Auf dem Wohnzimmertisch in der Wohnung in der Dresdner Altstadt stehen die Figuren aufgereiht, schwarz und weiß, schwer, mit satten Sockeln. Andrea Hafenstein nimmt einen Läufer in die Hand, wiegt ihn kurz, stellt ihn zurück. „Vorsicht, die Figuren fallen schnell und tun weh“, sagt sie und lacht. „Der König ist mir schon mal auf den Zeh gefallen. Ich kam in die Notaufnahme.“ Über der Anrichte im Flur reihen sich Pokale: Deutsche Meisterin im Blitzschach, Vizemeisterin im Schnellschach, Bundesligaspielerin seit mehr als dreißig Jahren.

Mit sechs Jahren fing sie mit dem königlichen Spiel an. Der Vater brachte es den sechs Kindern bei, vier Jungs, zwei Mädchen, in Lutherstadt-Wittenberg. Ihr erster Trainer war zugleich der Schuldirektor. „Das hatte Vor- und Nachteile“, erinnert sich Hafenstein. „Wenn du Scheiße gebaut hast, musstest du nicht zum Klassenlehrer, sondern gleich zum Schuldirektor.“ Der habe dann hinter verschlossener Tür laut geschimpft, damit die Sekretärin es hörte, und ihr anschließend einen Kakao gemacht. „Der war mein zweiter Vater.“

Sechs Wochen Sommerferien, jedes Wochenende ein Turnier, DDR-Meisterschaften, FDJ-Pokal. Später, viel später, in Hannover, wird ein Mediziner ihr sagen: „Ich möchte nicht behaupten, dass Schachspieler intelligenter sind. Aber sie denken anders.“ Andrea Hafenstein zieht die Augenbrauen hoch, wenn sie das zitiert. „Wir haben schon einen an der Klatsche“, schiebt sie nach und beginnt zu erzählen, was sie erleiden musste.