politik wiederherzustellen, wie sie in der Sowjetzeit bestand. Damals vermochte kein ökonomisches Problem landesweite politische Proteste auszulösen. Gorbatschows Perestroika war erfolgreich, weil die Bevölkerung den Zusammenhang zwischen autoritärer Gesellschaft und ineffizienter Wirtschaft erkannte, was einen öffentlichen Aufschrei auslöste. In Putins Russland ging man zum Status quo ante zurück.Doppelter SchockWas die Gegenwart angeht, steht der Kreml vor ernsthaften Herausforderungen. Das ukrainische Militär greift mit Drohnen und Raketen Industrieanlagen in ganz Russland an. Elf der grössten Ölraffinerien des Landes sind beschädigt. Die Folge ist eine schwere Treibstoffknappheit, siebzig Regionen haben Beschränkungen für den Verkauf von Benzin eingeführt. In einigen Teilen des Landes hat sich der Benzinpreis verdreifacht.Es wird versucht, den Russen das zu entziehen, was sie als normal zu betrachten gelernt haben.Doch die Angriffe können den Verlauf des Krieges nicht beeinflussen. Der Kreml wird früher oder später den Benzinverbrauch durch ein Rationierungssystem senken, die Importe erhöhen (unter anderem aus Indien, wo eine Tochtergesellschaft von Rosneft Benzin aus russischem Öl herstellt) und auf den saisonalen Nachfragerückgang warten.Für den russischen Staatshaushalt sind die ukrainischen Angriffe nicht fatal, da der Rückgang der Steuereinnahmen aus dem inländischen Benzinverkauf durch Kürzungen der Subventionen für Raffinerien bei steigenden Inlandspreisen ausgeglichen wird. Auch die Versorgung der Armee wird nicht unterbrochen, da diese nur 3 Prozent des gesamten in Russland verbrannten Benzins verbraucht, wobei Diesel in ausreichenden Mengen produziert wird. Wirtschaftlicher Druck auf Putin wird den Krieg daher nicht beenden können.Doch die russische Gesellschaft spürt die Auswirkungen sehr wohl. Der Mangel an Benzin zerstört die mobile und flexible Lebensweise, welche die Menschen mittlerweile als selbstverständlich ansehen – genauso, wie die gezielten Einschränkungen des Internets es tun. Beide Schocks haben Putins Zustimmungswerten die schwersten Schläge seit Jahren versetzt. Dass es Versorgungsengpässe und Rationierungen geben kann, sind Dinge, welche die jüngeren Generationen nicht kennen und die älteren bereits vergessen haben.Den Russen wird heute nicht etwas vorenthalten, was sie nie besessen haben; es wird versucht, ihnen das zu entziehen, was sie als normal zu betrachten gelernt haben. Die Hauptfrage ist, ob es Putin unter diesen veränderten Bedingungen (schliesslich hat das Volk dreissig Jahre lang in einer einigermassen liberalen Marktwirtschaft mit Privateigentum, offenen Grenzen sowie einem mehr oder weniger freien Medienumfeld gelebt) gelingen wird, den sowjetischen Quietismus in Sachen Wirtschaft und Politik aufrechtzuerhalten.Es scheint, dass sich in Russland nichts von selbst ändern wird. Die Russen sind verbittert – weniger über ihre eigene Regierung als über die Ukraine, die sie als Ursache ihrer Probleme ausmachen. Und doch steuert das Land, so kühn diese These auch erscheinen mag, auf einen Punkt zu, an dem aus wirtschaftlichen Problemen ein politischer Prozess werden könnte. Gorbatschows Reformen wurden unumkehrbar, als den Bürgern nicht nur das Recht zu sprechen, sondern auch das Recht zu wählen gewährt wurde. Die routinemässigen, geordneten Wahlen führten dann zu unerwarteten Ergebnissen.Auch Scheinwahlen zählenWahlen in Russland sind längst zu einer noch grösseren Farce geworden, als die sowjetischen «Wahlen» es waren. Die nächste «besondere Wahlaktion» ist für Mitte September angesetzt. Um dieser Tage Misstrauen gegenüber Putin und seiner Partei zum Ausdruck zu bringen, muss man nicht auf die Strasse gehen oder kritische Kommentare im Internet veröffentlichen und damit Verfolgung riskieren. Doch um die Menschen zum Wahlprotest zu bewegen, ist viel Arbeit nötig.Werden die Russen die sich vermehrt manifestierenden wirtschaftlichen Probleme im Kopf mit dem von Putin vom Zaun gerissenen Krieg gegen die Ukraine in Verbindung bringen? Das ist die drängendste Frage – die zu beantworten weder die russische Opposition noch die ukrainische Führung noch westliche Politiker auch nur versucht haben. Lohnt es sich, den Untertanen des Kremls zu erklären, dass ihre Wahlstimme die Aussichten eines Krieges beeinflussen kann, den – wie viele Aussagen belegen – die meisten von ihnen verzweifelt beendet haben wollen?Es hat sich schon mehrfach gezeigt, dass selbst Scheinwahlen in einem diktatorisch geführten Land von Bedeutung sind. Staatsmänner auf der ganzen Welt sollten dies im Hinterkopf haben, wenn sie über Strategien nachdenken, wie man Russland in Zukunft bändigen kann.Der russische Wirtschaftswissenschafter Wladislaw L. Inosemzew ist Associate Fellow am Royal Institute of International Affairs (Chatham House) und Mitbegründer des Center for Analysis and Strategies in Europe, eines in Zypern ansässigen Think-Tanks. – Aus dem Englischen von A. Bn.Passend zum Artikel
Die Ukraine schwächt Russlands Energieversorgung – führt das zu einer Kriegswende?
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