«Dieb» und «Häftling»: Milei beschimpft Brasiliens Präsidenten Lula – und löst eine diplomatische Krise ausDer argentinische Staatschef sieht das Nachbarland als Urheber einer Kampagne, die die Argentinier als ein Volk von Rassisten verunglimpfe. Nun hofft Milei, dass die «rechte Welle» auch Brasilien erfasst.27.07.2026, 15.56 Uhr4 Leseminuten«Wir müssen die Schere schärfen, um den Diebstahl dieser sozialistischen Verbrecher zu stoppen», rief Javier Milei (links) den Unterstützern von Flávio Bolsonaro in São Paulo zu. Vom Präsidentschaftskandidaten erhofft er sich einen weiteren Triumph der Rechten in Südamerika.Nurphoto / GettyIn fast allen südamerikanischen Staaten sind rechte oder ultrarechte Kräfte an der Macht. Doch im grössten Land der Region ist das anders: Der Linke Luiz Inácio Lula da Silva regiert Brasilien – und hat intakte Chancen, auch die nächste Präsidentschaftswahl im Oktober zu gewinnen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für seinen argentinischen Amtskollegen Javier Milei ist das eine Horrorvision. Er reiste deshalb am Wochenende nach Brasilien, um den rechten Kandidaten Flávio Bolsonaro zu unterstützen. Dabei wurde er in einem Mass verbal ausfällig, wie es sogar für ihn, den Mann mit der Kettensäge, nicht alltäglich ist.Angestachelt fühlte sich Milei durch einen Entscheid des brasilianischen Bundesrichters Alexandre de Moraes: Dieser hatte ihm ein Treffen mit seinem engen politischen Verbündeten Jair Bolsonaro untersagt, dem früheren brasilianischen Präsidenten. Bolsonaro senior muss wegen eines gescheiterten Putschversuchs eine Haftstrafe absitzen, derzeit ist er aus gesundheitlichen Gründen im Hausarrest. Der Richter de Moraes ist wegen des Prozesses gegen Bolsonaro schon länger eine Hassfigur der Rechten in Lateinamerika und den USA. Nun hat ihn Milei wegen des Besuchsverbots als «glatzköpfigen Abschaum» bezeichnet.In einem Video, das Flávio Bolsonaro auf der sozialen Plattform X teilte, ist zu sehen, wie er Milei umarmt und ihm Grüsse seines Vaters Jair ausrichtet. Er sei nach São Paulo gekommen, damit die «blaue Welle» der Rechten auch Brasilien erreiche, sagte der argentinische Präsident. «Zusammen bekämpfen wir die Terroristen», antwortete Bolsonaro junior, womit er wohl generell die Linken meinte.«Sozialistische Diebe»Damit war der Ton gesetzt. Später am Samstag trat Milei bei der Lancierung von Flávio Bolsonaros Wahlkampf auf. In Argentinien hätten sie schon mit ansehen müssen, wie die «Scheiss-Linken» das Land in der Armut versinken liessen, sagte Milei. Dann griff er den brasilianischen Präsidenten und dessen politisches Lager direkt an: «Lasst euch eure Zukunft nicht von den sozialistischen Dieben stehlen», rief Milei Bolsonaros Anhängern zu.Nach seiner Rückkehr nach Buenos Aires setzte Milei am Sonntag noch einen drauf. In einem Radiointerview sagte er: «Der Ex-Häftling konnte hierher kommen und die verurteilte Verbrecherin besuchen, niemand hat ihm hier irgendetwas verboten.» Mit dem «Ex-Häftling» meinte er Lula, der einst wegen Korruptionsvorwürfen 580 Tage im Gefängnis war. Die «Verbrecherin» ist Cristina Fernández de Kirchner: Die frühere argentinische Präsidentin sitzt eine sechsjährige Haftstrafe ab, ebenfalls wegen Korruption.Vor gut einem Jahr hat Lula Fernández de Kirchner einen Solidaritätsbesuch im Hausarrest abstatten dürfen, insofern ist Mileis Ärger verständlich. Doch im gleichen Interview behauptete er auch, die brasilianische Regierung habe die «antiargentinische Kampagne» während der Fussball-WM mitfinanziert. In brasilianischen Zeitungen und in den sozialen Netzwerken gab es viel Kritik an der argentinischen Nationalmannschaft und an deren Fans, die mit rassistischen Gesängen aufgefallen waren. Milei sieht darin den Versuch, das ganze argentinische Volk als rassistisch abzustempeln.Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ist Javier Milei seit Jahren in inniger Feindschaft verbunden.Ricardo Moraes / ReutersBotschafter zurückgerufenEs waren nicht die ersten Attacken des argentinischen Präsidenten auf Lula, er hatte diesen auch schon als «korrupten Kommunisten» oder als «linken Zwerg mit aufgeblasenem Ego» beschimpft. Nun reagiert Brasilien zum zweiten Mal nach 2024 mit einem deutlichen diplomatischen Signal: Das Aussenministerium rief den Botschafter in Buenos Aires, Julio Bitelli, zu Konsultationen nach Brasilia zurück. Zudem bestellte es den argentinischen Botschafter Daniel Raimundi ein, damit dieser zu Mileis Äusserungen Stellung nimmt.Das Aussenministerium schrieb in einem Communiqué, es gebe keinen Präzedenzfall, in dem ein ausländischer Staatschef auf brasilianischem Staatsgebiet das Staatsoberhaupt, die demokratischen Institutionen einschliesslich der Justiz sowie das brasilianische Volk derart angegriffen und beleidigt habe. «Es ist besonders bedauerlich, dass für diesen schändlichen Vorfall der Präsident eines Landes verantwortlich ist, mit dem Brasilien seit 203 Jahren freundschaftliche Beziehungen unterhält und zusammenarbeitet und das in Brasilien seinen wichtigsten Handelspartner hat.»Eine weitere Eskalation wie etwa die Ausweisung des argentinischen Botschafters wird in den beiden wichtigsten Ländern Südamerikas zwar nicht erwartet: Die argentinische Zeitung «La Nación» zitiert diplomatische Quellen, laut denen Lulas Arbeiterpartei wenige Monate vor den Wahlen kein Interesse an einer Zuspitzung der Krise habe.Genauso wenig aber rechnet man mit einer Entschuldigung von Milei. Dieser krebste in ähnlichen Fällen in der Vergangenheit nie zurück – etwa, als er mit Spaniens sozialistischem Regierungschef Pedro Sánchez oder Kolumbiens Präsidenten Gustavo Petro aneinandergeraten war.Oppositionelle schämen sichSein Bedauern über Mileis «beschämende» Attacken hat dafür Axel Kicillof geäussert, der als Gouverneur der Provinz Buenos Aires eine zentrale Figur der peronistischen Opposition ist. Mit seinen Provokationen gegenüber dem wichtigsten Handelspartner gefährde der Präsident argentinische Investitionen, Exporte und Tausende von Arbeitsplätzen – und das alles nur, um «auf Trumps Wunsch hin» den Kandidaten Flávio Bolsonaro zu unterstützen.Auch Ricardo Alfonsín, der frühere argentinische Botschafter in Spanien und Sohn des einstigen Präsidenten Raúl Alfonsín, zeigt sich entsetzt. Milei sei nicht auf der Höhe seiner Aufgabe. Dass dies auch die grosse Mehrheit der Argentinier so sehe, werde sich 2027 zeigen. Dann steht die nächste Präsidentschaftswahl an. Mileis Umfragewerte sind derzeit eher schlecht, dennoch kann er dank der zersplitterten Opposition auf eine zweite Amtszeit hoffen.Passend zum Artikel
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Der argentinische Staatschef sieht das Nachbarland als Urheber einer Kampagne, die die Argentinier als ein Volk von Rassisten verunglimpfe. Nun hofft Milei, dass die «rechte Welle» auch Brasilien erfasst.










