Hinter der Fassade eines gewöhnlichen Hauses in Zürich verbirgt sich ein bauliches Juwel. Es stammt von einem weltweit bekannten ArchitektenEr baut riesige Bahnhöfe, besondere Türme und dynamische Brücken. Doch auch Santiago Calatrava hat einmal klein angefangen. Eines seiner ersten Werke befindet sich in Wipkingen.28.07.2026, 05.00 Uhr5 LeseminutenDraussen das Baumeisterhaus, drinnen ein Saal: Calatrava reisst den Dachboden heraus und errichtet in der obersten Wohnung ein luftiges Atrium.Dietmar Marent / © Pro Litteris Zürich, 2026An der Nordstrasse in Wipkingen steht ein unscheinbares Gebäude. Doch bei näherem Hinsehen sticht ein Detail ins Auge: das geschwungene Vordach.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sonst wirkt die Liegenschaft wie eine, von denen es in Zürich zahlreiche gibt: ein solides Baumeisterhaus. Das viergeschossige Doppelwohngebäude wird 1892, wie der Name sagt, ohne Architekten, sondern direkt von einem Baumeister errichtet. Es ist der Maurermeister Heinrich Gubler. Bis 1902 gehört es ihm, dann verkauft er es weiter.Damals wohnen Arbeiter dort: Handlanger, Taglöhner, Schlosser, Färber. Auch Büroangestellte, Commis und Reisende sind unter ihnen. Heute ist Wipkingen ein gepflegtes Viertel, das Haus befindet sich im Inventar der Denkmalpflege, und alt Stadtrat André Odermatt (SP) lebt schon seit längerer Zeit darin in einer Wohnung.Der frühere Hochbauvorsteher kann sich glücklich schätzen, wenn er unter dem Vordach den Schlüssel sucht oder aus dem Haus hinaustritt. Denn dieser in Weiss gehaltene, leicht gerippte Vorbau ist nicht langweilig wie jener auf der anderen Seite des Doppelwohnhauses. Das Vordach wirkt wie der Flügel eines Vogels, als wollte es dessen Schwingung abbilden. Es bringt mit der darüber hängenden Glyzinie Bewegung in ein Quartier der braven Holztüreingänge.Die Nordstrasse und ihre Bewohner in einer Aufnahme um 1910, genaues Datum und Fotograf unbekannt.Baugeschichtliches ArchivBilder PD / Baugeschichtliches Archiv / © Pro Litteris Zürich, 2026Bild links: Ein Vordach als Studie für spätere gigantische Projekte. Bild rechts: Der filigrane Eingang des Baumeisterhauses.Wer könnte so etwas ersonnen haben?In Wipkingen erzählt man sich, die Konstruktion stamme von einem der weltweit bekanntesten Architekten: Santiago Calatrava.Er hat jüngst das Haus zum Falken neben dem einst ebenfalls von ihm entworfenen Bahnhof Stadelhofen der Zürcher Öffentlichkeit übergeben. Zu seinen berühmtesten Werken gehört der 2016 eröffnete Bahnhof beim World Trade Center in New York: Die an einen fliegenden Vogel erinnernde Station in Manhattan heisst Oculus, auf Deutsch Auge. Oder der Turning Torso in Malmö, ein spiralförmiger Wolkenkratzer von 2006. Zudem die Ciutat de les Arts i les Ciències in Valencia: ein futuristischer Kultur- und Wissenschaftskomplex von 1998. Schliesslich der Puente del Alamillo in Sevilla: eine prägnante Schrägseilbrücke, die anlässlich der Weltausstellung Expo 92 erbaut wurde.Ist es möglich, dass einer, der für derart spektakuläre Bauten bekannt ist, ein solches Detail im Stadtkreis 10 gestaltet?Ja, ist es. Eine Nachfrage bei Calatravas Büro bestätigt dies. Der spanisch-schweizerische Bauingenieur hat das filigrane Vordach angebracht. Er war beteiligt an der Renovation des Hauses durch den Architekten Jan-Ludvik Vik 1982 und 1983.Santiago Calatrava beim Rundgang im Haus zum Falken Ende Oktober 2025.Michael Buholzer / KeystoneDas Vordach zählt zu seinen ersten kleinen Werken in Zürich, und es steht am Anfang einer steilen Karriere. Es wirkt mit seinem Gerippe wie ein Vorbote des 1990 fertiggestellten Bahnhofs Stadelhofen. Dieser wurde auch schon als «architektonisches Wundergerippe aus Stahl und Beton» bezeichnet. Der Bahnhof Stadelhofen ist, in Zusammenarbeit mit den Architekten Arnold Amsler und Werner Rüegger, Calatravas erstes preisgekröntes Grossprojekt.Und das unscheinbare Baumeisterhaus an der Nordstrasse birgt noch einen weiteren architektonischen Schatz.Zu Beginn der 1980er Jahre wohnt hier der japanische Musiker Mikoto Usami. Er und seine Frau kaufen die Attikawohnung und wollen sie umbauen.Schon früher, in den 1970er Jahren, kommt ihr späterer Architekt aus Valencia an die ETH. Der technisch interessierte Santiago Calatrava hängt in Zürich noch ein Studium in Bauingenieurwesen an, nach seinem Abschluss in Architektur und Urbanistik in Spanien. Zur NZZ sagte er einst über seine Ankunft an der Limmat, es sei für ihn «eine grosse Offenbarung und Erleichterung nach den Jahren in Spanien» gewesen, «wo immer wieder die Polizei die Universität besetzte, wo Kollegen in Gefängnissen verschwanden, wo überall Spione lauerten». Die Nüchternheit in Zürich, die Stille und zugleich das Licht in dieser Stadt am See, das alles habe eine Befreiung bedeutet. «Ich atmete wieder leichter. Hier erlebte ich den Aufbruch in eine neue Kunst, denn ich habe Architektur immer als Kunst verstanden.»Wie ein Dinosauriergerippe: Das 4. Geschoss im Rohbau des Hauses zum Falken von Santiago Calatrava, Ende Oktober 2025.Michael Buholzer / Keystone / © Pro Litteris Zürich, 20261981 gründet Calatrava sein Architekturbüro in Zürich und reicht seine Dissertation an der ETH ein. Der Titel lautet «Zur Faltbarkeit von Fachwerken». Er untersucht darin die statischen Grundlagen zur Konstruktion von beweglichen und faltbaren Tragwerken. Das Thema, wie man mit der Statik der Schwerkraft begegnet, begleitet ihn bis heute. Für Calatrava sind tragende Elemente ästhetisch. Einmal sagt er: «Die Schwerkraft ist für einen Ingenieur das, was für einen Maler die Farben sind.»Zwei Jahre später gestaltet er die Attikawohnung von Mikoto Usami neu.Usami ist Musiklehrer, spielt Klavier und gibt Gesangsstunden. Calatrava will den Eingangsbereich seiner Dachwohnung in ein grosszügiges Musikzimmer umwandeln. Er fertigt eine Skizze an. Sie zeugt von seiner Idee, dass die Zuhörer dereinst ihre Beine von der Galerie baumeln lassen können sollen. Er reisst den Estrichboden über der Dachwohnung heraus. So entsteht ein luftiges Atrium. Er bringt auf der ganzen Länge Dachfenster an, die beidseitig des Giebels verlaufen. Usami nutzt den Raum dank der guten Akustik auch für Privatkonzerte.Vor etwas mehr als zehn Jahren verkauft er die Vierzimmerwohnung. Die jetzige Inhaberin öffnet die Tür für die Journalistin.Skizze des Musikzimmers von Santiago Calatrava: Die Galerie lässt sich über eine Leiter (rechts im Bild) erreichen.PDWer die Wohnung betritt, befindet sich direkt im Atrium. Es ist spürbar, dass Calatrava an die Eintretenden dachte. Er wollte offenbar, dass sie sich geborgen fühlen. Daher hat er über der Tür eine breite, durchsichtige Glasplatte angebracht. Diese lässt sich über eine praktische Leiter, die sich in einer Abstellkammer befindet, betreten. Sie wird zur einladenden Galerie für Zuschauer und Zuhörer – eine genauso ästhetische wie platzsparende Lösung des Architekten. Auch etwas vom alten Estrich hat er als Stauraum übrig gelassen.Unterhalb der Dachschräge, die mit Calatravas typischen Stahlelementen getragen wird, sind Regale angebracht – das Atrium kann auch als Vorbote seines späteren Werks betrachtet werden: etwa der Zürcher Universitätsbibliothek für Juristen. Die Glaskuppel und die Galerien des 2004 fertiggestellten Prachtbaus an der Rämistrasse haben in Wipkingen, in einem ganz normalen Gebäude, ihren Anfang genommen.Im Jahr 1983 entstehen weitere Frühwerke. So wird Calatrava für einen Minibalkon aus Metall beigezogen, der während der Sanierung des Baumwollhofs an dessen Fassade angebracht wird. Der Baumwollhof ist eine denkmalgeschützte städtische Liegenschaft an der Stadelhoferstrasse nahe dem Bahnhof Stadelhofen.Für den neuen Balkon an der Fassade des Baumwollhofs beim Stadelhofen wird der junge Calatrava beigezogen.PD / © Pro Litteris Zürich, 2026Ähnliche Verstrebungen wie das Vordach an der Nordstrasse weist die Erweiterung des Balkons vom Haus Thalberg in Witikon auf. Der schmale Balkon des bestehenden Gebäudes Thalberg soll 1983 vergrössert werden. Calatrava löst dies, indem er als Stützen leichte Stahlelemente anbringt. Diese Tragstruktur, hier im Kleinformat angewandt, dient ihm später als Grundlage für grössere Projekte. Man denke an einen Steg beim Bahnhof Stadelhofen oder dessen skulpturales Dach.Das Vordach an der Nordstrasse, das Atrium und die Balkone sind erste Experimente, einige Jahre bevor Calatrava weltberühmt wird. So ist aus einem einst ohne Architekten errichteten Haus 100 Jahre später ein verborgenes bauliches Juwel geworden.Die Verstrebungen des Hauses Thalberg in Witikon stützen den vergrösserten Balkon.PD / © Pro Litteris Zürich, 2026Dieselben Stahlelemente des Hauses Thalberg tauchen beim Olgasteg am Bahnhof Stadelhofen wieder auf.PDPassend zum Artikel
Eines von Calatravas ersten Werken steht in Wipkingen – ein verborgenes Juwel
Er baut riesige Bahnhöfe, besondere Türme und dynamische Brücken. Doch auch Santiago Calatrava hat einmal klein angefangen. Eines seiner ersten Werke befindet sich in Wipkingen.






