Die «Titanic» vom Walensee: als ein Dampfer alle an Bord in den Abgrund rissEs hätte eine gewöhnliche Überfahrt sein sollen und wurde zu einer Katastrophe: Im Jahr 1850 sank die «Delphin» in die Tiefen des Walensees. Niemand überlebte. Das Unglück erschütterte die Menschen weit über die Region hinaus.Dominik Landwehr27.07.2026, 05.27 Uhr4 LeseminutenStill liegt er da, kaum einer ahnt, dass plötzliche Fallwinde das Wasser in einen tosenden Albtraum verwandeln werden: der Walensee, 1934 aus einer Fokker aufgenommen.Walter MittelholzerWer von Weesen am Nordufer des Walensees zum Weiler Betlis spaziert, sieht unterwegs an einem Felsen eine Gedenktafel mit folgender Inschrift: «In der Nacht vom 16./17. Dezember 1850 sank der Dampfer ‹Delphin› auf der Fahrt von Walenstadt nach Weesen in einem Sturm. Von den dreizehn Menschen an Bord überlebte keiner.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Tafel wurde erst im Jahr 2023 angebracht. Verantwortlich dafür war der Schweizer Schriftsteller Emil Zopfi, der sich lange mit dem Untergang des Schiffes befasst und 2021 unter dem Titel «Der Untergang des Delphin. Die Titanic vom Walensee» einen dokumentarischen Roman dazu veröffentlicht hat. Das Schiff, von dem hier die Rede ist, war ein kleinerer Schaufelraddampfer. Er bot Platz für 80 Personen. Er wurde 1843 gebaut und verkehrte zunächst auf dem Zürichsee, wurde später umgebaut und war ab Sommer 1850 auf dem Walensee im Einsatz.Emil ZopfiDominik Landwehr / zvgDie «Delphin» bediente den regulären Postkurs in der Nacht. Sie erreichte bescheidene 16 Kilometer pro Stunde und musste bei hohem Wellengang mit zwei Balancierstangen stabilisiert werden. Andere Schiffe wie etwa die «Splügen» galten als stabiler und waren den unberechenbaren Winden des Walensees eher gewachsen. Das Wetter war in diesen Tagen unbeständig, immer wieder gab es Föhnstürme. Kurz vor Weesen kam es zur Katastrophe: Emil Zopfi vermutet, dass die «Delphin» einem Fallwind zum Opfer fiel, der hier «Plättlisser» heisst – ein typischer Wind, der mit grosser Heftigkeit von den steilen Felswänden der Churfirsten auf den See hinunterstürzt.«Vom Sturm ergriffen»Am Tag darauf berichtete die NZZ über die Tragödie: «Das Dampfboot Delphin, welches den Nachtpostdienst versah, fuhr um 12 Uhr 15 Minuten bei ruhiger Witterung von Walenstadt ab, wurde aber unterwegs vom Sturm ergriffen. Trotz diesem gelangte das Schiff in gerader Richtung ganz in die Nähe, bis auf 8 oder 10 Minuten, von Weesen, wo dasselbe von dem Postkontrolleur und den Angestellten der Dampfschifffahrt gesehen wurde, dann aber bei einem der heftigsten Windstösse, die je erlebt wurden, plötzlich und spurlos verschwand.»So soll das Dampfschiff ausgesehen haben: ein Modell der «Delphin» im Ortsmuseum Walenstadt.PDDie Nachtfahrt war damals eine normale Fahrt, damit die Post weitergegeben wurde und die Passagiere ihre Anschlussverbindungen schafften. Ein regelmässiger Postservice war für den 1848 gegründeten Bundesstaat von zentraler Bedeutung, und der Walensee war ein wichtiger Punkt auf der Strecke von Como via Splügen und Chur nach Zürich, damals die direkteste Nord-Süd-Verbindung der Schweiz. Das Schiff war das schnellste Verkehrsmittel; ab 1851 gab es eine Strasse, die allerdings über das 743 Meter hohe Plateau des Kerenzerberges führte. Eine schnelle Bahnverbindung gab es erst ab 1860. Die durchgehende Strasse am Seeufer kam erst 1964 und führte durch verschiedene Tunnel.Wie zentral der Postverkehr für die Schweiz war, zeigt eine Mitteilung im Bundesblatt vom 31. Dezember 1850, in dem rund 30 Briefpakete einzeln aufgelistet wurden – mit genauen Angaben von Herkunft und Ziel. Im Bundesblatt findet sich ebenfalls eine Liste der verunglückten Personen, allerdings werden nur vier Namen genannt. Von den übrigen neun Personen fehlte jede Spur. Ihre Leichen wurden nie gefunden.Loch im DampfkesselDer Kanton St. Gallen ordnete eine Untersuchung der Unglücksursache an. Sie ergab keine vollständige Klärung: Man fand ein grosses Loch im Dampfkessel und ging davon aus, dass der Kessel durch Überhitzung geborsten war und das Schiff danach führerlos auf dem See getrieben war, bis es vom Fallwind erfasst und zum Kentern gebracht wurde. Nur wenige Monate später wurde das Schiff in einer aufwendigen Bergungsaktion gehoben.Bereits im Januar fand man die erste Leiche: den Matrosen Franz Kid. Das Wrack wurde am 5. April 1851 gehoben und an Land geschleppt. Drei weitere Leichen konnten geborgen werden: ein Viehhändler namens Balthasar Kundert, Frau Veraguth, deren Vorname unbekannt bleibt, und ein Schirmmacher namens Josef Eichholzer aus Kirchberg. Der sechsjährige Sohn von Eichholzer blieb verschollen.Das Publikum und vor allem die Anwohner der Region nahmen Anteil am Drama vom Dezember 1850 – die meisten der Opfer der «Delphin» hinterliessen eine Familie mit zahlreichen Kindern. Ein Aufruf der «Glarner Nachrichten», unterstützt vom Landammann und späteren Bundespräsidenten Joachim Heer (1825–1879), stiess auf ein breites Echo. Es war die erste Hilfsaktion im neu gegründeten Schweizer Bundesstaat. «Liebesgaben aus der ganzen Schweiz trafen ein», schreibt der Historiker und Schriftsteller Emil Zopfi. Er hat aus der Tragödie einen historischen Roman gemacht, hat Protokolle und Berichte durchforstet und die Leerstellen rekonstruiert.Hommage an den jungen Bundesstaat«Für mich ist es auch eine Hommage an den jungen Bundesstaat mit vielen wichtigen Themen jener Zeit: der Vereinheitlichung von Post, dem Geld, der Armee, oder der Einbürgerung der Heimatlosen.» Zopfi ist nicht der einzige Schriftsteller, der sich mit dem Unglück befasst hat. Der Dichter Johann Jakob Reithard (1805–1857) aus Küsnacht im Kanton Zürich hat nach dem Unglück bereits im März 1851 eine 142 Strophen lange Ballade publiziert: «Die Todesnacht auf dem Wallensee».St. Galler StaatsarchivIm Anhang sind die Opfer mit einer Ausnahme ausführlich beschrieben. Hier erfahren wir, dass der Kassierer Franz Schlegel acht Kinder hatte, eines von ihnen war taubstumm. Der Passagier Josef Eichholzer war arm, er verdiente seinen Lebensunterhalt als fahrender Schirmflicker und war mit seinem sechsjährigen Sohn unterwegs. Frau Veraguth – ihr Vorname ist nicht überliefert – war die einzige Frau auf dem Schiff. Ihre Ehe mit einem Witwer aus Thusis war unglücklich, und so lebte sie getrennt von ihrem Mann bei ihrer Schwester in Stäfa.Ihr Mann wollte nach Amerika auswandern, und die Frau musste zuvor an seinem Wohnort in Thusis noch einige finanzielle Angelegenheiten mit ihm regeln, das war der Grund ihrer Reise. Den Ertrag der Publikation schenkte Reithard den Hinterbliebenen der Opfer.Passend zum Artikel