Erst muss man bestätigen, dass man ein lebender Mensch ist. Und nicht etwa ein Basstölpel oder Beethoven. Danach heißt es auf der Homepage der EZB aktuell: „Unsere Euro-Banknoten werden neu gestaltet – und Sie können daran mitwirken!“ Unter anderem, indem man sich den Vogel aussucht, der dem eigenen Dafürhalten nach am besten zur EU passt. Der Pleitegeier steht leider nicht zur Auswahl. Der Aasgeier, der über der Entscheidungsfähigkeit kreist, auch nicht.Bis zum 21. September können die rund 350 Millionen EU-Bürger mitentscheiden, wie die künftigen Euro-Scheine aussehen sollen. Es ist die erste komplette Neugestaltung seit der Euro-Einführung 2002; geben wird es die neuen Noten frühestens ab 2028. Wählen kann man jetzt grundsätzlich zwischen dem überraschend originellen Thema „Europäische Kultur“ und dem verblüffend originellen Thema „Flüsse und Vögel“. Diese beiden Stränge hatten sich zuvor per Online-Umfrage und in von Beraterrunden gespeisten Gremiensitzungen partizipativ durchgesetzt.Wirken wir mit: Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, stellt die in die engere Wahl gekommenen Entwürfe für die künftigen Euro-Banknoten vor. Andreas Arnold/dpaDie Welt ist möglicherweise endgültig in den ESC-Televoting-Modus geraten. Das Ergebnis ist noch offen, aber eine Vorahnung macht sich breit: die Verbreitung von immer mehr Hässlichkeit in Form des kleinsten gemeinsamen Geschmacksnenners. Wenigstens haben alle ein gutes Gefühl, denn: Dabeisein ist alles.Bei Lego-„Ideas“ kann man online eigene Entwürfe für neue Baukasten-Sets einbringen. Der Chips-Hersteller Lay’s bat Verbraucher um neue Geschmacksideen. Ein Ergebnis: Chips mit Cappuccino-Geschmack. Haribo nutzt Online-Abstimmungen für neue Fruchtgummimischungen. Die EZB macht es nun ähnlich. Joseph Beuys lag fast richtig, als er annahm: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Das stimmt zwar nicht, aber immerhin ist jeder Mensch mit einem Handy in der Lage zum wahren Goldstandard der Gegenwart: Feedback.Mitwirkung ist ein mächtiger Zauber, da Demokratien als politische Gesellschaftsform zwar einerseits bedroht sind, es andererseits aber immer mehr pseudodemokratische Mitwirkungsangebote gibt – auf der Ebene der Dinge, da man zu jeglichem Produkt jedwede Meinung haben darf, ja haben soll. Weil das Feedback aller Menschen letztlich alle Menschen davor bewahrt, im Ergebnis noch irgendetwas verantworten und selbst entscheiden zu müssen.Herumklicken und wegwischen, das werden Sie ja wohl können?Wie, Sie haben keine Ahnung, zum Beispiel vom Banknoten-Design? Auch keine Idee, kein ausgeprägtes Stilempfinden und keine Ästhetik-Vorstellung? Sie wissen nichts von der ehrwürdigen Gestaltungshistorie im Reich des Geldes? Dass einmal die besten Graveure ihrer Länder tätig waren, um das Geld als nationale Bedeutungsträger zu gestalten? Dass bedeutende Grafiker Banknoten entwarfen als Chiffren nationaler Besonderheiten und repräsentativ ausstrahlender Suggestion? Umso besser: Denn herumklicken, wegwischen und irgendwas aus irgendwelchen Gründen irgendwie okay, richtig super oder auch krass doof finden: Das kann doch jede und jeder.Also bitte, wirken wir mit. Das Thema „Flüsse und Vögel“ spiegelt, jedenfalls theoretisch, laut EZB die Vielfalt der natürlichen Ökosysteme Europas wider. Für den Fünf-Euro-Schein geht daher der Mauerläufer ins Rennen, beim Zehner ist es der Eisvogel. Der Basstölpel ziert den 200er-Schein. Auf den Rückseiten zu sehen: Institutionen der EU. Beim Thema „Kultur“ geht es um Maria Callas, Ludwig van Beethoven, Marie Curie oder Bertha von Suttner. Deren Rückseiten bestehen aus Alltagsszenen der Kultur. Zu sehen sind Straßenkünstler oder ein Kinderchor.Das Gute an dieser Idee: Die bisherigen Motive, fiktive Bauwerke, die niemand kennt (weshalb sie auch nie stören), werden obsolet. Die schlechte Nachricht: Das Design aus Bürokratie und Mitmach-Hype ist uninspiriert und beliebig. Vielleicht aber ist das Ganze auch ein genialer Trick der EU, die schon lange darüber nachdenkt, wie man das ungeliebte Bargeld ohne großes Aufhebens abschaffen kann. Am besten, indem man Geld druckt, das niemand will – weil alle darüber befunden haben.
Neue Euro-Geldscheine: Die haben einen Vogel
Die Europäische Zentralbank lädt zur Online-Abstimmung über das Design der neuen Banknoten ein. Gute Idee? Wenn man das Bargeld ganz abschaffen will: ja.











