Reinhard Eyer war als Journalist und als Strahler ein Leben lang auf der Suche. Ein NachrufDer Mann, welcher der Schweiz am Radio fast vier Jahrzehnte lang das Wallis näherbrachte und im Strahlen seine Leidenschaft fand, ist 76-jährig gestorben.Marc Zollinger26.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie unkorrumpierbare Stimme aus dem Wallis: Insgesamt 36 Jahre lang hat Reinhard Eyer für das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) gearbeitet.Eugen Brigger«Gehe einfach einen Sommer lang in die Berge, dann wirst du schon fündig!» Diesen Rat gibt ihm der Berufsstrahler, über den Reinhard Eyer soeben eine Reportage für das Radio gemacht hat. Strahler suchen die Bergklüfte nach Kristallen ab – eine weit zurückreichende Tradition im Wallis, die am Aussterben ist. Der Radiomann verliebt sich während der Aufnahmen am Berg so sehr in diese Tätigkeit, dass auch er es versuchen will. Jede freie Minute verbringt er fortan in den einsamen Höhen, doch will sich ihm keiner dieser edlen Steine zeigen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das geschieht erst ganz am Ende jenes Sommers – und nicht dort, wo er gesucht hat: Eyer bearbeitet am Kaltwassergletscher einen Felsen so stark mit Hammer und Meissel, dass ihm die Hände bluten. In der Nähe befindet sich ein Rinnsal, in dem er sich das Blut abwaschen geht. Als seine Hände unter Wasser an einer merkwürdigen Gesteinsformation anstossen, schaut er genauer hin. Siehe da: ein Kristall!Reinhard Eyer wird 1950 in Naters geboren. Sein Vater arbeitet als Schreiner bei der Bahn. Die Mutter schaut zum Haushalt und zu den vier Kindern. Reini, wie ihn seine Freunde nennen, wächst in einem einfachen, liebenden Umfeld auf, in dem nur chronische finanzielle Sorgen die Harmonie stören können. Weil der Bub diese Ängste ungefiltert aufnimmt, verfolgen sie ihn ein Leben lang – grundlos: Sein kreativer Geist verschafft ihm stets alle notwendigen Ressourcen.Reinhard Eyer beendet die Matura als Bester seines Jahrgangs. Die stolzen Eltern möchten unbedingt einen Herrn Doktor in der Familie haben. Der Sohn will ihnen die Freude machen. Er versucht es zuerst mit Germanistik, dann mit Psychologie. Doch ist ihm alles zu kopfig und steril, ohne Herz. Er heuert bei der Schweizergarde in Rom an, hört nach einem halben Jahr wieder auf, weil so ein Querkopf wie er wenig mit militärischer Disziplin anfangen kann. Er nimmt sich ein Zimmer im Quartier Trastevere, wo in jenen Jahren das leichte Leben am intensivsten praktiziert wird. Ein halbes Jahr später geht er zurück in die Schweiz. In einem Dachzimmer in St. Gallen verbringt er die Nächte nun schreibend. Eyer möchte Schriftsteller werden. Doch am Ende jener Phase verbrennt er alles wieder. Nicht gut genug, so sein Verdikt.Der suchende junge Mann beginnt nun journalistische Texte zu verfassen, für den «Beobachter», die «Schweizer Illustrierte», den «Tages-Anzeiger» und andere. Dann erhält er vom «Walliser Volksfreund» den Auftrag, das Wochenmagazin «Spektrum» zu betreuen. Eyer schöpft aus dem Vollen, übertreibt es aber mit dem Titel für seine Reportage über den damaligen Bischof: «Ein Keuscher auf dem Bischofsstuhl». Die Zeitung fasst das als Provokation auf und lässt alle Hefte einstampfen, bevor sie in den Verkauf gelangen. Eyer rettet ein Bündel. Der Verleger hört davon und möchte die Exemplare zurückhaben. Weil der junge Redaktor sich weigert, wird er entlassen.Eyer ist mit dabei, als das Schweizer Radio DRS ab Mitte 1978 die täglichen Regionaljournale entwickelt. Seine kernige und zugleich warme Dialektstimme, mit der er fortan über die Ereignisse im Wallis berichtet, wird zum Markenzeichen. In Brig, wo er sein Büro hat, läuft der schöne, elegante Mann Bücher lesend durch die Strassen. Eyer ist besessen davon, sich so viele Informationen wie möglich zu verschaffen. Seine Überzeugung: Nur wer ein grosses Wissen hat, kann Komplexität reduzieren. Seine journalistischen Beiträge macht er insgeheim für Menschen wie seine Eltern. Die einfachen Bergler sollen verstehen können, was in der Welt vorgeht.Als Reinhard Eyer nach 36 Jahren in Pension geht, gilt er als Walliser Urgestein. Die Menschen auf der Strasse feiern ihren «Reini». Eyer ist ein unkorrumpierbarer Zeitgenosse, der die vielen Erosionen im engen Tal dokumentiert hat. Angefangen beim Machtverlust der CVP, die anfangs noch über 60 Prozent der Stimmen auf sich vereinte. Bis hin zu den Naturkatastrophen: Brig, Münster, Gondo. Den Schmerz, den er gesehen hat, kann der feinfühlige Journalist nie richtig verdauen.In den zehn Jahren nach der Pension widmet er sich seinen Vorlieben, für die er vorher zu wenig Zeit hatte: Er wird Präsident des Kunstvereins Oberwallis, unterrichtet Baguazhang, eine chinesische Kampfkunst, die auf kreisförmigen Bewegungen beruht. Er baut in Naters ein Strahlermuseum auf und geht, sooft er kann, in die Berge. Auf der Jagd nach Bergkristallen kommt er «zu sich», wie er sagt. Dabei geht es ihm weniger ums Finden als darum, auf der Suche zu bleiben. Eyer hat stets zwei Bergkristalle in der Tasche. Einen, den er verschenken kann. Und einen, den er immer wieder in die Hände nimmt und anschaut.Als in diesem Frühjahr der Prostatakrebs stark zu wachsen beginnt, reduziert sich Eyers Radius drastisch: von den Bergen auf das Haus, den oberen Stock, das Zimmer, das Bett. Seine Frau Denise, eine erfolgreiche Künstlerin, und die drei Kinder kümmern sich um ihn. Die letzte Nacht legt sich seine Frau zu ihm ins Bett. Als sie ihn am nächsten Morgen findet, liegt ein feines Lächeln auf seinem Gesicht – als hätte er am Ende doch noch gefunden. Nur eben nicht dort, wo er sein Leben lang gesucht hat.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Der Radiomann Reinhard Eyer war stets auf der Suche, als Walliser Journalist und Strahler
Der Mann, welcher der Schweiz am Radio fast vier Jahrzehnte lang das Wallis näherbrachte und im Strahlen seine Leidenschaft fand, ist 76-jährig gestorben.






