Kann Chelsea den Erfolg kaufen? Die Rekordsumme für Morgan Rogers zeigt, wie der Klub prasstMit dem neuen Trainer Xabi Alonso greift der Premier-League-Verein an. Dafür lässt er auch kolossale 127 Millionen für den englischen Nationalspieler springen.Sven Haist26.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAn der WM in sieben Spielen von acht für England im Einsatz: Morgan Rogers wird von Jude Bellingham geherzt.ImagoHohe Ablösesummen haben den Chelsea FC noch nie abgeschreckt. Schon unter dem russischen Oligarchen Roman Abramowitsch als früherem Besitzer zählte der englische Spitzenverein zu den finanzstärksten Akteuren der Fu­ssballwelt. Das hat sich unter der seit Mai 2022 amtierenden Investorengruppe um die einflussreichen Mitbesitzer Todd Boehly und Behdad Eghbali nicht geändert. Dazu passt Boehlys Verständnis von Spielertransfers: Diese seien keine «Ausgabe», sondern ein «Investment», erklärte der Vereinschef vor zwei Jahren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Chelseas Einkaufspolitik brachte Boehly ein zwiespältiges Lob eines Rivalen ein. Chelsea sei «unser bester Kunde», witzelte Paul Barber, CEO von Brighton & Hove Albion. Sein Klub kassierte von den Londonern in den vergangenen vier Jahren rund eine Viertelmilliarde Pfund für vier Spieler. Zwar hat Chelsea bisher oft die von den Klubverantwortlichen umworbenen Profis erhalten. Dabei entstand jedoch zugleich der Eindruck, dass Boehly und Eghbali die Deals regelmässig überbezahlen. Auch bei Morgan Rogers scheint nun wieder beides der Fall zu sein.Der englische Nationalspieler galt als Wunschkandidat des Premier-League-Meisters Arsenal, bis Chelsea dem Vernehmen nach kurzerhand intervenierte und sich die Dienste des offensiven Mittelfeldmanns von Aston Villa sicherte – für den kolossal anmutenden Betrag von gut 127 Millionen Franken. Die Summe besitzt Symbolkraft: Rogers ist damit der kostspieligste englische Fussballer der Historie; exakt eine Million teurer als sein Nationalmannschaftskollege Elliot Anderson, für den Manchester City rund 126 Millionen an Nottingham Forest überweist. Der Wechsel ist während der Weltmeisterschaft in Nordamerika ausgehandelt worden.Antrittsgeschenk für Xabi AlonsoAngesichts der Preisexplosion auf dem Transfermarkt könnten Jude Bellingham, Harry Kane und Declan Rice – für die Real Madrid beziehungsweise der FC Bayern und Arsenal einst ebenfalls jeweils um die knapp 109 Millionen Franken ausgaben – zu Recht damit rechnen, bei einem Wechsel heute noch höhere Summen zu erzielen. An der Spitze der Premier League bleibt vorerst der Schwede Alexander Isak, der vor einem Jahr für 136 Millionen Franken von Newcastle zu Liverpool wechselte.Für Chelsea ist die Verpflichtung von Rogers, der am Sonntag seinen 24. Geburtstag feiert, der dritte Transfer für mindestens 100 Mi­ll­io­nen Pfund. Bereits 2023 wechselten der argentinische Vizeweltmeister Enzo Fernández und der Ecuadorianer Moisés Caicedo zum Klub. Kein anderer Fussballverein weltweit hat so viele Spieler für eine Ablösung in dreistelliger Millionenhöhe geholt.Der Kraftakt soll im Verein für den dringend benötigten frischen Wind nach der enttäuschenden vergangenen Saison sorgen, in der sich die Blues nicht einmal für den Europacup qualifizieren konnten. Er signalisiert, dass Chelsea neu angreift. Rogers war zuletzt der wichtigste Spieler des Europa-League-Champions Aston Villa und sorgte bei der WM mit England für Aufsehen, als er im Halbfinal gegen Argentinien (1:2) den Führungstreffer vorbereitete.Rogers’ Zusage wirkt wie ein Antrittsgeschenk für den neuen Trainer Xabi Alonso, der zu Monatsbeginn seine bis 2030 angelegte Tätigkeit an der Stamford Bridge begann. Mit seiner Variabilität passt Rogers zum taktisch flexiblen Fussball des Basken, er kann offensiv mehrere Positionen ausfüllen. Bei Aston Villa wurde er häufig als Spielmacher eingesetzt. In den vergangenen zweieinhalb Jahren kam er auf 40 Torbeteiligungen in 85 Ligaspielen. Villa hatte ihn beim Zweitligisten Middlesbrough entdeckt. In seiner Jugend hatte Rogers für West Bromwich Albion gespielt, danach konnte er sich bei den Profis von Manchester City nicht durchsetzen und wurde verliehen.Nach einer enttäuschenden Saison probt Chelsea den Neustart mit Xabi Alonso.i Försterling / ImagoDa die Trainer kaum Einfluss auf die Kaderzusammenstellung hatten und die sportliche Führung auf fünf Personen verteilt ist, wirkten die Transfers bei Chelsea in der Vergangenheit oft wenig zielgerichtet. Boehly erzählte einst die Anekdote, er habe anfangs als Interimssportdirektor fungiert – ohne zu wissen, woran ein guter Fussballer zu erkennen ist, wie er selbst einräumte. Dennoch holte er den Spanier Marc Cucurella von Brighton & Hove Albion. Auf Cucurella, der jüngst zu Real Madrid wechselte, war Boehly einzig durch das Interesse des Konkurrenten Manchester City aufmerksam geworden. «Wenn die ihn wollen, will ich ihn auch», sagte er.Mit Alonso, 44, passt Chelsea die eigenen Prinzipien an. Anders wäre der renommierte Trainer, der Bayer Leverkusen in der Saison 2023/24 ohne Niederlage zur Deutschen Meisterschaft und dem Cup-Sieg führte, nicht zu haben gewesen. Bei seiner Vorstellung betonte Alonso ausdrücklich, ein Team aufbauen zu wollen, das «dauerhaft auf höchstem Niveau konkurrenzfähig ist und um Titel mitspielt» – und nahm dabei seine Vorgesetzten in die Pflicht. Er teile mit Besitzern und Sportdirektoren die «gleiche Ambition», stellte er klar.Bis jetzt kommt der Klub den Wünschen des Trainers entgegen. So liessen sich zumindest auch die Spekulationen um einen Wechsel des Schweizer Captains Granit Xhaka, 33, vom Sunderland AFC erklären. Chelsea scheiterte allerdings mit einem einstelligen Millionenangebot. Xhaka, der sich nach seiner gemeinsamen Zeit mit Alonso in Leverkusen für eine weitere Zusammenarbeit offen gezeigt hatte, betonte daraufhin, in Sunderland bleiben zu wollen. Nur wenn Chelsea deutlich nachbesserte, könnte sich möglicherweise eine weitere Kehrtwende ergeben.Chelsea will mehr erfahrene SpielerMit dem Morgan-Rogers-Transfer hat Chelsea unter Boehly und Eghbali inzwischen knapp 2 Milliarden Pfund Ablösesumme ausgegeben. Die Hälfte davon wurde durch Spielerverkäufe wieder eingenommen. Dabei nutzt der Klub lange Vertragslaufzeiten – im Fall von Rogers bis 2033 –, um die Summen kontinuierlich abzuschreiben, während Erlöse aus Verkäufen sofort vollständig verbucht werden. Bis jetzt kann Chelsea die Regeln des «Financial Fairplay» ohne drastische Strafen einhalten. So ist davon auszugehen, dass der Klub im Transfergeschäft weiterhin aktiv bleiben wird – denn Todd Boehly sagte einst auch, er sei überzeugt, dass seine Verpflichtungen auf Dauer ihren Wert behalten würden.Trotz seinem noch jungen Alter hat sich Rogers bereits als einer der Spitzenspieler der Premier League etabliert, dem zugetraut wird, die Qualität jeder Mannschaft unmittelbar zu erhöhen. Infolgedessen entspricht er der Vorgabe von Eghbali, der während der schweren Krise seiner Blues im April ankündigte, künftig mehr «gestandene» Akteure zu akquirieren. Zuvor hatte Chelseas Management bis auf wenige Ausnahmen unmittelbar nach dem Besitzerwechsel nahezu ausschliesslich hochbegabte Talente unter Vertrag genommen. Der sportliche Erfolg blieb aber überschaubar, auch wenn sich Profis wie der Stürmer Cole Palmer als echte Verstärkungen erwiesen: Mehr als der Gewinn der Klub-WM und der Conference League (beide 2025) sprang nicht heraus; die beste Platzierung in der Liga ist der vierte Platz vor einem Jahr.Das führte zunehmend zu Unzufriedenheit – bei Spielern ebenso wie bei Trainern. Alonso ist bereits der sechste Chef­coach seit 2022. Kurz vor seiner Entlassung zu Jahresbeginn kritisierte der Coach Enzo Maresca, inzwischen Pep Guardiolas Nachfolger bei Manchester City, die Vereinsphilosophie: Es sei von «unschätzbarem Wert», wenn ein 30-jähriger Profi einem jungen Spieler seine Erfahrung weitergebe, sagte er. Chelsea ist der einzige Klub in der Premier League, der keinen Spieler dieses Alters im Kader hat.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel