Wie Falter im Licht: Models nach der YSL-Show im Juni 2023 in BerlinQuelle: Jose Cuevas for YSL SS 2024Was geschieht, wenn der Traum vom mühelosen Aufstieg sich entzaubert? In seinem neuen Roman „In die Sonne fliegen“ beschreibt WELT-Autor Adriano Sack die Versprechen und Abgründe der Modewelt. Ein Vorabdruck.Globale Kampagnen, opulente Partys, berühmte Affären: Die fünf Freunde Felix, Merc, Genie, Kelly und Fox sind in rasanten Schritten Modestars geworden. Wir befinden uns im Herbst des Jahres 2017, vor Corona, Merkel ist Kanzlerin, in der Mode sind Diversität, Inklusion und kreative Freiheit die großen Themen. Doch auch in dieser heiteren Welt sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen. Fox ist als Chefredakteurin eines Modemagazins – die erste Transfrau in diesem Job – zu einem Parfüm-Launch in einem englischen Schloss eingeladen worden. Am frühen Morgen trifft sie den gefeierten Designer der Marke Santini, der ihr sein Herz ausschüttet.Am nächsten Morgen nieselte es auf das weite Grün. Im Haus war es noch still, nur das diskrete Geklapper der Frühstücksgarde war zu hören. Fox dankte sich selbst, dass sie beim Packen an alles gedacht hatte, zog ihre Trekking-Schuhe mit den technogelben Senkeln an und machte sich auf den Weg. An dem Mäuerchen, das die Hotelterrasse abschloss, stand Dante Tommasi, den sie das erste Mal in Siracusa gesehen hatte. Er trug die Capsule Collection, die Santini mit der Outdoormarke Arc’teryx produziert hatte, sein Goretex-Mantel mit dem Schneeleopardenprint reichte fast bis zum Boden und ließ ihn aussehen wie den Priester einer archaischen Sekte. Davon abgesehen schien er völlig entspannt und bei sich zu sein. In der morgendlichen Kühle war sein Atem zu sehen, und er reagierte nicht, als Fox sich neben ihn stellte. Sie überlegte schon, ob sie sich zurückziehen solle, und knirschte versuchsweise mit den Schuhen im Kies.Lesen Sie auchSeine Stimme war heiser, sein Englisch schüchtern, aber die Worte fehlten ihm nicht. „Capability Brown. Was für ein Name. Und was für ein Genie“, sagte er. „Stell dir das vor, Fox. Sein Werk hat den englischen Landschaftsgarten begründet. Er hat Parks entworfen, die erst lange nach seinem Tod die Form annahmen, die er für sie vorgesehen hatte. Diese Bescheidenheit und diese Anmaßung. Was wir dagegen machen, ist flüchtig wie das Leben einer im Herbst geborenen Biene. Wusstest du, dass ich Gartenarchitekt werden wollte? Meine Mutter hat es verboten, weil man damit in Italien kein Geld verdient. Unsere Gärten sind seit Jahrhunderten vollendet. Jetzt wuchern sie entweder zu oder werden für Oligarchenhochzeiten aufgeputzt.“ Tommasi berührte ganz leicht ihre Schulter, ließ sie stehen und kam bald mit zwei großen Bechern Kaffee zurück. „Ich muss nachher mit dem schrecklichen Premierminister Mittag essen. Der teilt jeden transphoben Post von der Rowling und verkleidet sich für Halloween als einer der Kobolde, die die Zauberbank leiten. Antisemit ist er also auch noch. Damit ich das durchstehe, muss ich noch mal Kraft tanken. Capability Brown wollte begehbare Gemälde erschaffen. Tun wir ihm den Gefallen und gehen ein Stück.“Der Boden war vom nächtlichen Regen aufgeweicht, Fox spürte die Kälte in ihre Füße kriechen. Erst stiefelten sie schweigend nebeneinanderher, sprangen über Pfützen und betrachteten die Gänse, die schreiend den grauen Himmel durchschnitten auf ihrem Weg in den Süden. Tommasi wollte alles über sie wissen: Wo sie aufgewachsen war, wovon sie geträumt hatte, ob das Leben ohne Penis einfacher war.Lesen Sie auchUnd was ihr Ziel war. Denn Modejournalismus, bei diesem Wort verzog Tommasi den Mund wie beim Biss in eine Zitrone, konnte es ja unmöglich sein. Fox hatte ihn schon mehrfach getroffen und gestaunt, wie unerbittlich seine Mitarbeiter ihn normalerweise abschirmten. Vor einem Abendessen hatte sie in einem Briefing mitgeteilt bekommen, welche Themen auf keinen Fall angeschnitten werden dürften (die italienischen Rechtspopulisten, sexuelle Präferenzen, Giorgio Armani) und dass Tommasi auf Fotos bitte stets in der Mitte zu platzieren sei. Sie hatte sich an die Anweisungen gehalten, aber wunderte sich über den Widerspruch zwischen diesen Verboten und der Freiheit seiner Entwürfe. Während sie durch den Park spazierten, kam ihr die Mode vor wie eine Perlenkette gebrochener Versprechen.Lesen Sie auch„Wusstest du immer schon, was du werden wolltest?“, fragte sie. Tommasi atmete tief ein und schaute mit zusammengekniffenen Augen in den Wolkenhimmel, durch den sich ein paar Sonnenstrahlen gekämpft hatten. „Das ist eine dieser Interviewfragen, die mein Team so liebt: Ich kann dann von meinen extravaganten Großtanten in den römischen Palazzi erzählen und von den italienischen Schlagersängerinnen der 70er-Jahre. Tatsächlich wusste ich lange überhaupt nichts. Nicht, was ich werden wollte; nicht, warum ich so einsam war; nicht, warum die Körper der anderen Jungs länger und härter wurden und meiner so weich blieb. Mein Vater konnte mich nur mit gerunzelter Stirn betrachten. Er war nicht böse oder gemein, wie andere Väter seiner Generation. Er machte sich Sorgen und ließ nichts unversucht. Beim ersten Fußballtraining brach ich mir das Steißbein. Die Computerspiele verkaufte ich an meine Klassenkameraden. Und die Romane, die er mir gab, verstand ich nicht und tat nur so, als hätte ich Hemingway oder Calvino gelesen. Dabei bevorzugte ich Frank Herbert und Tolkien, denn ich wollte so weit wie möglich weg von zu Hause. Lesen Sie auchNatürlich durchschaute er mich, aber ließ es auf sich beruhen. An einem Sonntag beim Frühstück verkündete er, ich sei nun alt genug für die Kapitolinischen Museen. Und an diesem Tag begann mein Leben. Vor den antiken Statuen spürte ich zum ersten Mal sexuelle Erregung. Ich wollte den Marmor berühren, die Männer sollten sich bewegen, mich anfassen, mich beherrschen. Mit einer Klarheit, die mir damals noch fremd war, dachte ich, dass sie meine Superhelden waren. Sie kannten keine Sünde und keine Gnade, sie hatten eine Kraft, die Jahrtausende überdauerte. Sie waren Götter und Anti-Götter zugleich. Ich war besessen von ihnen. Bald kannte ich ihre Namen und studierte ihre Affären. Bei ihnen war alles möglich und erlaubt: Frauen mit Männern, Männer mit Männern, Menschen mit Tieren, Götter mit Menschen. Immer wieder besuchte ich den sterbenden Gallier in dem Museum. Und jedes Mal rührte er mich zu Tränen. Weil er nicht mehr zu retten war, weil sein Rücken so bezaubernd war – und für mich so unerreichbar. Ein anderer meiner Lieblinge war der Faun. Das Zwitterwesen mit den rundlichen Hüften, der Frauenbrust und dem Schwänzchen. Er schien die ganze Erhabenheit, die Kaiser und Philosophen in den Nachbarsälen zu verspotten. Ein komischer kleiner Kerl, aber mit einer Sprengkraft, die für ein Universum reichte.“Dante Tommasi zwinkerte Fox zu. „Kannst du noch? An dieser Stelle schlafen meine Therapeuten meistens ein.“ Doch Fox war gar nicht auf die Idee gekommen, Langeweile zu verspüren. Sie fühlte sich, als wäre sie mit Tommasi in eine Zwischenwelt geraten, in welcher Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart eins waren. Sie hatte auf der Fahrt die Anlage genau studiert und schlug nun vor, das Labyrinth zu besichtigen. Es galt als eines der schwierigsten Großbritanniens, und die Herkulesstatue in seinem Zentrum war in jedem Reiseführer abgebildet. Angeblich waren unter seiner Keule vier Stammhalter der Floralshires gezeugt worden – und einer ermordet.Lesen Sie auch„Die Idee des Labyrinths ist die Basis meiner Arbeit. Ich fühle mich wie der Junge in Shining, der im Schnee rückwärts läuft, um das Ungeheuer zu täuschen.“„Aber dir liegt doch die Welt zu Füßen. Wer ist hinter dir her?“„Mir liegt die Welt zu Füßen, weil die Zahlen so gut sind. Dann und nur dann ist kein Wunsch zu extravagant oder zu teuer. Ich kann mir jeden Popstar und jede Hollywood-Diva in die erste Reihe setzen lassen. Ich kann meine Shows an den schönsten Orten zeigen, die die Menschheit erschaffen hat: die Pyramiden in Ägypten oder Yucatán, das Niterói-Museum von Oscar Niemeyer in Rio de Janeiro, der Palazzo Pitti in Florenz mit dem Corridoio Vasariano, in dem ausschließlich Selbstporträts der Großen Meister hängen. Mein Atelier ist eine ehemalige Kapelle mit einem Altar aus der Frührenaissance, da stehen Bilder von Warhol und Twombly, die ich noch nicht einmal ausgepackt habe, was wohl der Gipfel der Dekadenz und Undankbarkeit ist. Und immer eine Schale mit frischen Bergamotten aus der Gegend um Fiumefreddo am Ätna, weil ich den Duft so liebe. Dabei habe ich diesen Luxus und diese Maßlosigkeit nie gesucht. Am wohlsten fühle ich mich mit meinen Freunden bei einem Teller Pasta Cacio e Pepe in einer dieser römischen Trattorien, die sich seit Jahrzehnten nicht verändert haben und nur drei Gerichte beherrschen, diese aber in Perfektion. Ich war glücklich, als ich bei Santini für meine blutleere Vorgängerin die Accessoires entwerfen durfte. Auch das war viel Arbeit, aber ich konnte in ihrem Schatten bleiben; allein mit meinem Team und meinen Träumen von Mode, die ich für unerfüllbar hielt und deshalb umso mehr liebte. Als der Anruf des neuen CEO kam, habe ich gezittert vor Aufregung. Ich dachte, dass er gar nicht wusste, wer ich war – dabei hatte er mich die ganze Zeit genau beobachtet, Pläne geschmiedet und auf die Gelegenheit gewartet. Dann hatte er den Kampf ums Unternehmen gewonnen und setzte auf mich wie auf ein Rennpferd. Und wie bin ich losgerannt!Drei Jahre später und mit verdoppeltem Umsatz sieht es aus, als wäre das damals eine geniale strategische Entscheidung gewesen. Dabei war es eine Wette mit maximalem Einsatz. Man soll sich vor seinen erhörten Gebeten hüten, hat Truman Capote gesagt. Das gilt in der Mode vielleicht in besonderem Maße. Weißt du, wann die Kritiker und die Einkäufer zu murren begannen, dass ich mich wiederhole und mir nichts Neues mehr einfalle? Schon nach der zweiten Kollektion. Die Hälfte im Unternehmen hasst die Klamotten, die ich mache. Aber die Umsatzzahlen machen mich unangreifbar. Heimlich jedoch wetzen sie ihre Messer und bereiten den Umsturz vor. Sie lächeln und lauern. Bis er dann unweigerlich kommt, der Moment, wenn sich die Welt totgesehen hat an meiner sogenannten Vision. Zwei Quartale schwächeres Wachstum, dann stechen sie zu. Lesen Sie auchDeswegen sind die meisten meiner Kollegen unglücklich und krank. Kokain, Magersucht, Selbstmorde und wirklich alle auf Beruhigungstabletten. Um Mode zu machen, brauchst du eine besondere Durchlässigkeit, eine dünnere Haut. Sie zieht die Gefährdeten an. John hat sich schon nach seinen allerersten Kollektionen tagelang im Atelier eingeschlossen, um den Verstand gesoffen und immer wieder das Video von seiner Show angesehen. Der war von Anfang an ein Wrack. Jeder hat das gesehen, keinen hat es gestört. Die Zarten und Empfindsamen werden gelockt mit dem Versprechen, dass der Erfolg sie erlöse. Dass er Trauma, Schmerz und Panik vergessen lasse. Und dann werden diese Blumen ausgequetscht, bis sie ihre Karrieren zerstören – oder gleich sich selbst. Das sind dann nicht etwa tragische Unfälle und Einzelfälle, sondern unvermeidliche Kollateralschäden. Eingepreist und völlig egal. Natürlich durchschauen wir Designer das, trotzdem vermögen wir uns nicht davor zu schützen. Das ist ja gerade unsere Krankheit: Wir sehnen uns nach Schönheit und Bestrafung.“Tommasi erschrak, als in seinem Mantel die Melodie von „Parole, Parole“ ertönte. „Das ist das Notfallklingeln. Wie spät ist es? Heilige Jungfrau! 11.45?“Fox konnte die Stimme am anderen Ende mithören, vielleicht hatte der Designer aus Schuldbewusstsein auf laut gestellt. Er musste in einer Dreiviertelstunde bei dem Ministerpräsidenten sein und auf keinen Fall in Arc’teryx-Klamotten, denn das Branding musste stimmen. Das war unmöglich zu schaffen, das war eine Katastrophe, wie hatte er so leichtfertig sein können, wo war er überhaupt? Nach drei hektischen Minuten gab es einen Plan. Tommasi solle bleiben, wo er war, und sich auf keinen Fall in den Gängen des Labyrinths verirren. Ein Hubschrauber war auf dem Weg. Fox konnte das Lächeln des Designers nicht deuten. „Egal wie hoch du fliegst, wirklich frei bist du nie“, sagte Dante Tommasi. „Unser Leben besteht in der ständigen Furcht, zu spät zur Schule zu kommen. Nur die Lösungen werden mitunter luxuriöser.“Rasend näherte sich der Lärm, aus den Buchenhecken stoben zwei Blaumeisen auf. Da die Maschine nicht landen konnte, wurde ein Mann in Special-Forces-Uniform heruntergelassen. Er schnallte den nervös kichernden Tommasi in die Tragegurte und reckte seinen Daumen zur Hubschrauberbesatzung. Die Schneeleoparden auf dem Mantel flatterten im Rotorensturm, der zwischen den Welten schwebende Modedesigner hielt die Arme weit ausgebreitet. Für Fox sah es aus, als würde er den Park von Floralshire House segnen.„In die Sonne fliegen“ von Adriano Sack erscheint am 28. Juli bei Nagel & Kimche.
„In die Sonne fliegen“: Vorabdruck aus dem neuen Roman von Adriano Sack über die Modewelt - WELT
Was geschieht, wenn der Traum vom mühelosen Aufstieg sich entzaubert? In seinem neuen Roman „In die Sonne fliegen“ beschreibt WELT-Autor Adriano Sack die Versprechen und Abgründe der Modewelt. Ein Vorabdruck.








