Gerade steht Gabriel Bortoleto von einem der Tische im Motorhome von Audi auf, da kommt Nico Hülkenberg vom Fahrerlager rein. Alles ist noch ganz frisch hier, Anfang Juni hat der Rennstall zum Auftakt der Europasaison in Monaco seine neue Hospitality präsentiert. Drei Stockwerke, die Hälfte der Front aus Glas, gehalten in den Teamfarben Titanium, Karbonschwarz und Lavarot. Anfangs hatten die Deutschen, wie den Schweizer Rennstall selbst, das Motorhome von Sauber übernommen, aber nach 20 Jahren war es dann doch Zeit für etwas Modernes, Eigenes. Sie wollen schließlich selbst eine Ära aufbauen in der Formel 1, da kann es nicht schaden, sich an der Strecke zu Hause zu fühlen.Hülkenberg huscht zu dem frei gewordenen Platz, um den sich viele Journalisten gruppiert haben. Ein fliegender Fahrerwechsel, nur keine Zeit verlieren, im Motorsport kommt es auf jede Hundertstel an. Bei Hülkenberg sind es bisher allerdings ein paar Hundertstel zu viel auf jeder Runde. Mit null Punkten gehört der einzige deutsche Fahrer zu den vier schlechtesten von 22 Piloten. Zum Vergleich, der Führende Kimi Antonelli hat 204 Zähler gesammelt. Noch wäre es vermessen, sich an den führenden Rennställen zu orientieren. In diesem Jahr geht das Team erstmals mit den vier Ringen auf dem Heckflügel an den Start. Aber wo gerade der Stern von Mercedes leuchtet, will Audi auch bald hin: Bis spätestens 2030 um den Titel mitfahren, hat der Vorstandsvorsitzende Gernot Döllner als Ziel ausgegeben. Nach den zehn ersten Grand Prix ist Audi Drittletzter vor Aston Martin und Neuling Cadillac.Formel 1:Alles auf Anfang für Alonsos GenussDie Erwartungen an Aston Martin mit Adrian Newey am Zeichenbrett und Fernando Alonso am Steuer waren groß. Nach einer miserablen ersten Saisonhälfte setzt das Team in Budapest auf eine Rundumerneuerung, an der auch die Zukunft des Spaniers hängt.Dieses Wochenende könnten ein paar Punkte dazukommen, das Streckenprofil des Hungaroring mit den 14 meist langsamen Kurven könnte dem R26 liegen – und das Selbstbewusstsein ist nach zuletzt zwei achten Plätzen in Silverstone und Spa gestärkt. Zumindest das von Bortoleto, der 21-Jährige hat damit das Audi-Konto auf insgesamt zehn Zähler erhöht. Das steigert die Motivation der Mannschaft und ist auch nicht ganz unwichtig als Signal, wenn es neben der Rennstrecke für einen kriselnden Konzern darum geht, eine kostspielige Investition zu rechtfertigen. Hülkenberg ganz persönlich aber kann kaum zufrieden sein.Die Qualifikation am Samstag läuft dafür richtig gut, Hülkenberg schafft es in die dritte K.o.-Runde und fährt auf Startplatz zehn, Bortoleto landet auf Rang 14. Am Donnerstag zu Beginn der Medienrunde sind die Ergebnislisten aber noch leer. Und so stellt sich die Frage: Wird das letzte Wochenende vor der Sommerpause in Ungarn ein starkes? „Ja, hoffentlich“, sagt Hülkenberg knapp und grinst den Fragensteller an, bevor er doch noch mehr Futter liefert. Die magere eigene Punkteausbeute hat die Laune des 38-Jährigen noch nicht verdorben, aber seine bisherige Saison, schon klar, „war hart. Wir hatten Leistung, die Geschwindigkeit ist da, um im Mittelfeld zu kämpfen“, sagt Hülkenberg. „Aber natürlich war es schwierig, vor allem auf meiner Seite der Garage.“Einige Male landete Hülkenberg diese Saison knapp außerhalb der PunkterängeDefekt schon vor dem Start in Australien, Rang 11, 11, Ausfall, 12, 13, Ausfall, 12, Ausfall, 13 – so liest sich die Ergebnisliste des Deutschen, was auch an technischen Problemen und bisweilen Pech lag. In Barcelona war Hülkenberg aussichtsreich unterwegs, als Liam Lawson ins Kiesbett rutschte und dabei ein aufgewirbelter Stein den Not-Aus-Schalter am Überrollbügel von Hülkenberg traf. Damit war der Audi ohne Antrieb, Hülkenberg konnte nur noch in die Box rollen. Er vermutete: „Der Renngott will nicht, dass wir Punkte holen!“Für den zehnten Platz gibt es noch einen Zähler, bisweilen war Hülkenberg also nicht so weit weg. Unmittelbar bringt ihm das nichts, dem Glauben an die eingeschlagene Entwicklungsrichtung hilft es aber schon. „Fragil“ sei noch manches, aber er habe eine Menge gelernt. Hülkenberg ist lange genug in der Königsklasse dabei, seit 2010, und wusste von Beginn an, dass es dieses Jahr auf eine gewisse Frusttoleranz ankommen würde. Was nicht nur das Zusammenspiel des neuen Teams betrifft, sondern auch das 2026 eingeführte Batteriereglement. Die neuen Gegebenheiten sind für alle bisweilen komplex, ein cleveres Energiemanagement die Herausforderung.Formel-1-Weltmeister Lando Norris:Nur nicht zum One-Hit-Wonder werdenDas Weltmeisterteam hängt der Entwicklung hinterher, Lando Norris scheint den Preis für den dramatischen Endspurt im Titelkampf aus dem Vorjahr zu zahlen. Kann er seinen McLaren wieder nach vorn bringen?Weltmeister wie Max Verstappen, Lando Norris und Fernando Alonso übten schon deutliche Kritik. Hülkenberg bevorzugt eine pragmatische Herangehensweise. Man müsse einfach schauen, wie man am meisten rausholen könne, sagt er, da sei es auch egal, welcher Generation ein Fahrer angehöre: „Es kommt einfach darauf an, offen und in der Lage zu sein, sich anzupassen an die Gegebenheiten.“ Genieße er diese Version der Formel 1 denn noch? „Ja, doch, macht mir noch Spaß.“ Einige würden sagen, die Fahrer hätten nicht mehr so viel Kontrolle über die Performance. „Ich sehe oder empfinde das nicht so. Der Fahrer kann nach wie vor einen Unterschied machen.“In ein paar Jahren will Audi um den Titel mitfahren. Momentan geht es vor allem darum, die richtigen Schlüsse auf dem Weg dorthin zu ziehen. Darko Vojinovic/APVolle Konzentration auf das eigene Team, auf die eigene Leistung, runtergebrochen auf jedes Wochenende, jede Session, jede Runde. So geht Hülkenberg sein eigenes Energiemanagement an. Auch Wechselgerüchte nimmt er gelassen. Die waren zuletzt rund um Carlos Sainz Jr. gestreut worden. Der Spanier ist bei Williams unzufrieden, warum dann nicht etwas Unruhe ins Paddock bringen? Er habe die Gerüchte auch mitbekommen, sagte Hülkenberg vergangene Woche in Belgien dazu und machte Sainz ein Jobangebot: „Der Platz als Ersatzfahrer wäre noch frei. Ich bezweifle aber, dass er daran interessiert ist“. Die Verträge von ihm und Bortoleto seien außerdem sehr klar: „Wir fangen gerade erst an.“Audi-Projektleiter und Teamchef Mattia Binotto klingt auch nicht so, als würde er an seinem Duo aus einem jungen und einem erfahrenen Piloten zweifeln – noch dazu einem deutschen Fahrer bei einem deutschen Rennstall. Dass der bisherige Teamchef Jonathan Wheatley („Wir wollen, dass Audi das erfolgreichste Team der Geschichte wird.“) im März überraschend gegangen ist, hatte schon genug Unruhe erzeugt. Hülkenberg, sagte Binotto neulich, sei sehr fokussiert und liefere konstant ab: „Er erweckt den Eindruck, als wäre er ein junger Fahrer, der noch viele Jahre vor sich hat.“Und wie beharrlich Nico Hülkenberg auf ein Ziel hinarbeiten kann, hat er schon bewiesen. 238 Grand Prix musste er fahren, bis er vergangenes Jahr in Silverstone bei seinem 239. Versuch als Dritter endlich auf dem Podium stand – mit einem Rennwagen von Sauber, das sich schon in der Transformation zu Audi befand.