Von wegen im Himmel. Der Münchner sitzt im kurz geratenen weißen Engelsgewand auf einer Holzpalette. Sein Kopf ist sonst wo, jedenfalls nicht auf dem Hals. Um Alois Hingerl herum Bretterstapel, Hublader, Kisten kreuz und quer, ein rechter Verhau. Der Parademünchner, ersonnen von Ludwig Thoma, ist entsprechend seinem göttlichen Auftrag im Hofbräuhaus – in dem Fall im Hofbräuzelt auf der Theresienwiese– gelandet. Aber erst am 19. September läuft’s hier wieder in schönster Kulisse. Bis dahin findet sich hier die größte temporäre Baustelle ganz Europas. Das sagt zumindest die Stadt.Der noch kopflose Münchner im Himmel wartet darauf, im Hofbräuzelt abzuheben. Foto: Johannes SimonHier gilt damit die nächsten Wochen: Zutritt für Unbefugte verboten! Die Stadt und ihr Tourismusamt machen ein paar Ausnahmen und bieten während des Aufbaus Sightseeing im Flatterband an, einen Rundgang übers Gelände. Am Samstag ziehen an die 20 Menschen mit Schutzhelm, Sicherheitswesten und festem Schuhwerk los und staunen nicht schlecht.Luigi Mastroianni ist als Gästeführer der Landeshauptstadt ihr Guide. „Wiesn-Freind oder Wiesn-Feind?“, fragt er erstmal mit Handschlag zur Begrüßung ab. Er muss ja wissen, in welcher Temperatur man hier heute rein atmosphärisch unterwegs ist. Grantler, so scheint’s, reihen sich nicht ein. Weder einheimische noch auswärtige.Ein Hämmern und Scheppern begleitet den Tross im Hindernislauf vorbei an Burgen mit Containern auf denen Sybillinisches zu lesen ist: „Ox 5“, „Löwenbräu 2“, Kabelhügeln und Obacht: reichlich Löchern im Boden. „Die tiefen Fundamente werden nicht jedes Jahr neu gegossen“, sagt Mastroianni. „Unterm Jahr haben sie hier immer eine Kiesfläche, sie sehen kein Loch.“ Jetzt werden Anschlüsse für Wasser, Strom und Gas wieder freigelegt. Jede Küchenzeile, die ganze Installation, werde in jedem Zelt jedes Jahr neu gemacht. „Meist kommt dann eine Woche vor dem Fest ein Estrich drauf und nach der Wiesn wird alles wieder abgerissen.“Auf der Theresienwiese befindet sich derzeit Europas größte temporäre Baustelle. Das sagt jedenfalls die Stadt. Foto: Johannes Simon80 Prozent des Materials lagerten das Jahr über zwei Firmen in ihren Hallen entlang der „Stuttgarter Autobahn“ ein und bauten alles wieder auf, sagt der Gästeführer. „Die Augustiner-Brauerei ist die Einzige, die noch eigene Zimmerer hat, die das machen.“ Prompt biegt einer um die Ecke, grüßt kurz in schönster Zunftkluft mit Hut, schwarzer Weste, schwarzer Hose und weg ist er.Früher, erzählt Mastroianni, „konntest du als Münchner einfach hierher gehen, wenn Baustelle war.“ Inzwischen ist das Gelände mit zehn Kilometer Zaun abgesperrt. Aber, wo in drei Monaten 17 große und 21 kleine Festzelte aufgestellt werden, dazu Fahrgeschäfte und Stände, sowie, gefühlt ohne Zahl, 2000 Leute sechs Tage die Woche arbeiten, geht Publikum im Weg um.Mastroianni ist voller Enthusiasmus. Er macht Halt zwischen zwei großen silbernen oberirdischen Containern, haut lachend mit der Hand drauf: „Sind handgefertigt, fassen alle zwischen viereinhalb bis 8000 Liter.“ In den Zelten sehe man die nicht, weil sie verkleidet werden. „Das sieht dann aus wie ein Fass, aus dem das Bier rauskommt.“ Nur Augustiner, sagt er, „schenken ihr Bier wie anno dazumal aus: in 200-Liter-Fässern aus Holz“.Die Container fürs Bier sind schon da, erzählt Luigi Mastroianni (orange Weste) seinen Besuchern. Und jede Menge Anekdoten übers Oktoberfest auch. Foto: Johannes SimonKleine Preisfrage vor den offenen Leitungen zur Damentoilette: Wie viele Klo-Plätze gibt’s insgesamt für die Frauen? „Zu wenig!“, ruft eine Besucherin. 1400. Bei den Männern? „Da“, sagt Mastroianni, „geht’s nicht nach Plätzen, sondern nach Kilometern: ein Kilometer Länge für die Herren.“Unterwegs reicht der Guide Happen zur Geschichte der Wiesn, der Bayern, Anekdoten aller Art.Vor dem Armbrustschützenzelt steht im Staub schon der große schwarze Adler, „von dem die Schützen dann die Federn wegschießen“, sagt Mastroianni. In der Ochsenbraterei hat einer Körbe voller Holzfiguren auf dem Boden abgestellt.Der Adler des Armbrustschützenzelts im Landeanflug. Foto: Johannes SimonKisten voller Holzfiguren stehen in der Ochsenbraterei schon bereit, obwohl die Dekoration erst am Schluss an der Reihe ist. Foto: Johannes SimonIm Hofbräuzelt wird sich später ein Gast „von außerhalb“ zu Wort melden, norddeutscher Zungenschlag: Das Zelt sei in den 80er-Jahren geschlossen worden, sagt er, „wegen ungebührlichen Benehmens von Neuseeländern“. Die seien nackert herumgelaufen. „Ich bin da mit meiner Maß gegangen und merke direkt, wie einer reinpieselt“. Mastroianni ist empört: „Also, beim Bier versteh ma koan Spaß!“Martin Schmidt ist der einzige der Gruppe, der in der Krachledernen mitgeht. Seit 2016 lebt der Ingolstädter in München und ist hier „jede Saison auf dem Oktoberfest – mit einer Fehlquote von ein bis zwei Tagen“. Meistens abends nach der Arbeit. Während der Wiesn seien die Münchner aufgeschlossener als sonst. „Da kommt alles zusammen, ob alt, jung, weiblich, männlich, vollkommen wurscht. Ohne Wiesn und Biergarten gäb’s in München keine Kinder mehr.“ Er wohnt neben der Theresienwiese und „ich finde es wahnsinnig spannend, wie das seit drei Wochen wächst“. Was hier geleistet werde, „Wahnsinn“, spricht’s und hält einem den Arm mit der Gänsehaut entgegen.Am 19. September hängt das Schild dann richtig herum am Eingang der Wiesn. Foto: Johannes SimonDie juristischen Streitigkeiten im Vorfeld sind praktisch kein Thema beim Rundgang. Wirt Alexander Egger will auf gerichtlichem Weg eine europaweite Vergabe der großen Festzelte durchsetzen. Vor der Vergabekammer der Regierung von Oberbayern hat er bereits verloren, am 11. September steht eine mündliche Verhandlung vor dem Bayerischen Obersten Landgericht bevor. Egger hat inzwischen auf seine „Münchner Stubn“ auf der Wiesn verzichtet, Klaus Bartl rückt mit seiner Hühnerbraterei „Bartls Flößerstadl“ nach. Für den Aufbau extrem spät. Bartl, lässt eine Sprecherin des Referats für Arbeit und Wirtschaft auf Anfrage wissen, „arbeitet auf Hochtouren, um die Betriebsvorbereitung mit kürzerem Vorlauf zu stemmen“. Man dürfe zuversichtlich sein, „dass auch hier der Zeltaufbau wie geplant stattfinden kann“.Bis 19. September wird auch Alois Hingerl im Hofbräuzelt zu seinem Kopf gekommen sein.