Interview«Ein Teil unserer Freiheit ist längst verlorengegangen», sagt der Islamismus-Experte Ahmad MansourEin Gespräch über das Versagen der deutschen Justiz, die deutsche Deradikalisierungsarbeit und die immer unerklärlicher werdende Solidarität der Linken mit dem Islamismus.Armin Arbeiter, Berlin27.07.2026, 12.00 Uhr4 LeseminutenBetroffenheit am Brandenburger Tor in Berlin nach dem Anschlag am Samstag.Filip Singer / EPADer islamistische Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day in der Nacht auf Sonntag wirft eine heikle Frage auf: Wie konnte ein Mann, der den Behörden als Gefährder bekannt war, dennoch mutmasslich einen Anschlag verüben?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für den Psychologen und Islamismus-Experten Ahmad Mansour ist der Fall Ausdruck eines tieferen Problems. Die Justiz habe die Gefahr offenbar unterschätzt, die Deradikalisierungsarbeit sei falsch gedacht.Herr Mansour, Abdul Ballout galt als Gefährder, sass in Untersuchungshaft, wurde verurteilt und hatte Kontakt zu einer Deradikalisierungsstelle. Warum konnte er dennoch einen Anschlag verüben?Zunächst muss man fragen, ob die Justiz die Gefahr richtig eingeschätzt hat. Wer wegen der Vorbereitung einer schweren terroristischen Straftat angeklagt ist und nur eine Bewährungsstrafe erhält, wird offenbar nicht als so gefährlich behandelt, wie es notwendig wäre. Das zeigt, dass wir ein Riesenproblem haben und dass auch die Einschätzung der Justiz nicht der Realität entspricht. Auch Deradikalisierungsarbeit ist nicht automatisch wirksam.Inwiefern?Ein oder zwei Gespräche im Monat reichen bei einem gewaltbereiten Islamisten nicht. Solche Arbeit muss intensiv sein und eng mit Justiz, Bewährungshilfe und Polizei abgestimmt werden. Es genügt nicht, einem Radikalisierten theologisch zu erklären, was der «richtige Islam» sei. Man muss verstehen, warum er sich radikalisiert hat, welche Konflikte dahinterstehen und welche Funktion die Ideologie für ihn erfüllt. Wer als Gefährder eingestuft wird und sich frei bewegen darf, muss konsequent beobachtet werden.Wie kann es sein, dass sich Abdul Ballout noch frei bewegen konnte?Dass er offenbar reisen und ein Fahrzeug mieten konnte, wirft Fragen an die Sicherheitsbehörden auf. Die Tatsache, dass er in den Libanon gereist ist, um sich dem IS anzuschliessen, und ihn erst die libanesischen Sicherheitskräfte in Haft genommen haben und nicht die deutschen, zeigt ebenfalls eine eklatante Sicherheitslücke auf.Welche islamistischen Strukturen und Gefahren gibt es heute in Berlin und Europa?Der Islamismus ist komplexer geworden. Die Gefahr durch den sogenannten Islamischen Staat besteht weiterhin. Der IS versucht nach wie vor, Menschen in Europa zu radikalisieren und Anschläge anzustossen. Hinzu kommen Netzwerke des iranischen Regimes und der Hamas. Iranische Strukturen sollen in Europa Anschläge gegen jüdische oder israelische Personen und Einrichtungen vorbereitet haben. Auch der Hamas werden Anschlagspläne in Europa zugeschrieben. Seit dem 7. Oktober 2023 sind solche Netzwerke deutlich aktiver geworden. Das sind legalistische Islamisten und salafistische Netzwerke, die mit Emotionalisierung, Opfererzählungen und Schwarz-Weiss-Bildern arbeiten.Zu welchem Zweck?Damit entfremden sie Menschen von der Gesellschaft und schaffen den Boden, auf dem Gewaltbereitschaft wachsen kann. Daneben gibt es Einzeltäter, wie wir sie unter anderem in Solingen, Mannheim, München, Villach, Belgien, Frankreich oder Grossbritannien erlebt haben. Diese Menschen gehören keiner Terrororganisation an, sind aber vor allem durch soziale Netzwerke ideologisch so verblendet, dass sie bereit sind, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln Anschläge zu begehen.Warum sind queere Veranstaltungen ein häufiges Angriffsziel für Islamisten?Jede grosse Veranstaltung kann ein Ziel sein: ein Fussballfest, ein Weihnachtsmarkt oder ein Konzert. Wo viele Menschen feiern und ihre Freiheit sichtbar leben, sehen Terroristen eine Gelegenheit, Angst zu verbreiten. Queere Veranstaltungen haben für Islamisten eine symbolische Bedeutung. In islamistischen Weltbildern werden Sexualität, Familie und Geschlechterrollen streng kontrolliert. Menschen, die homosexuell oder queer sind und selbstbewusst auftreten, widersprechen dieser Ordnung offen. Genau deshalb kann eine solche Veranstaltung für Islamisten zum Feindbild werden.Ahmad Mansour stört der Satz «Wir lassen uns unsere Art zu leben nicht wegnehmen». Dies sei bereits teilweise eingetreten.Chris Emil Janssen / ImagoWie erklären Sie sich, dass linke und queere Aktivisten bei Demonstrationen gegen Israel teilweise gemeinsam mit Islamisten auftreten?Man darf nicht das gesamte queere Milieu über einen Kamm scheren. Viele schwule und queere Menschen lehnen solche Bündnisse ab. Aber Teile der Linken betrachten Politik durch die Brille der Identitätspolitik und postkolonialer Kategorien. Sie sehen Muslime grundsätzlich als unterdrückte Minderheit und Israel oder den Westen als Unterdrücker. Dadurch wird ausgeblendet, dass Islamisten selbst eine autoritäre, frauen- und queerfeindliche Ideologie vertreten. So entsteht die Vorstellung, man könne Islamisten im Kampf gegen rechts, Israel oder den Westen zu Partnern machen.Das klingt widersprüchlich.So ist es. Queere Menschen können in vielen muslimisch geprägten Ländern nicht offen und sicher leben. Dieser Widerspruch wird aus ideologischen Gründen ignoriert. Diese Solidarität und diese Haltung kann ich nur als eine Art von Idiotie bezeichnen.Welche konkreten Massnahmen müsste Berlin umsetzen, damit auf Betroffenheitsfloskeln der Politiker Taten folgen?Mich stört der Satz: «Wir lassen uns unsere Art zu leben nicht wegnehmen.» Ein Teil dieser Freiheit ist längst verlorengegangen. Viele Menschen überlegen inzwischen, ob sie Weihnachtsmärkte, Konzerte oder Strassenfeste besuchen, wenn deren Schutz unklar ist. Damit erreichen Islamisten bereits ihr Ziel: Angst und Einschüchterung. Wir brauchen nicht nur eine Migrations-, sondern auch eine Integrationswende. Wer in diese Gesellschaft kommt, ihre Freiheit aber verachtet und bekämpft, darf nicht ohne Konsequenzen handeln. Gefährder müssen stärker überwacht, strafrechtlich verfolgt und, wenn die rechtlichen Voraussetzungen vorliegen, abgeschoben werden.Welche Schritte sollten aus Ihrer Sicht rasch eingeleitet werden?Islamistische Propaganda muss in sozialen Netzwerken stärker bekämpft werden. Es ist absurd, dass Islamisten in Europa teilweise freier agieren können als in vielen muslimischen Staaten. Freiheit darf nicht bedeuten, dass ihre Gegner sie nutzen können, um freiheitsfeindliche Inhalte zu verbreiten. Prävention muss in Schulen, Jugendhilfe und Sozialarbeit verankert werden. Lehrer und Sozialarbeiter müssen Radikalisierung erkennen und ihr früh begegnen können. Junge Menschen müssen erfahren, was eine freiheitliche Gesellschaft ausmacht und was sie ihnen bietet. Schliesslich brauchen Polizei und Sicherheitsbehörden mehr Personal, bessere Instrumente und eine engere Zusammenarbeit.Passend zum Artikel