Die Berliner Polizei wusste offenbar, dass sie auf entscheidender Spur war, als Spezialkräfte am frühen Sonntagabend zu einer Kleingartenkolonie an der Ruhlebener Straße im westlichen Bezirk Spandau gerufen wurden. Wenig später trafen sie dort auf den mutmaßlichen Terroristen, den Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) ein paar Stunden vorher am Sonntag als Abdul Ballout identifiziert hatte.Der 21 Jahre Berliner war am Abend zuvor am Rande des Christopher Street Days mit einem weißen Kleintransporter in eine Menschenmenge gerast. Anschließend verließ er das Mietfahrzeug und ging mit einem langen Messer oder einer Machete auf die entsetzte Menge los. 29 Menschen verletzte der Attentäter innerhalb weniger Augenblicke, etliche schwer. Eine Frau starb noch am Tatort, herbeieilende Rettungskräfte brachten die teils Schwerverletzten in Krankenhäuser, vor allem zur Charité, wo am Sonntagabend noch vier Menschen auf der Intensivstation lagen.Abdul Ballout gelang in dem Chaos zunächst die Flucht. Rund dreizehn Kilometer vom Ort des Verbrechens entfernt, auf Parzelle 46 eines Kleingartenvereins, Inbegriff Berliner Idylle, stießen am Sonntag kurz nach 17.30 Uhr gut geschützte SEK-Beamte auf den mutmaßlichen Attentäter. Abdul Ballout befand sich offenbar nicht allein auf dem Grundstück, von „feiernden Männern“ ist die Rede. Dann Schreie, Aufforderungen, die Hände auf den Rücken zu legen, Schüsse – das berichteten Zeugen aus umliegenden Gartenhäuschen dem „Tagesspiegel“. Und auch, dass die Polizei den Zugriff auf den 1,90-Meter-Mann mit libanesischen Wurzeln wohl gründlich geplant hatte.Er fiel schon als Jugendlicher unangenehm und gewaltbereit aufWie genau Abdul Ballout niedergeschossen wurde, ist noch nicht vollständig aufgeklärt. In ersten Mitteilungen hieß es, er habe die Beamten mit einer Stichwaffe attackiert, woraufhin diese geschossen hätten. Unklar ist auch noch, wie der 21 Jahre alte Mann aus Schöneberg dorthin kommen konnte.Abdul Ballout wurde 2005 in Berlin geboren. Seine Mutter, ursprünglich aus Libanon, hatte nach Dobrindts Angaben drei Jahre zuvor die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, Ballout kam also als Deutscher zur Welt. Bereits als Jugendlicher fiel er früh unangenehm auf, gewaltbereit und erpresserisch im Umgang mit Mitschülern, bald schon im Konflikt mit Behörden und Justiz. Körperverletzung und Raub gehörten zu den Delikten, derer er sich schuldig machte. Ein Kleinkrimineller mit arabischen Wurzeln, ebenso wie der Tunesier Anis Amri, der sich ebenfalls zum Islam radikalisiert hatte und kurz vor Weihnachten 2016 mit einem schwer beladenen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gerast war. Auch Amri lebte danach nicht mehr lang, Tage später wurde er von italienischen Polizisten gestellt, ging auf sie los und wurde niedergeschossen.Die Geschichte von Anis Amri war später Gegenstand mehrerer Untersuchungsausschüsse in Bund und Ländern, die schwere Kommunikationspannen unter den Behörden, Fehleinschätzungen und tödliche Fehler im Umgang mit dem islamistischen Gefährder offenbarten. Auch zu Abdul Ballout Ballout existierten dicke Akten bei Polizei, Staatsschutz, Staatsanwaltschaften und Gerichten. Noch in den vergangenen Wochen war um das weitere Vorgehen gegen ihn vor Gericht gestritten worden. Am Ende kam er vorläufig frei, obwohl er mehrfach versucht hatte, sich einer der brutalsten Terrorgruppen der Welt anzuschließen, dem „Islamischen Staat“ (IS).Sein letzter Versuch, dies zu tun, war bei einem Besuch in Libanon gescheitert, Abdul Ballout wurde dort inhaftiert und nach Deutschland gebracht. Weniger als ein Jahr davor hatte er – so wird es berichtet – versucht, über die Türkei nach Mauretanien zu reisen, eine Hochburg der Islamisten. An seiner Entschlossenheit zum bewaffneten Kampf gegen Andersglaubende dürften also wenig Zweifel bestanden haben. Entsprechend hatte die Berliner Staatsanwaltschaft gegen den zeitweise auch dort inhaftierten Ballout wegen Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat eine Freiheitsstrafe von drei Jahren gefordert.Vater von Ballout: Sohn war „großzügig, emotional, liebevoll“Das Amtsgericht Tiergarten sah das alles in milderem Licht: Eine Jugendstrafe auf Bewährung und die Teilnahme an einem Seminar zur Deradikalisierung schienen den Richtern gut geeignet, Ballout auf den rechten Weg zurückzubringen. Auch sein Vater, derzeit in Libanon, nennt den mutmaßlichen Attentäter „großzügig, emotional, liebevoll“. Er habe das „Herz eines Kindes“ gehabt und sei einer „Gehirnwäsche“ unterzogen worden, zitiert der „Spiegel“ aus einem Telefonat mit dem Mann.Die Staatsanwaltschaft legte Revision gegen die Gerichtsentscheidung ein. In der Zwischenzeit nahm Ballout an Vorgesprächen eines Vereins teil, der unter dem Namen „Violance Prevention Network“ (VPN) versucht, junge Islamisten, aber auch Rechtsextreme zurückzuholen und vom Weg der Gewalt abzubringen. Dazu müssen sie aber mitmachen wollen, eine Grundvoraussetzung, die Abdul Ballout nach zwei Vorgesprächen mit dem Verein im Juni und Juli nicht zu erfüllen schien. Eine ausreichende Problemeinsicht sei, heißt es, noch nicht erkennbar gewesen.Stattdessen fanden sich in sozialen Netzwerken Selbstdarstellungen, Fotos von ihm, auf denen er mit einer Waffe in der Hand posiert. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung in der Schönberger Bissingzeile, kaum einen Kilometer vom späteren Tatort entfernt, fanden die Beamten offenbar nur eine Spielzeugpistole. Also konnte er weitermachen und das Attentat planen, für das er beispielsweise einen Wagen mieten und das Gelände rund um die Parade zum Christopher Street Day auskundschaften musste.Niemandem in den Behörden scheint das aufgefallen zu sein, obgleich er wohl unter Beobachtung stand, möglicherweise sogar zeitweise observiert wurde. Für eine reguläre Autoanmietung braucht man einen Führerschein und zumeist eine Kreditkarte. Wovon Ballout lebte, ist unbekannt. Bis zur zehnten Klasse sei er zur Schule gegangen und habe im Anschluss „zum Beispiel als Sicherheitsmitarbeiter oder als Fahrer“ gearbeitet, so der Vater.Beobachter fiel am Klingelschild des Miethauses in der Bissingzeile auf, dass dort auch Mitglieder der Familie C. leben, die dem libanesischen Clan-Milieu zugerechnet werde. Gibt es Verbindungen? Andere Berliner Islamisten waren erst im Herbst verhaftet worden, als sie über skandinavische Schwerkriminelle und Drogenclans versucht hatten, Waffen für einen Anschlag auf jüdische Einrichtungen und Juden in Deutschland zu begehen.Verfassungsschutz des Landes zählt 900 gewaltbereite IslamistenLebensgeschichten wie die von Ballout sind in Berlin keine Seltenheit. Der Verfassungsschutz des Landes rechnet mit etwa 900 gewaltorientierten Islamisten in der Hauptstadt. Auch die Radikalisierungswege junger Muslime verfolgen die Behörden: In der Szene hätten „insbesondere die intensivierten und professionalisierten Online-Aktivitäten internationaler Terrororganisationen sowie salafistischer Prediger dazu geführt, dass sich salafistische Inhalte schneller und direkter verbreiten“. Die Propaganda der Gewalt erreiche über soziale Medien vor allem immer mehr junge Menschen und habe sich „zu einem zentralen Radikalisierungstreiber entwickelt“.So könnte es auch bei dem jungen Mann aus Schöneberg gewesen sein. Die Frage aber, was aus dem Fall Anis Amri vor zehn Jahren gelernt wurde und warum abermals ein radikalisierter Islamist unter den Augen von Polizei und Justiz seine Tat planen und umsetzen konnte, bleibt vorerst unbeantwortet.
Anschlag auf CSD: Das kurze Leben des Abdul Ballout
Der Attentäter vom Berliner CSD war ein polizeibekannter Kleinkrimineller und Schläger, Behörden und Gerichte wussten von seiner Radikalisierung. Warum wurde er nicht gestoppt?











