Willkommen im Klub Zukunft! Nur – wie sollte die aussehen? Und wer wird diese Zukunft bewohnen? Sicher nicht die heute schon fortgeschrittenen Erwachsenen. Umso besser, dass die Frankfurter DZ Bank Kunststiftung die Ausstellung „Wie wollen wir leben?“ vor und nach den Sommerferien mit einem umfangreichen und detaillierten Programm für Schulen begleitet. Und auch jetzt wimmelt es von Gruppen, die Ferienangebote für einen Besuch in der Ausstellung nutzen. Für alle anderen gibt es ebenfalls zu tun in Workshops, Führungen, Diskussionen und nicht zuletzt, in der guten Tradition der Kunsthalle im Sockel des Bankhauses, einer Themenbibliothek, um sich weiter zu vertiefen.Dieser Handapparat ist diesmal womöglich noch etwas dichter bestückt als sonst üblich. Denn die Künstlerin Karina Nimmerfall hat für ihre umfangreiche Arbeit „The Third City (Red Vienna)“ historische und aktuelle Studien und Dokumentationen zum Wiener Gemeindebau studiert. Entstanden sind Vitrinen mit Collagen aus Texten, Plänen, eigenen Fotografien, die in Schwarz-Weiß den heutigen Zustand der einst brandneuen Gebäude zeigen, sowie Anmerkungen und bunten Klebezetteln. In Wien funktioniert womöglich als einziger Großstadt das soziale Wohnen bis heute, das andere Städte vor 100 Jahren zwar ebenso eingerichtet und ambitioniert betrieben, aber längst wieder fallen gelassen haben.Linien und Formen im „Neuen Frankfurt“Geglücktes, Missglücktes und das, was bleibt, versammeln die vier großen installativen Arbeiten der Ausstellung. Und nicht nur Nimmerfall, die auch markiert hat, wo die Theoretiker einer neuen urbanen Gesellschaft an Kinder und Jugendliche gedacht haben, die geborgen, mit guten Räumen für Lernen und Spielen, frischer Luft und ein wenig Grün aufwachsen sollten, hat das Heute und noch viel mehr das Morgen im Blick.Andrea Pichl, „Klub Zukunft“ (2014), AusstellungsansichtNorbert Miguletz/VG Bild-Kunst/Pichl, Bonn 2026Astrid Busch hatte von der Kunststiftung 2024 den Auftrag bekommen, sich anlässlich des hundertjährigen Bestehens dem „Neuen Frankfurt“ zu widmen. Für „Urban Utopia#01“ ist sie Kilometer um Kilometer an den Ernst-May-Siedlungen vorbeigestreift, hat fotografiert und die Linien und Formen, die sie in den Gebäuden des „Neuen Frankfurt“ gefunden hat, immer weiter abstrahiert und mit einer Farbgebung verbunden, die nun als Wandinstallation, Plexiglas-Bodenskulptur und Projektion die Phantasie der Besucher in Richtung künftiger Bauten lenkt.„Träume Liebe Sehnsucht“ im Frühjahr 2027 wiedereröffnetAndrea Pichl wiederum hat ihre Installation „Klub Zukunft“ (2014) genannt und beschäftigt sich in ihr mit Plattenbauten der DDR und anderen Ansätzen aus dem späteren 20. Jahrhundert für ultraeffizientes Bauen in dieser Technik. Euphorische und kritische Rezeption dieser Wohnform, vor allem in Gestalt von Zeitungs- und Magazinseiten, hat sie passenderweise im Umriss einer standardisierten Zweiraumwohnung aus einer DDR-„Platte“ aufgebaut.Karina Nimmerfall, „The Third City (Red Vienna)“, 2017Karina NimmerfallVom Wohnen weiten die Kuratorinnen Christina Leber und Clara Bolin aber auch den Blick, sie gesellen dem Beton mit Jitka Hanzlovás Porträtserie (1994 bis 1996) die Bewohner solcher Siedlungen hinzu, und sie schauen nach vorn. Daher werden zumal die jungen Besucherinnen und Besucher dazu eingeladen, ihre Wünsche für ein gutes Leben in der Zukunft auf Karteikärtchen im Treppenaufgang der Ausstellungshalle zu hinterlassen.Denn diese „Sehnsüchte“, wie Leber sagt, werden ein zweites Leben bekommen. Die Ausstellungshalle wird im Frühjahr 2027 schließen, vor der Tür ist schon jetzt ein Bauzaun zu sehen. Im Juni 2027 voraussichtlich soll mit „Träume Liebe Sehnsucht“ wieder eröffnet werden, einer Ausstellung, in der die Sehnsuchtszettel der jetzigen Besucher eine Rolle spielen sollen.Nicht nur das ist ein langer Bogen: Die Kunststiftung zeigt mit der Ausstellung auch den langen Atem, mit dem sie Künstlerinnen zum Teil über Jahrzehnte begleitet. Heike Baranowsky etwa, Mitte der Neunzigerjahre Stipendiatin, ist seitdem mit den Fotografien aus ihrer Pariser Studienzeit in der Sammlung vertreten. Nun erst folgt der dazugehörige Film „Auto Scope“ als Rauminstallation. Es ist der Blick von außen auf Wohnformen wie jene, die Pichl zeigt: Baranowsky ist den Boulevard périphérique um Paris abgefahren, sie untersucht im Loop dieser Kamerafahrt die unsichtbare Grenze zwischen den Parisern „intra muros“ und jenen, die in der Banlieue wohnen.Paris von außen und innen: Heike Baranowsky, „Auto Scope“ (1996/1997), Filmarbeit und FotografienNorbert Miguletz/Baranowsky/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Nur selten ist ein Hauch von Natur zu erhaschen. Und vielleicht haben deshalb die Kuratorinnen neben assoziativ naheliegenden Arbeiten wie den gleichförmig hastenden Passanten auf der London Bridge von Eyal Weizman und Christian Nicolas in „Random Walk“ (1997/2018) und der hübsch verspielten Foto-Film-Collage „Istanbul up and down“ von Lilly Lulay (2015) den vier wesentlichen Installationen auch Natur beigesellt. Die aber ist im klassischen Werk von Klaus Merkel doch wieder eine fotografische Architektur- und Strukturstudie in kontrastreichen Bildpaaren, bei Talisa Tallei auch die Reflexion von mit Bedeutung aufgeladenen touristischen Orten Italiens.Angesichts des Tivoli etwa darf man sich weiter Gedanken machen über das Zusammenspiel von Mensch und Natur, Ästhetik und dem schlichten Bedürfnis nach Luft, Wasser, Raum. Und dann ist da noch die schlichtweg erfundene Natur, die Pflanzen, die Dieter Huber zusammenmontiert, oder die Fake-Landschaft von Peter Hutchinson: ein Wink, angesichts des Klimawandels auch grundlegend über unser Verhältnis zur vermeintlich unberührten Natur nachzudenken. Reichlich Anregung gibt der nur 58 Seiten starke, aber überaus inhaltsreiche Begleitkatalog, der kostenlos ausliegt, mit klugen Texten der Kuratorinnen, von Alexandre Kurek und Maja Göpel.„Wie wollen wir leben?“, DZ Bank Kunststiftung, Frankfurt, Platz der Republik, bis 3. Oktober. Ein Katalogheft liegt aus.
Ausstellung „Wie wollen wir leben?“ der DZ Bank Kunststiftung stellt Zukunftsfragen
Stadtraum, Jugend, Lebensentwürfe: Mit der Ausstellung „Wie wollen wir leben?“ stellt die DZ Bank Kunststiftung kluge Fragen mit höchst unterschiedlicher Kunst.







