Wenn Neunt- bis Zwölftklässler in den Frankfurter Zwillingstürmen der Deutschen Bank über Geld sprechen, geht es längst nicht nur um Taschengeld. Der Workshop „So geht Geld“ macht sichtbar, wie stark sich Inflation und demographischer Wandel bereits auf das Denken junger Menschen auswirken. Für sie geht es auch um die Frage, ob sich in dieser Wirtschaft noch eine verlässliche Zukunft organisieren lässt.Zu Beginn setzt Konzernchef Christian Sewing den Rahmen. Er erzählt, dass er eigentlich Sportjournalist werden wollte, am Numerus clausus der Hamburger Journalistenschule aber scheiterte – 1,2 wäre nötig gewesen, er hatte einen Schnitt von 2,4. Karrierewege, so die implizite Botschaft, verlaufen selten geradlinig. Sewing ist seit 1989 im Haus, heute führt er den Konzern. Dann wird er grundsätzlich und landet schnell beim Thema, das derzeit viele ökonomische Debatten dominiert: die Zukunftsfähigkeit des deutschen Rentensystems. Das umlagefinanzierte Modell des Generationenvertrags, so seine Botschaft, stoße angesichts des demographischen Wandels an Grenzen. Eine stärkere kapitalgedeckte Säule nach Vorbildern wie Schweden sei aus seiner Sicht notwendig.„Keiner von euch kann sich auf das Rentensystem verlassen“Im Workshop wird die große Verteilungsfrage zunächst über Extrembeispiele illustriert. Die große Gruppe wird für den Arbeitsblock in drei parallel laufende Workshops aufgeteilt, thematisiert wird jedoch überall das Gleiche. „Was sagt euch die Zahl eine Billion Dollar?“, fragt Workshopleiter Michele Ridente. Viele Finger gehen hoch. Ein Schüler sagt „Elon Musk“. Elon Musk hat vergangene Woche das Vermögen von einer Billion Dollar erreicht. „Eine Billion Dollar Vermögen kann man selbst bei Ausgaben von einer Million Dollar pro Tag über Jahrtausende nicht aufbrauchen“, erklärt Ridente.Unter den Schülern, so zeigt die Fragerunde, werden Sorgen sichtbar, die auf keiner Folie stehen. Steigende Preise, Kriege, die die Inflation antreiben, und die Frage, ob Künstliche Intelligenz den Job ersetzt, wenn die Schule vorbei ist, das sind ihre Themen. Ein eigenes Haus? „In Frankfurt völlig unrealistisch“, sagt ein Schüler in der Pause. Langfristige Pläne, das wird deutlich, sind für viele in dieser Altersgruppe abstrakt geworden. Sie erleben zuerst die Unsicherheit und erst dann die Renditerechnung.Warnen vor Schulden und RatenzahlungenOperativ richtet das Format den Blick auf zwei zentrale Hebel privater Finanzstabilität: Konsumkredite und Kapitalmarkt. Auf der Passivseite warnen die Referenten vor Konsumschulden via Paypal oder Klarna und vor intransparenten Abomodellen. Die Botschaft ist betriebswirtschaftlich grundlegend: Liquidität und fixe Zahlungsverpflichtungen müssen strukturiert werden, Rücklagen sollten – idealerweise auf separaten Unterkonten – aufgebaut werden, um Konsumschocks oder Einkommensausfälle abzufedern. Aus Sicht der Bank geht es zugleich um Risikoprävention: Wer früh lernt, Verbindlichkeiten zu managen, hat bessere Chancen auf eine positive Schufa-Auskunft – eine Voraussetzung, die viele Vermieter bei der Vergabe von Mietwohnungen inzwischen standardmäßig verlangen.Workshopleiter Michele Ridente vermittelt den Schülern Finanzwissen.Maximilian von LachnerBeim Thema Geldanlage schlägt die Stunde der Standardprodukte. Empfohlen werden breit gestreute börsengehandelte Fonds, kurz ETF, weil sie mit geringen Beträgen bespart werden können und das Risiko über viele Titel verteilen. Fonds kommen als Alternative vor, seien aber eher für höhere Einstiegssummen geeignet, heißt es. Für viele Schüler ist all das Neuland, in ihrem Unterricht spielt finanzielle Bildung bisher kaum eine Rolle. Ein Lehrer berichtet, das Thema eigenmächtig in den Mathematikunterricht geholt zu haben – inklusive Planspiel mit fiktiven Aktienkursen, Gewinnen und Verlusten auf Papier.Eine seiner Schülerinnen erzählt, dass sie durch dieses Planspiel zum ersten Mal Zugang zu Finanzbildung gefunden habe. Zuvor habe sie mit Aktien wenig anfangen können, jetzt reizt sie das Thema. Investieren möchte sie trotzdem noch nicht. „Ich kenne mich nicht gut genug aus und habe das Gefühl, ich muss mich erst mehr damit beschäftigen, bevor ich entscheiden kann, welche Aktien ich kaufen sollte“, sagt sie. Das Misstrauen gegenüber einem Markt, der in sozialen Netzwerken oft als schneller Weg zu Reichtum inszeniert wird, ist spürbar.Wenn Schüler den Markt im Blick habenEin Mitschüler argumentiert dagegen, es klingt wie ein Gegenentwurf zum verbreiteten Orientierungsverlust. Sein Vater arbeite bei der Deutschen Bank, er erhalte zusätzlich zum Taschengeld eine fixe Summe „nur zum Investieren“, berichtet er. Der Sohn verwaltet dieses Depot nach eigenen Angaben selbst. Er verfolgt Kurse täglich, liest Wirtschaftsseiten, informiert sich in Onlinemedien, aber nicht auf Tiktok oder Instagram. Von Finanzinfluencern, sogenannten „Finfluencern“, hält er wenig. Zu viele würden mit fragwürdigen Tipps einzelne Werte pushen, sagt er, Daytrader, die täglich kaufen und verkaufen, prägten ein völlig verzerrtes Bild davon, was langfristiger Vermögensaufbau sei. Er selbst setze auf längere Horizonte und habe, wie er sagt, bis jetzt Erfolg damit gehabt.Der Moderator der Veranstaltung, Steffen Große Enking, nimmt solche Äußerungen auf. Finanzielle Allgemeinbildung, sagt er, sei eine Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben und werde in deutschen Lehrplänen systematisch unterschätzt. Dass Schüler erst in Banktürmen oder in privaten Initiativen lernen, wie Zinseszins funktioniert, welche Risiken Aktien bergen und wie man eine Haushaltsrechnung aufstellt, hält er für eine bildungspolitische Schieflage.„Finanzbildung muss im Lehrplan stehen“Aus wirtschaftlicher Perspektive berührt der Workshop drei Ebenen gleichzeitig: Mikroökonomisch vermittelt er Grundkompetenzen im Umgang mit Geld, die über Verschuldungsneigung und Sparquote künftiger Haushalte mitentscheiden. Makroökonomisch verweist er auf die Notwendigkeit, private Kapitalbildung als Ergänzung staatlicher Sicherungssysteme zu stärken. Und aus Sicht des Finanzsektors ist er Teil einer langfristigen Kundenbindung. Wer schon in der Schulzeit lernt, ETF-Sparpläne und Budget-Apps über ein Bankkonto zu steuern, ist als Erwachsener ein wahrscheinlicherer Nutzer komplexerer Finanzprodukte.Die Stimmung der Jugendlichen, das zeigt der Workshop bei der Deutschen Bank, bleibt dennoch ambivalent. Sie nehmen wahr, dass Immobilienpreise den Eigentumserwerb in Metropolen wie Frankfurt faktisch aus ihrer Reichweite nehmen, dass technologische Umbrüche Berufsbilder verändern und geopolitische Risiken zunehmen. In diesem Umfeld dürfte sich der Appell zur Eigenverantwortung – „kümmert euch früh um eure Finanzen“ – wie die Antwort auf strukturelle Verschiebungen angehört haben.