Am 18. Oktober 1946 hatte in Potsdam ein Film mit dem Titel „Freies Land“ Premiere. Heute wird er als der zweite Titel aus der Produktion der Deutschen Film-Aktiengesellschaft (Ost), geläufiger als DEFA, gehandelt. Eineinhalb Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Strukturen des neuen kulturellen Lebens noch offen, es gab auch noch keine DDR, es gab nur Versuche, dort neu anzusetzen, wo das Alte nicht fortgeführt werden durfte. Das Alte, das war die UFA, die wichtigste Filmfirma der Weimarer Republik, die für eine Weile Weltgeltung gehabt, sich dann aber im Nationalsozialismus radikal kompromittiert hatte.

Die DEFA war ein Versuch, ohne die UFA mit der UFA weiterzumachen, jedenfalls mit Teilen von ihr. Und „Freies Land“ wählte dafür einen programmatischen Titel, der viel eindeutiger klingt, als ihn die Erzählung einlöst. Denn es ging um die Vorbereitung der kommunistischen Machtübernahme in der sowjetischen Besatzungszone. Im Zentrum stehen eine Reihe von Flüchtlingen und Bauern, die als „Darsteller ihres eigenen Schicksals“ präsentiert werden. Sie wollen in einer Gegend nördlich von Frankfurt an der Oder das Land wieder urbar machen und sehen sich dabei den Strukturen von Jahrhunderten, ja Jahrtausenden gegenüber: Die allgemeine Notlage zwingt zu einem landwirtschaftlichen Arbeiten „wie in der Frühzeit der Menschheit“.Das Filmerbe der DDR ist inzwischen gut erschlossenIn diese Übergangszeit drängt sich aber mit dem Film „Freies Land“ eine Organisation, die Gegenseitige Bauernhilfe, die von einer feudalen in eine kollektive, industrialisierte Landwirtschaft führen soll. Die epochalen Konflikte, die im Stalinismus zu genozidalen Hungersnöten wie dem Holodomor in der Ukraine führten, sollen im freien Land östlich der Elbe in weniger dramatischer Form rekapituliert werden – die Bauernbefreiung, die ausdrücklich in einen Kontext zu den Bauernkriegen im 16. Jahrhundert gestellt wird, soll in den friedlichen Arbeiter- und Bauernstaat führen, als den die DDR sich schließlich konstituierte.Es hätte in vielerlei Hinsicht Sinn ergeben, wenn „Freies Land“ der erste DEFA-Film gewesen wäre – aber „Die Mörder sind unter uns“ von Wolfgang Staudte wurde um wenige Tage früher und deutlich feierlicher in der Deutschen Staatsoper erstmals gezeigt, er steht nun in der Liste auf dem Platz davor. Insgesamt entstanden bis 1990 um die 700 DEFA-Filme. Das Filmerbe der DDR ist inzwischen gut erschlossen, viele Titel sind sogar kostenfrei und legal im Netz zu finden. Und zum achtzigsten Geburtstag der DEFA gibt es das ganze Jahr hindurch Veranstaltungen. Eine der wichtigsten hat diese Woche eröffnet: Das Filmmuseum Potsdam präsentiert eine neue Ausstellung „Ohne Frühstück. Ohne Diskussion. 80 Jahre DEFA-Filme“, in der man mit zahlreichen Artefakten und am Beispiel einer Vielzahl von gut gewählten Filmen eine Brücke von der Alltagskultur der DDR in die heutige zu schlagen versucht.Blick in die Ausstellung: „Ohne Frühstück. Ohne Diskussion. 80 Jahre DEFA-Filme“ im Filmmuseum Potsdam.Manfred ThomasDas dazugehörige Filmprogramm kann man aber auch daheim nachvollziehen und wird dabei wahrscheinlich auf eine interessante Frage stoßen. Denn einen DEFA-Film erkennt man nach zwei, drei Beispielen sofort. Doch woran genau? Und liegt in dieser Differenz vielleicht etwas verborgen, das für das gegenwärtige, vereinte Deutschland eine Ressource sein könnte? Immerhin steht im Raum, dass der Osten gerade der Demokratie verloren geht, so lautet jedenfalls die Diagnose eines populären Sachbuchs von Jana Hensel. Und die DDR war ja sicher keine Demokratie, sondern ein Unrechtsstaat, ihre Filme unterlagen der Zensur und wurden vielfach verboten, wenn sie etwas probierten, was den Funktionären verdächtig vorkam. Damit könnte man die DEFA-Filme recht einfach als ideologische Produkte abtun. Und würde etwas ganz Entscheidendes verpassen.Denn die DDR war ja, wie der real existierende Sozialismus insgesamt, tatsächlich ein Gegenvorschlag: eine andere Gesellschaft, ein anderes Verständnis von Freiheit, eine andere Konzeption von Geschichte. Die Filmproduktion der DDR aber, jedenfalls der große, interessante Teil daran, stand zu diesem Projekt in einem Spannungsverhältnis, das aus dem Individualismus der Kunst kommt. Und diese Spannung teilt sich heute, in einer liberalen Demokratie, fast noch genauso stark mit wie damals, als Karrieren unter dem Verdikt von Bürokraten standen.Das Proletariat gibt es nur im PluralEiner der markantesten DEFA-Filme arbeitet diese Spannung zwischen Kunst und Ideologie direkt am Kern des Problems durch: „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“ (1974) von Konrad Wolf erzählt vom Bildhauer Kemmel (Kurt Böwe), der für einen Fußballverein eine Figur schaffen soll – die Leute erwarten einen Sportler in Aktion. Doch schon die ersten Schritte erweisen sich als schwierig. Ein Mann, der als Modell vorgeschlagen wird, verweigert die Zusammenarbeit, und zwar mit einem bezeichnenden Satz: „Das wäre ja, als wenn nur einer arbeitet.“ Die künstlerische Hervorhebung sprengt in seiner (orthodoxen) Logik den Klassenzusammenhang. Das Proletariat gibt es nur im Plural.Zu Recht hat man der sozialistischen Kunst oft Eindimensionalität vorgeworfen, aber Konrad Wolf verschafft ihr mit „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“ viele Freiräume: die einer subtilen Satire auf konventionellen Geschmack, aber vor allem die eines schrittweisen Annäherungsprozesses zweier Sphären – denn Kunst, darauf legen gerade die ersten Szenen Wert, ist auch Arbeit, und sie ist auf der höchsten Ebene eben Arbeit an der Freiheit.Der DEFA-Film „Karbid und Sauerampfer“ aus dem Jahr 1963 in der Regie von Frank BeyerHeinz WenzelDEFA-Filme sind oft leiseVieles an diesem großen Film teilt sich atmosphärisch mit. DEFA-Filme sind oft leise, sie bedienen sich oft einer sanften, männlichen Erzählerstimme, sie haben Zeit – man spürt, ohne es vielleicht genauer zu reflektieren, dass hier etwas vollkommen anders ist. Dieses Andere hat mit Aspekten zu tun, die für die Gesellschaft der DDR oft beschrieben wurden: In bestimmten Hinsichten herrschte weniger Druck, der andere Druck, der durch das Regime, musste in den Filmen weitgehend unsichtbar bleiben.Die DDR war auch eine Gesellschaft ohne Reichtum, jedenfalls ohne sehr große Wohlstandsunterschiede, selbst die Nomenklatura ist mit dem demonstrativen Superreichtum des frühen 21. Jahrhunderts nicht zu vergleichen. In der Komödie „Anton der Zauberer“ wird dieser ambivalente Vorzug gegenüber der Bundesrepublik in Form einer Schelmengeschichte verarbeitet: Der Held, ein begabter Schlosser namens Anton Grubske, verdient vor dem Bau der Mauer 1961 mit einer Reparaturwerkstatt viel Geld, das er mithilfe einer ehrgeizigen Wirtin in den Westen bringt. In dem Moment, in dem die Systemgrenze undurchlässig wird, muss er seine illegal erwirtschafteten Gewinne abschreiben.Das geht nicht ohne innere Konflikte, zumal das Drehbuch noch einige abstruse Agentengeschichten vorsieht, die ihn sehr nahe an das Ziel (die Schweiz, das Land des Bankgeheimnisses) bringen. Aber der „Zauberer“ Anton, der seinen Titel vor allem trägt, weil er jede Art von Ersatzteilen besorgen kann, er kann in der entscheidenden Frage eben nicht zaubern. Er wird, soweit ist „Anton der Zauberer“ dann eben auch ein konventioneller DEFA-Film, eingeordnet: Was früher eine informelle Bude war, wird schließlich ein offizieller volkseigener Betrieb für Traktoren.DEFA-Film: „Anton der Zauberer“ aus dem Jahr 1977 in der Regie von Günter ReischDieter LückAber der Regisseur Günter Reisch und der Drehbuchautor Karl Georg Egel legen eben Wert darauf, dass Grubske aus eigener Einsicht mit den Voraussetzungen glücklich wird, die ihm die zunehmend institutionalisierte Ulbricht-DDR vorschlägt. Einen Chevrolet, den er in einer sehr ironischen Schlusspointe aus dem Westen geliefert bekommt, lässt er verschrotten. Die gebundene Freiheit, die im Sozialismus zwischen Idealismus und Zwang schillerte, findet eine komische Verkörperung.Für das filmische Erzählen gibt es eine elementare Regel, die bei allen Drehbuchlektoraten sofort auftaucht: „Show, don’t tell“. Sachverhalte sollen nicht benannt, sondern gezeigt werden. Viele Festivalfilme haben dieses Prinzip in den vergangenen dreißig Jahren ins Extreme gesteigert und rätselhafte Erzählungen mit vielen Leerstellen präsentiert, bei denen man sich oft das Entscheidende hinzudenken musste. Bei den Streamern oder auch im deutschen Fernsehalltag hingegen gilt längst das Gegenteil: „Show and tell“ – einem Publikum, das man sich als konstitutiv zerstreut denkt, muss alles mehrfach vorgesetzt werden.Jede Erzählung führt etwas Implizites mitDer entscheidende Punkt an der Regel aber wird gerade an DEFA-Filmen auf eine sehr interessante Weise deutlich: Jede Erzählung führt etwas Implizites mit, und auf dieser Ebene erst entsteht das Künstlerische. Bei den DEFA-Filmen ist das Implizite einerseits, dass sie immer auf das große Ganze des Aufbaus des Sozialismus bezogen sind, dass sie aber konkret eigene Vorstellungen vom Sozialismus haben oder auch von dessen Alternativen. Sie sind also immer schon stärker oder zumindest ausdrücklicher diskursiv als das Kino der „freien“ Welt.In den geläufigen Logiken auch der Filmkritik gilt das als Schwäche, und tatsächlich gibt es ja auch plane, didaktische, bevormundende Filme der DEFA. Aber in den vielen großen Filmen aus den Achtzigerjahren, von „Märkische Forschungen“ bis „Solo Sunny“, geht es im Impliziten um die auch für das heutige Deutschland entscheidende Frage: Wie findet eine Gesellschaft die Grenzen ihrer Freiheit, ohne darüber als ganze unfrei zu werden?In dem Film „Freies Land“, der weiß, dass der intendierte Geschichtsverlauf seinen eigenen Titel dementieren soll, findet man schon 1946, ganz am Anfang der DEFA, beide Tendenzen: Einerseits soll aus dem Boden „das Äußerste herausgeholt werden“, ein Hinweis auf den titanischen, menschen- und naturverschlingenden Sozialismus. Andererseits fragt eine Frau nach der ersten Ernte: „Warum haben wir immer noch kein Kino?“ Die DDR bekam mit der DEFA ein Kino, das sich bei aller bürokratischen Gängelung niemals vollständig instrumentalisieren ließ. Im Gegenteil. Die vereinigte Bundesrepublik kann in den 700 Filmen seit 1946 einen Schatz finden, aus dem das Wesentliche noch längst nicht herausgeholt ist.