82 Kilometer waren noch zu absolvieren in Paris, nur noch, es war für viele Pelotonisten ein finales Schaurollen. Und so machten sich sieben Rennradfahrer auf, die sich in der Wahl der Mode wenig ähnelten: Georg Steinhauser, Niklas Märkl, John Degenkolb, Phil Bauhaus, Felix Engelhardt, Nico Denz und Nils Politt bildeten eine Reihe, sieben deutsche Profis bei dieser Tour de France, die zuvor drei Wochen lang in konkurrierenden Rennställen eher gegen- als miteinander taktiert hatten. Drei verbliebene Fahrer fehlten, um dieses vereinte Bild auf der Champs-Élysées zu komplettieren: Max Kanter, Georg Steinhauser und Michel Hessmann waren noch vom Peloton verschluckt. Und zwei Deutsche fehlten gänzlich.Die 113. Frankreich-Rundfahrt wird als Tour der Superlative in Erinnerung bleiben, mehrere Rekorde haben die Radler gebrochen, nie waren die Fahrer zuvor mit einem Durchschnitts-Speed von mehr als 43 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen. Unzählige deutsche Zuschauer waren an den Streckenrändern zu finden und bekamen so viele Pedaleure aus der Heimat zu sehen wie seit fünf Jahren nicht mehr. Zwölf Deutsche waren angetreten, zehn davon kamen mit gemischten Gefühlen ins Ziel. Und zwei mussten unter Schmerzen aufgeben.MeinungTour-Equipe Red Bull:Zwei Chefs sind besser als keinerDass der 32-jährige Pascal Ackermann nach mehr als 3000 Kilometern und nahezu 50 000 geschafften Höhenmetern auf der vorletzten Etappe beim Anstieg zum 2067 Meter hohen Col de la Croix-de-Fer unter Knieschmerzen und erkennbar erschüttert aufgab? Das war eine kleine sportliche Tragödie für den Sprinter aus der Südpfalz. Die größte Scharte in der gesamtdeutschen Bilanz dieser Tour de France hatte allerdings vier Tage zuvor das Ausscheiden von Florian Lipowitz hinterlassen: Sturz beim Zeitfahren am Genfer See, Schlüsselbeinbruch. Der auf Rang fünf in Podiumsnähe gelegene Bergspezialist musste aufgeben und wurde nicht länger Zeuge der zahlreichen Schilder und Straßenbemalungen, die deutsche Fans auf den finalen Alpenetappen dem 25-Jährigen aus Laichingen gewidmet hatten.Lipowitz hat inzwischen eine Operation hinter sich, die „gut verlaufen“ sei, wie er am Sonntag in einem Telefonat mit der ARD erklärte. Er sei noch nicht ganz schmerzfrei, erklärte Lipowitz. „Ich habe noch ein bisschen mit den Rippen und mit dem Atmen zu kämpfen“, sagte der Mann vom Team Red Bull. Wenn das Schlüsselbein wieder ganz verheilt sei und er ohne Schmerzen draußen sitzen könne, dann könne er wieder genau das machen, „was mir am meisten Spaß macht. Ich werde wahrscheinlich noch ein paar Tage brauchen, bis ich wieder aufs Rad komme.“Florian Lipowitz, hier bei der Präsentation vor dem Tourstart, stürzte beim Einzelzeitfahren auf der 16. Etappe. Thibault Camus/AP/dpaWenn man so will, ist Lipowitz’ Aus für die Bilanz des deutschen Radsports auf der größtmöglichen Bühne verheerend. Würde man allein die zentralen Zahlen als Maß nehmen, fiele der zweite Platz des 28-jährigen Max Kanter bei der fünften Etappe ins Auge, und überhaupt der ganze Max Kanter. Im Schlusssprint auf der Champs-Élysées zählte er wie mehrmals im Verlauf dieser Tour zu den Endschnellsten und wurde Tagesvierter, wie bereits im Finish der sechsten Etappe nach Bordeaux. Vierter wurde er schließlich auch in der Gesamtwertung der besten Sprinter um das Grüne Trikot, die der Däne Mads Pedersen für sich entschied.Pedersen, 30, ist in Diensten des deutschen Teams Lidl-Trek unterwegs, das nach der Ankunft am Arc de Triomphe als bestes Team dieser Rundfahrt geehrt wurde. Die Erfolgsbilanz des zweiten deutschen Rennstalls Red-Bull-Bora-Hansgrohe lässt sich ebenfalls blicken: Allein der vor dieser Saison verpflichtete Belgier Remco Evenepoel gewann zwei Etappen, wurde Gesamtzweiter und dominierte diese Tour de France vor allen anderen Fahrern. Also vor allen anderen, die nicht Tadej Pogacar heißen. Dieser Mann bewegte sich drei Wochen lang einmal mehr in einer ihm eigenen Sphäre, die seit Längerem schon keiner mehr durchdrungen hat.Tadej Pogacar bewegte sich drei Wochen lang einmal mehr in einer ihm eigenen SphäreDas Leistungsvermögen des deutschen Profiradsports lässt sich an den Erfolgsgeschichten der beiden in der Heimat ansässigen Tour-Equipes jedoch kaum ablesen. Lidl-Trek war ohne deutschen Pedaleur angetreten, vom Team Red Bull erreichte nur Nico Denz, 32, das Ziel. Ohne Lipowitz steht es derzeit offensichtlich nicht allzu rosig im deutschen Radkletterwesen. Anders gesagt: Lipowitz, der Vorjahresdritte der Tour kaschierte dies, bis er mit der Schulter an einen französischen Bordstein krachte. Von den 158 Fahrern, die es bis nach Paris schafften, gelang es nur einem Deutschen, sich in der ersten Tableauhälfte der Gesamtwertung zu platzieren: Nils Politt aus Pogacars Team, Gesamt-72., hat die Erwartungen seines Rennstalls voll erfüllt. Als Helfer des Kapitäns trug er zu Pogacars drittem Tour-Sieg in Serie bei – und kam entsprechend zu einem persönlich erfreulichen Fazit: „Es war von Barcelona bis Paris eine Top-Tour.“Weniger an den Zahlen als an den Erlebnissen wird den aus Deutschland angereisten Zuschauern der Name Felix Engelhardt in Erinnerung bleiben. Der deutsche Meister aus Münster ließ sich nicht lange bitten bei seinem Tourdebüt, war dreimal in Ausreißergruppen unterwegs, zischte während der zweiten Etappe 131 Kilometer in einer Fluchtgruppe vor dem Peloton her und wurde dafür mit der goldenen Nummer ausgezeichnet. Zur Gesamtbetrachtung gehört aber auch: Seit Politts Solo auf der zwölften Etappe von Saint-Paul-Trois-Châteaux nach Nîmes 2021 hat kein Deutscher mehr eine Tour-Etappe gewonnen. Wobei, auch das sei erwähnt: In dieser Statistik haben auch Frankreich, Italien und Spanien ein Thema. Erstmals in der Geschichte gelang keinem Fahrer aus den drei Gastgeberländern der Grands-Tours ein Etappensieg.Die Performance der deutschen Fans, auch das darf Teil dieser schwarz-rot-goldenen Bilanz sein, kam über die gesamte Tour de France irgendwo zwischen dem gelben und gepunktetem Trikot ins Ziel. In Le Markstein im Elsass, als die 14. Etappe unweit der deutschen Grenze vorbeiführte, sicherte sich die Zuseherschaft aus l'allemagne im internationalen Vergleich unangefochten den Tagessieg. „Es hat mich sehr gefreut, dass so viele deutsche Fans am Streckenrand waren, gerade in Le Markstein“, sagte Politt in Paris. Und Lipowitz erklärte: „Dieser Rückhalt der Fans gibt mir wieder Motivation, so schnell wie möglich zurück aufs Rad zu kommen.“
Tour de France 2026: Gemischte Bilanz für die deutschen Fahrer
Durch das Aus von Florian Lipowitz fällt die Bilanz der deutschen Radsportler bei der Tour gemischt aus. Erfolge feiern die beiden deutschen Teams – und die Fans.






