Es sei ein heikler Fall, sagt der Kirchenmann. Nicht nur, weil der „kleine Kreis“, der in seiner Gemeinde damit befasst war und davon wusste, maximal unsicher war, wie damit verantwortlich umzugehen sei. Heikel sei es auch, mit der Presse darüber zu sprechen. Der Seelsorger lässt sich darauf nur unter der Zusage ein, anonym bleiben zu können – „ich will auf keinen Fall den Jungen brandmarken und ihm damit auch die Tür offenhalten, gedanklich umzukehren“.Das Landeskomitee der Katholiken in Bayern als oberste Laienvertretung im Freistaat hat die AfD in ihrer Frühjahrsvollversammlung als „christen- und kirchenfeindliche Partei“ bezeichnet. Den Wahlerfolg der Partei bei der bayerischen Kommunalwahl im März beobachte man mit großer Sorge, sagte der Vorsitzende Christian Gärtner. Deshalb wolle man die eigenen Pfarrgemeinden stärken, damit diese in der Lage seien, die Demokratie zu verteidigen und auf extremistische Meinungen zu reagieren. Schließlich stünden auch zunehmend kirchliche Veranstaltungen und Bildungsangebote unter politischem Druck.„Wer sich etwa für Geflüchtete einsetzt, sieht sich heute oft verbalen Angriffen ausgesetzt“Dass das ein Thema ist, merken sie auch deutlich im Kompetenzzentrum Demokratie und Menschenwürde (KDM) der katholischen Kirche Bayern mit Sitz an der Freisinger Domberg-Akademie. Hier bieten sie für Haupt- und Ehrenamtliche im kirchlichen Leben praktische Unterstützung an, wenn die es von außen oder innen mit rechten Parolen und Verschwörungstheorien zu tun haben. „Die Nachfrage ist seit längerer Zeit auf einem hohen Niveau“, sagt Kai Kallbach. Er ist KDM-Projektleiter für Südbayern.Ihr Angebot reiche von Beratungen bis zu Trainings in Workshops, wo Menschen aus dem kirchlichen Leben regelrecht üben, was sie etwa auf rechtspolemische Anfeindungen erwidern können. Viele, die kämen, seien „stark engagiert und entschlossen, dem gesellschaftlichen Rechtsruck entgegenzutreten“, sagt Kallbach. Dennoch gerate diese Gruppe zunehmend in die Defensive. „Wer sich etwa für Geflüchtete einsetzt, sieht sich heute oft verbalen Angriffen ausgesetzt.“ Noch unsicherer würden Ratsuchende, wenn es um den Umgang mit Personen aus den eigenen Reihen gehe, die AfD-Positionen vertreten.Kai Kallbach ist Projektleiter beim Kompetenzzentrum Demokratie und Menschenwürde der katholischen Kirche Bayern. Mitglieder von Pfarreien können hier in Workshops lernen, rechtspopulistischen Anwürfen zu widersprechen. ohAls in der Ortsgemeinde von Seelsorger M. andere Pfarreimitglieder, die sich auch als Jugendvertreter für den Pfarrgemeinderat aufstellen lassen wollten, mitbekommen hätten, dass der 17-Jährige AfDler ebenfalls kandidieren wolle, hätten sie mit ihrem Rückzug gedroht, sagt der Geistliche. „Sie wollten nicht mit ihrem Gesicht neben seinem auf einer Liste stehen.“ Einerseits müsse man eine gewisse Bandbreite auch aushalten, findet er. Er kenne in der Gemeinde niemanden, der sich als AfD-Mitglied oute. „Aber bei manchen spürt man, dass sie Sympathisanten sind.“ Für ihn persönlich sei klar, „jeder muss bei uns einen kleinen Platz haben, wir sind nicht irgend so ein rigoristischer Verein für 150-prozentige Heilige.“ Andererseits müsse aber klar sein, dass die Kirche Stellung beziehe „und bestimmte Überzeugungen nicht mit unseren kompatibel sind“.Die Eltern wussten nicht, dass ihr Sohn bei der AfD istWas den 17-Jährigen angeht, hätten er und andere Menschen aus der Pfarrei das „intensive Gespräch mit ihm gesucht“. Der Seelsorger erzählt von seinem Treffen mit dem Schüler, bei dem er ihn mit Inhalten der AfD konfrontiert habe, die im Widerspruch zum christlichen Glauben stünden. „Er hat das aber so abgewiegelt.“ Mit dessen Eltern hätten sie auch geredet. „Die wussten vom politischen Engagement ihres Sohnes gar nichts“, sagt der Kirchenmann. Und er erzählt von seiner eigenen Unsicherheit, ob es denn überhaupt eine juristische Handhabe gebe, AfD-Mitglieder von der Kandidatur in kirchlichen Gremien auszuschließen. Schließlich sei die Partei ja nicht verboten.Die Deutsche Bischofskonferenz hat 2024 in bisher nicht gekannter Entschiedenheit eine einstimmige Erklärung abgegeben unter dem Titel „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“. In einer Zeit, „in der rechtsextremes Gedankengut zunehmend Zuspruch erfährt“, so heißt es in dem Papier, sehe man sich veranlasst, eine klare und unmissverständliche Position einzunehmen. Als katholische Kirche lehne man jegliche Form des Extremismus ab, „besonders aggressiven Rechtsextremismus“.Unter der Leitung ihres damaligen Vorsitzenden Georg Bätzing hat die Deutsche Bischofskonferenz 2024 einstimmig erklärt: „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar.“ Karl-Josef HildenbrandDie deutschen Bischöfe sprechen sich namentlich gegen Positionen der AfD aus. „Rechtsextreme Parteien und solche, die am Rande dieser Ideologie wuchern, können daher für Christinnen und Christen kein Ort ihrer politischen Betätigung sein und sind auch nicht wählbar.“ Die Verbreitung rechtsextremer Parolen – dazu gehörten insbesondere Rassismus und Antisemitismus – sei mit einem haupt- oder ehrenamtlichen Dienst in der Kirche unvereinbar.„Die Menschenwürde ist der Glutkern des christlichen Menschenbildes und der Anker unserer Verfassungsordnung“, schreiben die Oberhirten.Diese Erklärung der Bischofskonferenz hat der Diözesanrat als oberstes Laiengremium der Erzdiözese München und Freising vergangenes Jahr und damit vor den Wahlen der Pfarrgemeinderäte im März 2026 zum Anlass genommen, die Satzungen kirchlicher Gremien um eine Präambel und neue Mitgliedschafts- und Wählbarkeitskriterien zu erweitern. Damit soll Rechtsverbindlichkeit geschaffen werden. „Ein Katholik oder eine Katholikin, der oder die öffentlich wahrnehmbar menschenverachtend handelt“, heißt es da, „in dem er Menschen abwertet, herabwürdigt, diffamiert oder bedroht und damit die Glaubwürdigkeit der Kirche beeinträchtigt, ist nicht wählbar“. Die Entscheidung fällt im Einzelfall eine Schiedsstelle.„Bislang“, sagt Richard Mathieu, „wurde die Schiedsstelle noch nicht angerufen, aber ich kann mir vorstellen, dass das irgendwann passieren wird.“ Mathieu ist Theologischer Grundsatzreferent und damit angestellter Mitarbeiter des Diözesanrates. Mit einem Team hat er 2024 eine Demokratiefibel verfasst als Argumentationshilfe für die Praxis in den Pfarrgemeinden. Die Nachfrage ist enorm. Die Broschüre wurde bereits viermal nachgedruckt, 10 000 Exemplare sind verteilt.Richard Mathieu hat für den Diözesanrat München und Freising wesentlich an der Entstehung einer „Demokratiefibel“ mitgewirkt. Die Handreichung soll als Argumentationshilfe gegen rechte Narrative dienen. Corinna BahnMan wolle, sagt Mathieu, „die Wertschätzung für die Demokratie in die Breite bringen und den Leuten mit diesem Leitfaden in einer sehr knappen Sprache etwas an die Hand geben“. Damit sie aus dem Stand populistischen Parolen am Stammtisch, rassistischen Witzchen in einer fröhlichen Runde oder menschenverachtenden Sprüchen während einer öffentlichen Veranstaltung etwas entgegensetzen könnten. „Wenn wir überraschend in eine solche Situation geraten, wissen wir oft nicht, wie wir darauf reagieren können.“„Deutschland den Deutschen“ wäre zum Beispiel so ein Satz. Oder „Aber die AfD ist gegen Abtreibungen – das ist doch gut katholisch“. In der Demokratiefibel wird faktisch gegen diese Parolen argumentiert. In der Lesart der AfD solle ungeborenes Leben nicht um seiner selbst willen geschützt werden, heißt es da, sondern werde „als Mittel zum Zweck des Erhalts und des Zuwachses der Bevölkerung im Sinne einer völkisch-nationalen Identität gesehen“. Das unterscheide sich erheblich von der Überzeugung der Kirche, „dass Lebensschutz im Prinzip der unbedingten, gleichen und von Gott gegebenen Menschenwürde begründet ist und die von Anfang an für alle Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft - gilt“.Man müsse rechtspopulistische Parolen nicht im Detail wegargumentieren können, sagt Mathieu, der einige Jahre zunächst religionspolitischer Referent der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag und anschließend ein paar Türen weiter bei den Grünen in gleicher Funktion war. „Aber es ist wichtig, dass man nicht schweigt, sondern ganz konkret sagt: Es ist nicht okay, was du gesagt hast.“ Schweigen normalisiere „menschenfeindliches Gedankengut, weil diejenigen, die sich provokativ äußern, das Gefühl haben, das kann man ja ruhig sagen“.Kirche und die AfD:„Wir werden beschimpft, lächerlich gemacht und unter Druck gesetzt“Gerhard Feige, der katholische Bischof von Magdeburg, spricht sich klar gegen die AfD aus – und wird deshalb zur Zielscheibe des Hasses. Als junger Priester in der DDR hat er schon einmal ein kirchenfeindliches Regime erlebt.Trotz all des theoretischen Wissens ist Richard Mathieu kürzlich selbst an seine Grenzen gestoßen. In einer Pfarrei am Münchner Stadtrand hat er einen Vortrag zum Thema „Kirche und Demokratie“ gehalten. „Zu dritt oder viert saßen vermutlich Gemeindemitglieder im Publikum und fingen schon sehr früh an, wütend, aggressiv und laut dazwischenzurufen. Die haben sich im Ton völlig vergriffen. Ich kannte das bisher nur von der AfD im Bundestag.“ Ein Schockmoment für ihn, sagt der 38-Jährige, „weil ich zum ersten Mal gemerkt habe, dass die AfD trotz der großen Werteunterschiede im kirchlichen Umfeld Anhänger findet“.Erst habe er nicht gewusst, wie er reagieren solle. „Es hat mich in dem Moment stark verunsichert, weil ich überhaupt nicht abschätzen konnte, in welche Richtung das jetzt eskaliert.“ Er habe die Provokateure dann erst mal zu Wort kommen lassen und das für sich selbst auch eingefordert. Elementar, sagt der Theologe, sei, Gesprächsbereitschaft zu signalisieren und argumentativ zu reagieren. Für ihn die Voraussetzung, dass die Leute, wenn sie irgendwann wieder zur Vernunft kämen, auch eine Tür haben, durch die sie umkehren könnten. „Das ist ja auch ein biblisch-kirchliches Grundmotiv.“Als argumentative Rückenstärkung empfindet Mathieu die Erklärung der Bischofskonferenz, auf die er sich in solchen Momenten öffentlich beziehe, damit die Kritiker merkten, „das ist nicht nur meine Privatmeinung, sondern im besten Sinne gut katholisch“. Das Gleiche gelte für die vielen Äußerungen des Münchner Erzbischofs Kardinal Reinhard Marx zum Thema. Der betone immer wieder, „dass der christliche Glaube auch politisches Denken und Handeln erfordere“, oder: „Nationalist sein und katholisch, das geht nicht.“Kardinal Reinhard Marx hat in den letzten Jahren bei vielen Gelegenheiten öffentlich auf seine Überzeugung verwiesen: Der christliche Glaube erfordere für ihn auch politisches Denken und Handeln. Robert HaasIm Kompetenzzentrum Demokratie und Menschenwürde von Kai Kallbach üben sie in Workshops Diskurse, wie Mathieu sie erlebt hat, um die Scheu zu überwinden, zu widersprechen. Der Rechtspopulismus gewinne seine Kraft vor allem aus der „geschickten Bewirtschaftung von Emotionen“ und appelliere an tiefe Gefühle wie Neid, Angst, das Gefühl, benachteiligt zu sein, sagt Kallbach. Es könne helfen, das im Gespräch mit Andersdenkenden zu thematisieren: „Was macht mir gerade Angst?“In der Gemeinde von Pfarrer M. hat der junge AfDler dann doch nicht für den Pfarrgemeinderat kandidiert. Mitarbeitende seien nach wie vor im Gespräch mit ihm, sagt der Geistliche. In der Jugendarbeit engagiere er sich wie gehabt weiter. „Das scheint wertvoll für ihn zu sein, er hat nicht alle Brücken hinter sich abgebrochen.“ Man dürfe die Menschen mit problematischen Positionen nicht einfach rausekeln.
München: Vom Umgang der katholischen Kirche mit rechten Parolen
Wie geht man in der Erzdiözese München und Freising damit um, wenn AfD-Mitglieder für kirchliche Gremien kandidieren?








