PfadnavigationHomeGeschichteEntdeckung der „Titanic“ 1985„Ich will nicht, dass man das Wrack birgt“Veröffentlicht am 22.10.2025Lesedauer: 5 MinutenDas erste Bild nach mehr als 73 Jahren: Ein Tiefseefisch schwimmt über dem Bugdeck der „Titanic“ – in 3800 Metern Tiefe Anfang September 1985Quelle: picture alliance/United Archives/kpa KeystoneViele Jahre hatte der US-Ozeanograf Robert Ballard davon geträumt, den 1912 gesunkenen Luxusliner auf dem Meeresgrund zu finden. Am 1. September 1985 war es so weit. Eine der letzten Überlebenden des Untergangs äußerte klare Erwartungen.Eva Hart war „not amused“. Empört forderte die 80-jährige Lady Anfang September 1985, man solle „gefälligst aufhören, im Grab von so vielen Menschen herumzustöbern“. Ihre Stimme hatte Gewicht, gehörte sie doch zu den nur noch 20 lebenden Menschen, die 1912 beim Untergang der RMS „Titanic“ gerettet worden waren. Wenige Stunden zuvor hatte Robert Ballard bekannt gegeben, dass sein Team aus französischen und US-Meeresforschern das Wrack des Luxusliners gefunden hatte. Das seinerzeit prächtigste Schiff der Welt war in der Nacht zum 15. April 1912 auf seiner Jungfernfahrt im Nordatlantik mit einem Eisberg kollidiert und gesunken. Eva war da gerade siebeneinhalb Jahre alt und befand sich mit ihren Eltern in der zweiten Klasse: Vater Benjamin und Mutter Esther hatten entschieden, in die USA auszuwandern. An sich hatte die Familie eine Passage auf einem anderen Schiff gekauft, doch wegen eines Kohlearbeiterstreiks in Southampton wurden die drei auf die brandneue „Titanic“ umgebucht. Evas Mutter hatte ein schlechtes Gefühl, denn sie hielt das Gerede, der Liner sei „unsinkbar“, für Gotteslästerung. Als die „Titanic“ am 14. April um 23.40 Uhr den Eisberg rammte, schlief das Mädchen. Esther Hart war jedoch wach, spürte eine leichte Erschütterung und bat ihren Mann sofort, den Grund herauszufinden. Widerwillig kam Benjamin dem nach und fand schnell heraus, dass eine Katastrophe bevorstand. Er holte Frau und Tochter aus der Kabine, legte ihnen Decken um und brachte sie zum Rettungsboot Nr. 14. Seine letzten Worte an Eva waren, sie solle „brav sein und Mamas Hand festhalten“. Benjamin Hart wurde nie wieder gesehen, er starb wie 1513 weitere Menschen im eiskalten Nordatlantik. Esther und Eva überlebten – als zwei von insgesamt 710 Geretteten.Aus dem Rettungsboot hatte Eva den Todeskampf des riesigen Schiffs genau miterlebt und im Laufe der Jahrzehnte seitdem vielfach geschildert. Doch die meisten Experten hatten ihre Berichte als unzutreffend abqualifiziert – etwa, dass der riesige Rumpf beim Sinken ungefähr in der Mitte zerbrochen sei, jedenfalls zwischen dem zweiten und dem dritten Schornstein. Anfang September 1985 zeigte sich, dass sie sich richtig erinnerte, obwohl sie erst sieben Jahre gewesen war.Nachdem in der ersten Euphorie über die Entdeckung bereits über eine mögliche Bergung des Schiffs spekuliert worden war, entzog nämlich Ballard allen derartigen Fantasien die Grundlage, indem er mitteilte, dass der Rumpf in zwei Teilen auf dem Meeresgrund lag, in etwa 3800 Metern Tiefe, mit weiteren Trümmern auf einer Fläche von mehreren Quadratkilometern.Lesen Sie auchDer US-Meeresforscher Robert D. Ballard, geboren 30 Jahre nach der Katastrophe im Nordatlantik, war schon lange von der „Titanic“ fasziniert gewesen. Seine wissenschaftliche Tätigkeit widmete er der Untersuchung des Meeresbodens, doch eigentlich wollte er die berühmtesten Wracks der Weltgeschichte finden. Er entwickelte einen zweiteiligen Tauchroboter, der viel besser und vor allem länger unter den extremen Bedingungen kilometertiefen Wassers eingesetzt werden konnte als bemannte Forschungs-U-Boote.Um die Idee zu realisieren, fragte der Reserveoffizier bei der US Navy, ob man ihn unterstützen könne. Doch dort war das Interesse an der „Titanic“ äußerst begrenzt. Allerdings wollte die Navy wissen, was mit ihren beiden Atom-U-Booten USS „Thresher“ und USS „Scorpion“ geschehen war, die 1963 und 1968 im Nordatlantik gesunken waren. Wo ihre Wracks lagen, hatte man jeweils kurz nach dem Untergang festgestellt, doch genügten die damaligen Möglichkeiten nicht, mehr als ein paar wenige Teile vom Meeresgrund zu bergen.Um die tatsächlichen Gründe der beiden Katastrophen zu klären, brauchte das Militär Ballards Tauchroboter „Argo“ und „Jason“. Schließlich einigte man sich, dass der Ozeanograf mit seinem Team der Navy vier Jahre lang jeweils einen Monat für diese und weitere, noch weitaus geheimere Aufgaben zur Verfügung stehen würde – und sobald der jeweilige Auftrag erfüllt war, den Rest dieser Zeit verwenden dürfe, um das Wrack der „Titanic“ zu suchen.Bei der Untersuchung der gesunkenen U-Boote USS „Thresher“ und USS „Scorpion“ erkannte Ballard, dass sich auch im drei und mehr Kilometer Tiefe Trümmer über den Meeresboden verteilten und von Strömungen bewegt wurden; leichte Teile fanden sich am weitesten von der Untergangsstelle weg. Solche Trümmerfelder waren viel größer und daher leichter zu entdecken als die vielfach im weichen Grund eingesunkenen Wracks selbst.Im Spätsommer 1985 fand die zweite der verabredeten Expeditionen statt. Nach der Hauptaufgabe blieben nur noch zwölf Tage Zeit. Ballard hatte sich zusätzliche Hilfe organisiert: Ein französisches Forschungsschiff mit einem speziellen Tiefensonar stand bereit. Doch weil die Wissenschaftler nicht wussten, worauf sie achten mussten, fanden sie zunächst nichts.Also erprobte der Ozeanograf eine neue Methode: Er setzte die Kameras des größeren Tauchroboters zur Suche nach dem Trümmerfeld ein. Eine Woche lang blieb die Suche erfolglos – dann allerdings erschienen am Sonntag, dem 1. September 1985, um 0.48 Uhr Schiffszeit erste Trümmer auf Ballards Bildschirmen. Einer davon wurde als Dampfkessel identifiziert, der vollständig jenen auf Fotos der „Titanic“ während des Baus 1911 entsprach. Wenige Stunden später tauchte der größere des Wracks auf. Und dann gab es die ersten Bilder des Luxusliners seit dem 15. April 1912. Die Nachricht machte weltweit Schlagzeilen.Eva Hart, nach der Sensation von zahlreichen Journalisten umlagert, blieb ihrer Linie treu: „Ich will nicht, dass man das Wrack birgt. Mein Vater ist dort mit der Mehrheit der Männer zurückgeblieben. Sein Leichnam ist wohl immer noch darin eingeschlossen.“ Ballards Befunde bestätigten, dass der Rumpf des Liners beim Sinken zerbrochen war - zwar nicht genau in der Mitte, aber nur etwa 20 Meter weiter zum Heck hin. Auf dem Meeresgrund liegen das gut 140 Meter lange Bugteil und das 105 Meter lange Heck mehr als 600 Meter auseinander – das beweist nach zahlreichen Experimenten, dass beide Stücke unabhängig voneinander gesunken sein müssen.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Alles, was mit dem Untergang der „Titanic“ zu tun hat, interessiert ihn seit April 1982, dem 70. Jahrestag der Katastrophe.