Vier Einschläge auf der Landebahn, ein brennender Öltanker vor Saudiarabien: Mit dem Angriff auf den Flughafen von Sanaa begann die Eskalation in Jemen. Eine Videoanalyse des Osint-Teams der NZZ rekonstruiert, wer hinter der Attacke steckt.26.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenAls ein jemenitisches Fernsehteam am 13. Juli zum Flughafen von Sanaa fährt, erwartet es die Ankunft einer Delegation. An Bord der Maschine der iranischen Fluggesellschaft Mahan Air befindet sich eine Gesandtschaft der Huthi-Miliz. Tage zuvor hatte sie am Begräbnis von Irans Oberstem Führer Ali Khamenei teilgenommen. Der Flughafen von Sanaa wird, wie die Hauptstadt selbst, von der islamistischen Miliz beherrscht. Sie ist mit Iran verbündet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch statt eines Flugzeugs kommen vor den Augen der Journalisten plötzlich Lenkwaffen vom Himmel. Vier Sprengkörper schlagen vor laufender Kamera ein, zielgenau auf Start- und Landebahn. Der Kameramann versucht, den Explosionsgeräuschen zu folgen, schwenkt ruckartig von rechts nach links und wieder zurück.X / TV AlmasirahWährend Rauchsäulen über dem Rollfeld in Sanaa aufsteigen, dreht das iranische Flugzeug ab und landet in Hodeida. Für die Huthi ist der Fall schnell klar: Verantwortlich für den Angriff ist Saudiarabien. Bis 2022 hatte das Königreich im Verbund anderen arabischen Ländern die Huthi-Milizen bombardiert. Seither gilt eigentlich eine Waffenruhe.Die EskalationAls Reaktion verkündet die jemenitische Miliz, die Meerenge Bab al-Mandab für saudische Tanker zu sperren. Am Donnerstagmorgen verbreitet sich die Nachricht, der saudische Tanker «Encelia» stehe vor der Küste Saudiarabiens in Flammen. Der Ölpreis, durch den Iran-Krieg ohnehin schon hoch, steigt kurzzeitig auf über 100 Dollar pro Barrel. Nach der Strasse von Hormuz droht damit die zweite Meerenge an der Arabischen Halbinsel unpassierbar zu werden.Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Eskalation, die am Flughafen Sanaa begann. Die Angriffe mögen nicht der einzige Grund der Ölblockade sein, sicher aber waren sie ein Auslöser. Wer zeichnet dafür verantwortlich?Das Osint-Team der NZZ hat Fotos, Videos und Satellitenbilder der Ereignisse ausgewertet und die Aufnahmen mit Experten für Kampfmittel und Luftkriegsführung analysiert.Die EinschlägeWas sich im Video aus Sanaa nur erahnen lässt: Der Flughafen ist längst ein Flickenteppich von Kratern. Schon vor dem Angriff stehen ausgebrannte Flugzeugwracks auf dem Vorfeld, von vielen Gebäuden sind nur Gerippe übrig. Seit Jahren wird der Flughafen gezielt angegriffen, zuletzt im Mai 2025, als die israelische Luftwaffe das Gelände bombardierte.An jenem 13. Juli kommen vier weitere Krater hinzu. Sie machen die Landebahn in Sanaa praktisch unbenutzbar, wie ein Satellitenbild der Firma Vantor vom Tag nach dem Angriff zeigt.Die SelbstbezichtigungNach den Angriffen veröffentlicht das jemenitische Staatsfernsehen ein Video: Es zeigt vier Starts von Kampfflugzeugen des Typs F-5E Tiger II, untermalt von patriotischen Kommentaren. Es gelte, die Souveränität des Landes zu bewahren, verkündet die Stimme aus dem Off. Es folgt ein Statement des jemenitischen Präsidenten, dann ein Schnitt: vier Einschläge im Flughafen Sanaa. Das Staatsfernsehen untersteht der Regierung Jemens.Ausschnitt aus dem Video von Yemen TV.X / Yemen TVVier Flugzeugstarts, vier bombenförmige Metallkörper unter dem Rumpf, vier Einschläge. Die Bilder suggerieren, dass genau diese Jets der jemenitischen Luftwaffe die Angriffe auf den von den Huthi kontrollierten Flughafen geflogen haben, mit dem, was sie an Waffen mit sich führen.Doch was die jemenitischen Luftwaffenjets unter dem Rumpf tragen, ist keine Bombe und kein Marschflugkörper. Es sind Zusatztanks, wie der Kampfmittelexperte Trevor Ball vom Beratungsunternehmen Armament Research Services (Ares) bestätigt. Ältere Bilder des gleichen Flugzeugtyps zeigen die typisch rundlich-längliche Form.Einen Hinweis auf die tatsächlichen Angreifer geben hingegen die Krater auf der Landebahn in Sanaa. Einsatzkräfte vor Ort fanden darin Metallfragmente. Laut Munitionsexperte Ball sind es Überreste einer sogenannten Storm Shadow. Der Marschflugkörper des europäischen Rüstungskonzerns MBDA wird von Flugzeugen abgeworfen. Er erlaubt es, Ziele über Hunderte Kilometer Entfernung zu treffen. Entwickelt wurde die ursprüngliche Version dazu, Landebahnen zu zerstören.Und da ist das Video der Angriffe selbst. Auch hier deuten mehrere Details darauf hin, dass in Sanaa Marschflugkörper vom Typ Storm Shadow einschlagen.Der VerantwortlicheNur ein halbes Dutzend Länder verfügt laut der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) über Marschflugkörper vom Typ Storm Shadow: Frankreich, Grossbritannien, Italien, Griechenland, die Vereinigten Arabischen Emirate – und Saudiarabien.Die Storm Shadow ist zudem nicht mit allen Flugzeugen kompatibel. Gebaut wurde sie, um von Nato-Kampfjets abgeworfen zu werden, etwa dem Eurofighter. Eines der Länder, die den Eurofighter nutzen, ist Saudiarabien.Der Munitionsexperte Trevor Ball sieht deshalb keinen Hinweis darauf, dass die jemenitische Regierung die Waffe eingesetzt haben könnte. «Das jemenitische Militär verfügt über keine Storm-Shadow-Marschflugkörper und auch nicht über die Ausrüstung, die es braucht, um sie einzusetzen», erklärt Ball.Technisch wäre es zwar möglich, andere Flugzeuge auf die Storm Shadow umzurüsten. Die Ukraine hat das bei ihren Su-24-Kampfbombern geschafft. Sie erhielt jedoch Unterstützung des Herstellers MBDA. Dass die jemenitische Regierung einen solchen Umbau selbst vorgenommen haben könnte, erscheint auch deshalb wenig plausibel, weil sie militärisch ohnehin von Saudiarabien unterstützt wird.Keines der Indizien beweist allein, wer den Angriff auf Sanaa geflogen hat. Doch die Metallteile in den Kratern, die Form und die Abmessungen der verwendeten Lenkwaffe sowie die militärischen Zusammenhänge weisen auf Saudiarabien hin. Die Fernsehbilder aus dem jemenitischen Staatsfernsehen können das nicht entkräften. Die NZZ hat die saudischen Streitkräfte um eine Stellungnahme zu den Ereignissen gebeten. Eine Antwort blieb bisher aus.Mitarbeit: Ida Götz.Passend zum Artikel
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