Da wird man jahrelang begafft und belästigt, und dann – puff! – existiert man nicht mehr. Aber ist das so schlimm?Wenn nun auch die Kosmetikindustrie mit dem Topos weiblicher Unsichtbarkeit nach der Menopause zu werben beginnt, zeigt das, dass er wohl beerdigt werden muss.26.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDas allmähliche Verblassen in der zweiten Lebenshälfte: Ein Thema, das viele Frauen beschäftigt.Richard Ellis / ImagoSitzen ein paar Frauen über fünfzig zusammen, kann man eigentlich darauf wetten, dass irgendwann der folgende Satz fällt: «Irgendwie wird man einfach unsichtbar.» Begleitet wurde er an diesem Abend, wie meistens, von raunendem Kopfnicken, einem kollektiven Seufzen und einer Welle des geteilten Selbstmitleids, ohne dass wirklich definiert wurde, was «unsichtbar» denn genau bedeutet: Ist es der männliche Blick, die unbotmässige Anmache, die nun plötzlich vermisst statt verdammt wird? Ist es ein gefühlter Bedeutungsverlust, der moniert wird? Oder hätte man einfach gern einmal wieder etwas mehr Aufmerksamkeit?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wie auch immer: Die Unsichtbarkeit der Frau ab der Lebensmitte ist zu einem gesellschaftlichen Topos geworden, genau wie der des alten weissen Mannes. Beide werden so selbstverständlich über jede Geschlechter- oder Altersdebatte gestreut wie Käse über die Pasta. Leider werten sie – anders als gut gereifter Parmesan – das Servierte nicht auf.Wenn ich die Klage über die weibliche Unsichtbarkeit in dieser Kolumne nun gar zum Hauptgericht mache, dann nur, weil daraus mittlerweile ein profitables Geschäftsmodell entstanden ist: In der neuen Kampagne des Kosmetikherstellers L’Oréal reden offensichtlich gut bezahlte (und alles andere als unsichtbare) Markenbotschafterinnen über das gesellschaftliche Verschwinden der Frauen jenseits der Menopause. Unter ihnen sind die deutsche Schauspielerin Iris Berben oder der Hollywoodstar Gillian Anderson. Letztere bringt das Unbehagen der Frauen wie folgt auf den Punkt: «Ich weiss, es klingt wie der überraschende Twist in einem Hollywood-Plot, aber es ist ganz normaler Alltag: Da wird man jahrelang begafft, auf der Strasse mit Blicken vermessen, man wird ausgepfiffen, belästigt gar, und dann – puff! – existiert man nicht mehr.» Die Altersdiskriminierung sei überall, so fährt Anderson fort, doch sie selber werde nicht verschwinden. Enden tut die Aufklärung in Sachen Altern mit dem Satz, mit dem jeder Werbespot für L’Oréal endet: «Weil ich es mir wert bin.»Spätestens wenn eine derart emanzipative Ansprache zum Marketing-Slogan für ein Massenprodukt verkommt, muss man aufhorchen. Deshalb spulen wir hier ein halbes Jahrhundert zurück in die siebziger Jahre, als die einflussreiche amerikanische Essayistin Susan Sontag in ihrem Beitrag «The Double Standard of Aging» die Doppelmoral des Alterns monierte und den Topos der Unsichtbarkeit formulierte: Der Grossteil der Frauen war damals verheiratet, nicht berufstätig, finanziell abhängig und – zumindest in der Schweiz – noch nicht einmal stimmberechtigt oder in allen Belangen geschäftsfähig. Kommt dazu, dass sie in der Minderheit waren. Die Alterspyramide verdiente ihren Namen damals noch, und auf jede über 50-jährige Person kamen zwei unter 30-Jährige.Heute ist es umgekehrt. Es gibt nur noch halb so viele 30-Jährige wie 50-Jährige. Aber auch sonst ist alles anders: Nie zuvor war die Alterskohorte der Frauen in ihren Fünfzigern so gut gebildet, finanziell so unabhängig und so einflussreich wie heute. Von wegen unsichtbar.Ja, das Altern nimmt einem am Ende niemand ab. Aber es macht einen gigantischen Unterschied, ob man es als isolierte Hausfrau erlebt, umzingelt von jugendlichen Menschen mit rosiger Gesichtshaut, oder zusammen mit einer Masse ebenso alternder Menschen: Die Frauen der Generation X verblassen nicht leise am Herd, sie stehen mitten im Raum – und das mit vollem Portemonnaie.Wenn sie sich dennoch unsichtbar wähnen, dann womöglich gerade deshalb, weil das weibliche Verschwinden nicht nur das gesellschaftliche Thema der Stunde ist, sondern auch das, was Michel Foucault als Verschiebung eines «Machtdispositivs» bezeichnen würde. Der französische Philosoph definierte Macht nicht einfach als etwas, was von oben durchgesetzt, sondern ebenso durch gesellschaftliche Normen und kollektive Verhaltensweisen aufrechterhalten wird. Der männliche Blick auf die junge Frau war nie bloss Bewunderung, er war stets auch Anspruch und Kontrolle.Was Frauen kollektiv bedauern, ist nach Foucaults Logik in Wahrheit nicht weniger als ein Entkommen aus der disziplinierenden Macht der Schönheitsideale. Statt Unsichtbarkeit zu beklagen, könnte man sie also auch begrüssen. Keine hat das pointierter formuliert als die für ihren bissigen Humor bekannte amerikanische Autorin Fran Lebowitz: Als sie in einem Interview gefragt wurde, was sie am Älterwerden schätze, sagte sie wie aus der Pistole geschossen: «Die Tatsache, dass man nicht mehr von jedem Deppen angesprochen wird.»Nicole Althaus ist Autorin und Kolumnistin bei der «NZZ am Sonntag».Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Jenseits der Menopause: Warum Unsichtbarkeit auch Befreiung sein kann
Wenn nun auch die Kosmetikindustrie mit dem Topos weiblicher Unsichtbarkeit nach der Menopause zu werben beginnt, zeigt das, dass er wohl beerdigt werden muss.









