Wenn Polacra sich majestätisch erhebt, ist die Pause vorüber. Die Wisentherde, die bisher gemächlich im Schatten unter den niedrigen Eichen kaute, folgt ihrem Leittier. Polacra zieht es zu einer Wasserstelle. Es ist ihr erster Sommer auf der heißen kastilischen Hochebene. Zusammen mit den amerikanischen Bisons sind die europäischen Wisente die letzten überlebenden Vertreter ihrer Gattung. Im Herzen Spanien könnten sie bald den Menschen gegen die verheerenden Brände zur Hilfe kommen, die nicht weit entfernt von ihnen wüten.Die europäischen Bisons sind Pioniere. Die größten Landsäugetiere, die heute in Europa leben, könnten dazu beitragen, Waldbrände zu verhindern. Rund 34.000 Hektar sind erst in der vergangenen Woche im Norden der Provinz Guadalajara verbrannt, in der die fünf Kühe und vier Bullen im Naturpark Alto Tajo ihre neue Heimat gefunden haben. Zwischen Madrid und Ávila wüteten am Montag die Feuer weiter.„Sie machen den Wald und das Unterholz sauber“Der unersättliche Hunger der Tiere mit dem hohen Buckel, die fast eine Tonne schwer werden können, soll den Flammen die Nahrung rauben. „Sie machen den Wald und das Unterholz sauber“, sagt die Biologin Marina Mònico – mit leiser Stimme und gebührendem Abstand zu den Tieren mit den ausladenden Hörnern, die aufmerksam verfolgen, was sich um sie herum tut.„Wir versuchen herauszufinden, welchen Beitrag die Wisente in einer mediterranen Umgebung leisten können, um die Natur gesünder und widerstandsfähiger gegen Brände und die Folgen des Klimawandels zu machen“, sagt die katalanische Biologin. Marina Mònico hat in Afrika gearbeitet, bevor sie begann, für die NGO Rewilding Spain in der verlassenen Wildnis des Quellgebiets des Tajo zu arbeiten, des größten Flusses der Iberischen Halbinsel.Die Landflucht ist neben dem Klimawandel inzwischen einer der entscheidendsten Gründe dafür, dass es in Südeuropa immer heftiger und häufiger brennt. Mit den Menschen verschwanden die Tiere – die jetzt wieder angesiedelt werden.Lidia Valverde/Rewilding SpainIm „leeren“ Spanien in der Mitte des Landes verschwanden mit den Menschen auch die Rinder, Schafe und Ziegen, die früher zwischen den Bäumen grasten. Die Landflucht ist neben dem Klimawandel inzwischen einer der wichtigsten Gründe dafür, dass es in Südeuropa in den Wäldern immer heftiger und häufiger brennt – allein in Spanien wurden in diesem Jahr schon mehr als 150.000 Hektar ein Raub der Flammen.In anderen Orten von Kastilien-La Mancha experimentiert man bereits mit „Feuerwehrschafen“. Für Pflanzenfresser bieten die spanischen Wälder so viel Futter wie selten zuvor. Vor den Hitzewellen des Sommers hatte es im Winter und im Frühjahr ungewöhnlich viel geregnet. Die Vegetation wucherte, bevor sie austrocknete. Gras, Kräuter und Sträucher wurden zu Zunder. Früher kümmerten sich die Herden der Bauern um das Unterholz. Doch ihren Kindern ist die Arbeit auf dem einsamen Land zu schwer: Äcker, Wiesen und Wälder verwildern und verbuschen.„In dieser Gegend gibt es keine Tierzüchter oder Schäfer mehr, die ihre Herden auf die Berge treiben. Dafür Wälder voller trockener Biomasse und immer aggressivere Brände“, sagt die Biologin Marina Mònico. In „sauberen“ Wäldern ziehen die Feuerfronten schneller durch: Sie fressen sich buchstäblich nicht so fest, wie an diesem Wochenende in den Bergen oberhalb von Madrid. Die robusten Pinien und Kiefern haben eine Chance, sich zu regenerieren. Waldbrände hat es im Süden Europas immer gegeben, aber keine Megabrände, die sich in den vergangenen Jahren häufen.In den vergangenen Jahren häufen sich sogenannte Megabrände – verschiedene Krisenherde, die sich zusammenschließen. Hubschrauber werden eingesetzt, um das Feuer einzudämmen, so wie hier in Guadalajara, Kastilien-La Mancha (Spanien).dpaDie Wisente suchen die Abwechslung. Sie fressen Laub, Gräser, Sträucher, Büsche und Äste. Dafür stoßen sie auch kleine Bäume um. „Sie laufen täglich mehrere Kilometer. Im heißen Sommer weniger. Dann nehmen sie gerne ein Sandbad“, sagt Darío Castillo, der für die kleine Herde verantwortlich ist. Er und seine Kollegen können auf ihren Mobiltelefonen verfolgen, wo die Tiere sind. Einige von ihnen tragen einen Satellitensender.Sämtliche Daten fließen in ein internationales Forschungsprojekt, das drei Jahre lang die Anpassungsfähigkeit der bedrohten Art in mehr als einem halben Dutzend unterschiedlicher Umgebungen untersucht. In Spanien interessiert dabei besonders, wie sich Arterhaltung und Brandschutz verbinden lassen. An der Studie sind die Universitäten von Manchester, Aarhus sowie die Universität des Baskenlandes beteiligt.Die NGO und die Forscher müssen sich Kritikern stellen, die es für falsch halten solche „exotischen“ Tiere aus Nordeuropa ausgerechnet im heißen Spanien anzusiedeln – auch wenn die Vorfahren der Bisons in den Höhlenmalereien von Altamira zu sehen sind; sie entstanden vor mehr als 10.000 Jahren in Nordspanien. Die kastilische Herde stammt aus Polen und den Niederlanden; die jüngsten Tiere wurden auf einer Finca bei Segovia geboren, wo alle ihre ersten Jahre in Spanien verbrachten und sich akklimatisierten.Die Wisente fressen Laub, Gräser, Sträucher, Büsche und Äste. Damit entziehen sie dem Boden entflammbares Material und machen die Natur widerstandsfähiger gegen Brände und die Folgen des Klimawandels.Hans-Christian Rößler„Unsere Tiere sind keine Konkurrenz. Sie können Rinder und Schafe ergänzen“, sagt Lidia Valverde von Rewilding Spain. Die NGO gehört dem gleichnamigen europäischen Netzwerk an. Es ging aus einer gemeinnützigen Stiftung hervor, die 2011 in den Niederlanden gegründet wurde und mittlerweile in acht Regionen aktiv ist, darunter im benachbarten Portugal und im deutsch-polnischen Oderdelta. Der spanische Ableger konzentriert sich auf 850.000 Hektar im iberischen Hochland in den Provinzen von Guadalajara, Teruel und Cuenca. Zum größten Teil auf öffentlichem Grund und Boden, den ihnen Gemeinden wie das benachbarte El Recuenco für die Wisente überlassen haben.Die Wisente entwickeln sich zu einer TouristenattraktionDer junge Bürgermeister Kike Collada wollte die Wisente unbedingt in seinem Wald haben – nicht nur, um die Natur, sondern auch seinen aussterbenden Ort wiederzubeleben. „Sie werden uns helfen, den Berg zu öffnen“, sagt er und meint auch den Ökotourismus und sein Dorf mit 80 Einwohnern. Die Wisente grasen bisher hinter einem Elektrozaun auf rund 400 Quadratmetern. Der Durchgang ist nicht verboten. Schilder fordern dazu auf, einen Sicherheitsabstand von hundert Metern zu wahren und Hunde an die Leine zu nehmen.Die Wisente entwickeln sich zu einer Touristenattraktion in dem Naturpark wie zuvor schon die kleinen Przewalski-Pferde auf der anderen Seite der Landstraße in Richtung von Villanueva de Alcorón. Sie stammen aus der asiatischen Steppe und gelten als die einzige Pferdeart, die in ihrer Wildform überlebte, obwohl sie um ein Haar ausgestorben wäre. Seit drei Jahren wächst die Herde, die schon mehr als 30 Tiere umfasst. „Sie haben sich gut eingewöhnt und fühlen sich wohl. Jedes Jahr gibt es Geburten“, sagt die Biologin Marina Mònico. Sie halten das sonst hüfthohe Gras niedrig, fressen Blätter und Eicheln. Wie die Wisente können sich selbst versorgen und die harschen Winter überstehen, in denen es sehr kalt wird und schneit.Lokale Führer, die die NGO ausbildet, zeigen und erklären Touristen mittlerweile die Herden. Das ist ein weiterer Grund dafür, in dem Naturpark zu übernachten, der keine zwei Stunden von Madrid entfernt liegt. Mehr als 20 Arbeitsplätze sind durch die Arbeit von Rewilding Spain schon entstanden. Marina Mònico ist mit ihrer Familie in die verlassene Gegend gezogen. Der gelernte Tierzüchter Darío Castillo wanderte erst vor einem Jahr aus Venezuela aus und hat sich mit seiner Frau in El Recuenco niedergelassen. Die seltenen Tiere haben auch Investoren angelockt, von denen einige aus den USA stammen. Oberhalb des Dorfes soll bald eine „Ökolodge“ gebaut werden, die schon heute mit „umfassenden Naturerlebnissen in renaturierten Gebieten“ wirbt.Doch muss die Natur muss zunächst den verheerenden Brandsommer überleben, der gerade erst begonnen hat. Mehrere spanische Regionalregierungen und die EU besinnen sich dabei auf die Tiere. Fachleute sprechen dabei von „Präventivbeweidung“. Anfang Juli stellte die Europäische Kommission ihre neue Viehstrategie vor. Sie erkennt zum ersten Mal die Schaf- und Ziegenhaltung für den Erhalt von Ökosystemen, die Verhinderung von Waldbränden an. Von der EU geförderte „Feuerwehrschafe“ sind bereits in mehr als einem Dutzend Orten in der Region von Murcia im Einsatz.Die Serrano-Pferde tragen durch ihr stetiges Grasen dazu bei, das brennbare Material zu verringern und damit auch die Gefahr von großen Waldbränden.Hans-Christian RößlerRewilding Spain experimentiert schon länger mit lokalen Rassen. Knapp eine Stunde von den Wisenten entfernt grasen auf der Dehesa de Solanillos bei Mazarete dunkle Serrano-Pferde friedlich an der Seite der Tauros. Sie sehen aus wie Kampfstiere, sind aber eine Kreuzung alter Hausrinderrassen, die den ausgestorbenen Auerochsen nachahmt. Die robusten Serrano-Pferde dienten früher in der Sierra von Madrid als Arbeitstiere, bis die Bauern sie nicht mehr brauchten.Die knapp hundert Tiere tragen dazu bei, zu verhindern, dass sich auf dem Hochplateau die Katastrophe von 2005 wiederholt. Aus dem Gras, das sie niedrig halten, ragen noch die Baumstümpfe des verheerenden Waldbrands hervor: Elf Feuerwehrleute kamen damals ums Leben. Bis vor wenigen Wochen dachte man, es könnte nicht schlimmer kommen. Doch in diesem Sommer verbrannten in Spanien schon 13 Menschen – und im Norden der Provinz Guadalajara eine noch viel größere Fläche.