Lee Miller ArchivesEine Pariser Schau präsentiert das faszinierende Leben der Fotografin Lee Miller – der Frau in Hitlers Badewanne.Jürg Müller, Paris27.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenAtemberaubend ist Lee Miller nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern vor allem wegen der Unruhe, mit der sie sich jeder Festlegung entzog. Der ungarische Dichter und Filmtheoretiker Béla Balázs hat einmal geschrieben, die Ungerechtigkeit jeder Biografie bestehe darin, dass in einem Menschenleben viele Lebensläufe verborgen lägen, von denen man gleichwohl nur einen verwirklichen könne.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Lee Miller ist die seltene Ausnahme von dieser Regel. Die 1907 im Staat New York geborene und 1977 in England verstorbene Künstlerin führte mehrere Leben in einem einzigen, und keines davon verlief ohne Bruchstellen. Sie war Model, Muse, Fotografin, eine der wenigen weiblichen Kriegsberichterstatterinnen der amerikanischen Armee im Zweiten Weltkrieg und ein frühes Beispiel für eine Frau, die selbstbestimmt, wagemutig und mit einem fast unstillbaren Bewegungsdrang durch ihr Jahrhundert ging.Von ihr stammt der schöne Satz: «Aus irgendeinem Grund möchte ich immer lieber woanders hin.» Das Musée d’Art Moderne de Paris widmet ihr nun mit rund 250 Arbeiten die bisher grösste Retrospektive. Dafür gibt es gute Gründe, denn Paris blieb für die Amerikanerin zeitlebens ein Sehnsuchtsort. Bereits als Achtzehnjährige hatte sie die Stadt in Begleitung einer Gouvernante besucht; später wurde sie dort zu jener Figur, in der sich Eleganz, Eigensinn und künstlerische Radikalität auf ungewöhnliche Weise verbanden.Lee Miller bei einem Shooting für das Modemagazin «Vogue» in Paris, 1945.Photographer Unknown / Lee Miller ArchivesEin befreundeter Fotograf nannte sie einmal einen «freien amerikanischen Geist im Körper einer griechischen Göttin». Der Film «Die Fotografin» von 2023 mit Kate Winslet in der Hauptrolle hat Miller in jüngerer Zeit einem grösseren Publikum nahegebracht, wenn auch mit einer gewissen dramatischen Zuspitzung. Heute ist sie längst keine Entdeckung mehr, sondern eine Ikone des Surrealismus. Seit ihr Sohn auf dem Dachboden des elterlichen Hauses den unsortierten Nachlass mit Fotoabzügen und mehreren tausend Negativen fand, gab es zahlreiche Ausstellungen.Doch die Pariser Schau entfaltet in ihrer Fülle tatsächlich ein Panorama: nicht nur einer Karriere, sondern einer Existenz, die sich immer wieder neu erfand. Schon Millers Vater war ein begeisterter Amateurfotograf mit eigenem Labor. Zahlreiche Aufnahmen der Familie und der jungen Lee mit hochgestecktem Haar sind überliefert; sie zeigen eine Heranwachsende, die sich früh daran gewöhnt war, betrachtet zu werden.Gespür für die Komik der StarsZunächst wollte Lee Miller Bühnenbild studieren. Dann begegnete sie zufällig dem Verleger Condé Nast, der sie für seine Modezeitschriften «Vanity Fair» und «Vogue» gewann. Fotografen wie George Hoyningen-Huene nahmen sie auf, und einmal erschien sie sogar auf dem Cover der amerikanischen «Vogue». Die frühen Bilder zeigen eine betörend schöne Frau mit kurzem Haar, deren Erscheinung man klassisch nennen möchte, ohne sie damit ganz zu erfassen.Models posieren für Lee Miller vor einem Luftschutzbunker in Hampstead, London 1941.Lee Miller ArchivesDer Reiz des Kontrasts: elegante Mode vor kriegsversehrtem Hintergrund, fotografiert von Lee Miller in Middle Temple, London 1941.Lee Miller ArchivesEine Aufnahme in einem Sonnenstuhl führt diese Wirkung besonders präzise vor: Die Komposition wird von Diagonalen bestimmt. Miller blickt nach rechts aus dem Bild heraus, als sei der Rahmen nur ein vorläufiger Aufenthalt. Es passt zu dieser Inszenierung, dass sie in Jean Cocteaus surrealistischem Film «Das Blut eines Dichters» aus dem Jahr 1930 eine griechische Skulptur spielt, die zum Leben erwacht. Marmor wird, nach und nach, zu Fleisch und Blut.Die Ausstellung führt die Vielfalt ihres künstlerischen Werks eindrucksvoll vor Augen. Sie reicht von Modeaufnahmen über Porträts und Landschaften bis zu den Kriegsreportagen, die Miller für die «Vogue» fotografierte und schrieb. Die Arbeiten sind chronologisch präsentiert; Schritt für Schritt folgt man ihr durch ein bewegtes, oft widersprüchliches Leben. Wer nach einem roten Faden sucht, findet ihn in den Künstlerporträts, die seit den späten 1920er Jahren entstanden und nahezu alle Phasen ihres Schaffens begleiten.Zu sehen sind Aufnahmen von Paul Éluard, Max Ernst, Pablo Picasso und Jean Cocteau. Miller interessierte sich dabei nicht nur für das Geheimnisvolle, das diese Figuren umgibt; sie besass auch ein feines Gespür für deren Komik. Charlie Chaplin steht unter einem Kronleuchter, als ginge ihm buchstäblich ein Licht auf. Besonders eindrucksvoll ist ein Porträt Joseph Cornells von 1933: Durch Doppelbelichtung verbindet Miller sein Gesicht mit einem auslaufenden Segelschiff, als befände er sich bereits auf einer Reise ins Imaginäre.Charlie Chaplin steht unter einem Kronleuchter in St. Moritz, 1932.Lee Miller ArchivesDie Auseinandersetzung mit dem Surrealismus, die 1929 nach ihrer Ankunft in Paris begann, blieb für Miller prägend. Mit einem Empfehlungsschreiben von Edward Steichen kam sie in die französische Metropole, um mit Man Ray zu arbeiten, dem wohl bedeutendsten Fotografen der surrealistischen Szene. Miller wurde nicht nur sein Modell, sondern auch für drei Jahre seine Partnerin. Vor allem aber fand sie rasch zu einer eigenen fotografischen Praxis.Besonders gelungen sind zwei Arbeiten, die dem Marquis de Sade gewidmet sind. Sie zeigen Miller und Man Ray unter Glasstürzen, als seien sie enthauptete Verbrecher, vom Leben in eine merkwürdige Zwischenzone zwischen Begehren, Schau und Tod versetzt. Die ästhetische Grundfigur des Surrealismus ist das Rätsel. Menschen verwandeln sich in Gegenstände, Gegenstände scheinen menschliche Züge anzunehmen; das Vertraute wird fremd, das Fremde auf beunruhigende Weise vertraut.Miller arbeitet immer wieder mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten und mit der Technik der Pseudosolarisation, die sie gemeinsam mit Man Ray entwickelte. Den eigenen Leib zu verfremden, ihm eine neue Identität zu geben, gehört zu dieser Bildsprache. Der Körper erscheint nicht als feste Grösse, sondern als Ort der Metamorphose. Weibliche Körper und Körperteile nehmen phallische Formen an; Formen lösen sich aus ihren gewohnten Bedeutungen und gleiten in andere Zusammenhänge hinüber. So erhält die Welt in Millers Bildern etwas Fluides, Unabgeschlossenes, als könne sie jeden Augenblick ihre Gestalt wechseln.Das Grauen des WeltkriegsEnde der 1930er Jahre lernte Miller den surrealistischen Künstler Roland Penrose kennen, mit dem sie nach England ging und den sie 1947 heiratete. Während des Kriegs entstanden Reportagen, die den Terror des Bombenkriegs festhielten. Aussergewöhnlich bleibt ihre Arbeit als Kriegskorrespondentin. Sie war bei der Invasion in der Normandie, fotografierte die Schlacht um Saint-Malo und berichtete aus den befreiten Konzentrationslagern Buchenwald und Dachau.Der Fotograf David E. Scherman vom Life Magazine mit Gasmaske und Kamera, aufgenommen von Lee Miller 1942 in London.Lee Miller ArchivesDie Aufnahmen der Leichenberge und der Überlebenden sind schwer zu ertragen, gerade weil sie nicht pathetisch sind. Miller sucht nicht den grossen Effekt; sie hält stand. Ihre Bilder zeigen das unendliche Grauen, ohne es ästhetisch zu beruhigen. Wer vor ihnen steht, spürt, dass Sehen hier keine angenehme Tätigkeit mehr ist, sondern eine moralische Zumutung.Das berühmteste Bild aus dieser Zeit zeigt Lee Miller in Adolf Hitlers Badewanne in seiner Münchener Privatwohnung. Die Aufnahme stammt vom 1. Mai 1945 und wurde von ihrem Kollegen David E. Scherman gemacht, einen Tag nach dem Selbstmord des Diktators in Berlin, von dem Miller zu diesem Zeitpunkt noch nichts wusste. Sie sitzt nackt im Wasser; auf der hellen Badematte stehen ihre schmutzigen Militärstiefel, als hätten sie den Schlamm der befreiten Lager bis in diesen makellos bürgerlichen Raum getragen.Am Rand der Wanne ist demonstrativ ein Foto Hitlers aufgestellt, auf einem Schrank steht eine klassische Statue. Nichts passt zusammen, und gerade darin liegt die Kraft dieses Bildes. Die Szene ist zugleich triumphal, verstörend und rätselhaft. Hitler wird zum Ausstattungsgegenstand seines eigenen Badezimmers, seine Macht zu einem Requisit. Die vermeintliche Unantastbarkeit ist gebrochen. In kleinem Format erschien die Aufnahme im Juli desselben Jahres in der englischen «Vogue».Man könnte diese Fotografie als Geste der Überwindung lesen: Schau, was ich in deinem Badezimmer mache, und du kannst nichts dagegen tun. Doch sie ist mehr als eine Provokation. In ihr begegnen sich Millers surrealistischer Blick und die historische Wirklichkeit des besiegten Nationalsozialismus. Die schmutzigen Stiefel, der nackte Körper, das Diktatorenbild, die Statue, das warme Wasser – all diese Elemente ergeben keine einfache Botschaft, sondern eine Konstellation. Sie lassen erkennen, wie nah Banales und Monströses beieinanderliegen können.Lee Miller posiert in der Badewanne von Hitlers ehemaliger Wohnung in München, Bild von 1945.Lee Miller ArchivesBlick der FreiheitBetrachtet man die späten Bildnisse der Künstlerin, hat man kaum den Eindruck einer glücklichen Frau. Depressionen und Alkohol bestimmten ihren Lebensabend. Doch vielleicht ist Glück nicht die richtige Währung, um Lee Millers Leben zu messen. Eher geht es um Wachheit, Freiheit, Genauigkeit und um den Preis, den ein Mensch bezahlt, wenn er zu viel gesehen hat.Lee Miller erscheint in dieser Retrospektive als eine Künstlerin, die sich keiner Rolle dauerhaft unterordnet: nicht der Schönheit, die andere in ihr sahen; nicht dem Surrealismus, den sie aufnahm und zugleich überschritt; nicht dem Krieg, dessen Grauen sie fotografierte, ohne es zu mildern. Ihr Leben verbindet Atelier und Schlachtfeld, Verwandlungslust und Zeugenschaft. Gerade darin liegt ihre Modernität. Sie macht aus dem eigenen Blick ein Instrument der Freiheit: elegant, unerschrocken, manchmal verletzend klar.Die Pariser Schau zeigt deshalb nicht nur das Werk einer grossen Fotografin, sondern auch die Geschichte einer Frau, die sich immer wieder dem Zugriff anderer entzog – und die Welt zwang, genauer hinzusehen.Die ägyptische Wüste in der Nähe von Siwa, fotografiert durch ein zerrissenes Fliegengitter. Lee Miller, publiziert 1940.Lee Miller ArchivesLee Miller, Musée d’Art Moderne, Paris. Katalog: 55 Euro.Passend zum Artikel