HX Expeditions taken by Timo HeinzDer kälteste, der windigste, der kargste Kontinent. Für die Antarktis gibt es anscheinend nur Superlative. Und doch versagen sie alle, sobald die ersten Eisberge auftauchen. Was bleibt?25.07.2026, 05.30 Uhr15 LeseminutenDie Antarktis ist schwarz. Verrostete Zisternen türmen sich in den Himmel, durch windschiefe Holzbaracken pfeift der Wind. Pinguinfedern wirbeln durch die Luft, die Tiere selbst liegen in einer Mulde in der Sonne, bewegungslos. Ein Rinnsal umspült alte Gräber im Vulkansand, die Namen der Toten sind längst verblasst. Zwei Seelöwen ringen schwerfällig miteinander, so als ob sie wüssten, dass sie gefilmt, dass sie bestaunt werden. Ein Japaner steigt ins Wasser, der alte Mann nimmt ein Bad im Südpolarmeer und planscht darin wie ein Kind. Die Erde dampft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der eiskalte, der unbewohnte, der weisse Kontinent?NZZDeception Island, diese hufeisenförmige Insel in der Bransfieldstrasse, auf den Karten der Welt manchmal nicht einmal als Punkt zu finden, sie fordert die Menschen heraus. Abertausende Kilometer sind sie geflogen, gefahren, geschippert. Tagelang, schaukelnd, mit Pflastern hinter den Ohren oder Medikamenten im Blut, die doch die Übelkeit, die verdammte, diese Reisekrankheit, wegzuzaubern imstande sind. Hierher sind sie aufgebrochen, aus Australien, aus Österreich, aus Mexiko, aus New York und Schanghai und London, in die Abgeschiedenheit der Welt, in die Stille, die Leere.Sie haben sich vorbereitet, mit Uni-Kursen samt einer hübschen Teilnehmerurkunde, sie haben medizinische Tests durchlaufen (das Herz muss pumpen, die Psyche stabil sein), sie haben sich beim Packen gefragt, wie dick denn die Jacke sein müsse, für die «Eiseskälte» im antarktischen Sommer, und wie stark die Sonnenbrille gegen die gleissenden Spiegelungen zu Wasser und zu Land.Nun gehen manche geradezu enttäuscht von Bord, wie passend der Name: Insel der Täuschung. Ein amerikanischer Robbenfänger-Kapitän taufte sie so, weil er herausfand, dass die als undurchdringlich wirkende Felswand im Gewässer gar nicht so undurchdringlich war. 1907 war schliesslich das erste Walfabrikschiff in diese Bucht gekommen, im Nordmeer waren da die Walfanggründe fast ausgeschöpft, die Erträge suchten erst die Norweger, später die Briten hier im Süden des Planeten.Es muss sich gelohnt haben. Die Maschinen, Öfen und Tanks, die auf Deception Island so wirken, als hätte sie ein Riese um sich geworfen, zeugen von der längst vergangenen Walfett-Euphorie am Beginn des 20. Jahrhunderts. Hier in der Walfängerbucht zeigt sich bis heute, wie weit Menschen für ihre Eroberungen gehen und was aus diesen Eroberungen wird: Ruinen, um die sich niemand mehr kümmert, mag da noch so sehr in internationalen Verträgen festgehalten sein, dass alles, was in die Antarktis gebracht wird, auch wieder mitgenommen werden muss. Das lernen auch die Touristen, die die Walfängerbucht als letzte Station ihrer Reise in die Eiswüste betreten. Kein Taschentuch darf hier fallen, keine sonstigen menschlichen Hinterlassenschaften dürfen liegen bleiben. Der Rucksack soll nicht auf dem Boden abgestellt werden, damit keine Krankheitserreger eingeschleppt werden. Die vom Reiseunternehmen gestellten Gummistiefel müssen vor und nach jedem Landgang in einer Spezialmaschine gereinigt werden.NZZMit Zodiacs, den Expeditionsschlauchbooten, lassen sich die Touristen an die Küste bringen, die schwarze, die rostrote, die braune, mit herumliegenden Walknochen und eingefallenen Hausdächern. Statt weisser Idylle heisse Quellen und Fumarolen. Statt bläulich leuchtender Eisberge hölzerne und metallene Trümmerteile auf dunklem Grund. Das ist offenbar nicht das, was einige der Touristen vom Expeditionsschiff, das sich gerade noch langsam durch den schmalen Durchlass im Kraterrund schob, pathetisch Neptuns Blasebalg genannt, erwartet haben. Warum so weit reisen, so viel Geld ausgeben, wenn es auch die Kanaren sein könnten?Grösser als die VorstellungDeception Island aber ist genau das, was die Antarktis ausmacht. Sie bricht Erwartungen, übertrifft Vorstellungen, verschlägt die Sprache. Sie lässt erstarren, rührt zu Tränen, fesselt stundenlang an einen Ort. Die Passagiere kleben regelrecht an den Fenstern des Schiffes, hängen an der Reling. Farben, Lichter, Tiere. Weite, alles zieht sie in den Bann. Es schaukelt.Tausend Meter hohe Berge ragen in den blauen Himmel, Eisberge schieben sich aneinander vorbei, Wale schwimmen so nah heran, dass der Eindruck entsteht, sie streicheln zu können. Die Pinguine gackern, als wären sie aufgescheuchte Hühner, und stinken wie ein Berg von Fischen, die Robben lassen sich im Wasser treiben. Es ist geradezu meditativ, dem Watschelgang der Pinguine, dieser neugierigen Tiere, zuzuschauen. «Nicht mehr als fünf Meter herangehen», rufen da die Guides. Doch Pinguine scheren sich nicht um menschliche Regeln. Sie rutschen bäuchlings den Schnee hinab und landen vor den Füssen der Touristen. Die beiden starren sich an, der Pinguin und der Mensch, minutenlang. Erst wenn der Pinguin weiterzieht, darf es der Mensch auch.NZZNZZEisschollen knistern wie brutzelndes Fett in der Pfanne, die abbrechenden Eiskanten krachen wie Artillerie in der Ferne. Der Mond leuchtet im schummrigen Licht, der Sonnenuntergang spiegelt sich im türkis leuchtenden Wasser. Es schneit. «Das ist keine KI, das ist Natur!», hämmert es im Kopf. Noch mehr Wale tauchen auf, sie tanzen geradezu im Sonnenuntergang. Alles scheint wie aufgehoben zu sein, die Zeit, der Raum.«Wer die Antarktis beschreiben kann, war nie da», sagt Björn Naess. Der 38-jährige Norweger von den Lofoten ist Kapitän der 140 Meter langen «Fridtjof Nansen». Das Expeditionsschiff der Reederei HX – als Hurtigruten einst norwegisch, mittlerweile von einem Konsortium mit Hauptsitz in London betrieben – bringt an die 400 Passagiere, die meisten aus China und den USA, von Ushuaia am südlichsten Zipfel Argentiniens ans antarktische Festland von Orne Harbour, am nördlichen Zipfel des Südpolargebiets, und wieder zurück. Auf der Karte ist die Route ein Klacks, in der Realität ein ziemlicher Akt.Zehn Tage lang manövriert Naess das Schiff mit Hybridantrieb und Eisbrecherbug, hält, dreht, wartet, bis alle Zodiacs zurückgekehrt sind und die Touristen sich mit ihren Plastikkarten wieder zurückgemeldet haben an Bord. Sie strahlen, als wohne das Glück hier, zwischen dem azurblau schimmernden Wasser und den löchrigen Eisbergen, auf dem Rücken der Buckelwale oder hinter dem Schnabel der Eselspinguine. 24 Mal hat Naess das schon gemacht. Acht Fahrten pro Saison. Es ist seine dritte. «Nie sieht es hier gleich aus, manchmal ändert sich die Landschaft innerhalb von Minuten. Das ist das Faszinierende, das Unbeschreibliche.»Nicht das grössere SchöneDie Antarktis, sie nimmt die Worte. Nimmt die Stimme. Ein Moment des Erschauderns. Was ist, wenn der Buckelwal, der gerade noch ein paar Meter vor einem Luft holte und dann wieder im Wasser verschwand, noch näher kommt zum Zodiac? Ein majestätisches, tonnenschweres Tier. Zauberhaft. Unheimlich.Zufriedenheit, ein kurzes Erschrecken, ein Schweben im Innern. Ein Rausch aus Dopamin, Serotonin, Oxytocin und Endorphinen. Zurück bleibt ein «Amazing!».Es ist eine Erhabenheit, von der bereits der irisch-britische Politiker und Philosoph Edmund Burke schrieb. Der Mann hatte nichts davon gehört, dass es einen Kontinent jenseits des sechzigsten Breitengrades geben könnte, als er 1757 eine kleine, wenn auch folgenreiche Schrift veröffentlichte: In «A Philosophical Enquiry Into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful», seiner philosophischen Untersuchung über den Ursprung der Ideen vom Erhabenen und Schönen, trennt er diese zwei Kategorien. Das Schöne sei sanft und glatt, das Erhabene entstehe aus dem Schrecklichen, Dunklen, Unendlichen. Es erzeuge keine Freude, sondern ein betäubtes Staunen – astonishment –, das alle anderen Gefühle zum Schweigen bringe.Einige Jahrzehnte später liest Immanuel Kant Burkes Ausführungen und findet diese zu oberflächlich. In «Kritik der Urteilskraft» schreibt er 1790 schliesslich: «Erhaben ist das, was auch gegen den Widerstand der Sinne gefällt.»Für Kant entwickelt sich das Schöne der Natur aus der Form des Gegenstandes heraus, das Erhabene aber aus dem Inneren des Menschen. Was bei Burke von aussen nach innen passiert – der Mensch erzittert vor der Natur und geniesst –, kehrt Kant um: Die Natur fordert den Menschen heraus, die Bewegung geht von innen nach aussen, der Mensch entdeckt praktisch in der Ohnmacht, die er vor der Natur empfindet, überhaupt erst seine eigene Grösse.Auf der «Fridtjof Nansen» sind praktisch beide Konzepte zugegen. «Oooooohhh», rufen die Amerikaner, die Chinesen, die Japaner, die Deutschen, die Rumänen, die an der Reling stehen, die einen halten Mobiltelefone vor sich, die anderen Weitwinkelobjektive.«Da, ein Buckelwal!»«Ein Orca!»«Die Pinguine!»«Die Robben!»«Schau, der Eisberg da!»«Und da hinten! Wieder ein Wal! Siehst du seinen Blas?»«Hast du ihn mit Fluke drauf?»«Da hinten liegt ein See-Elefant.»«Ich habe nur die Weddellrobbe gesehen.»«Der Sturmvogel ist mir entwischt.»«Nimmst du heute das Poulet zum Mittag oder was anderes?»Die Menschen, manche in pelziger Winterjacke, andere in Shorts, wirken wie betäubt. Ooooohhh, aaaaahhh – und immer wieder «Amazing!».Es ist die Schockstarre, wie Burke sie beschreibt. Das Verstummen, das Überwältigtsein von der Natur. So lange, bis Kant quasi auf den Plan tritt und nach der anfänglichen Ohnmacht das Begreifen einsetzt. Das Denken. Vielleicht auch die Erschöpfung vom Rausch der Eindrücke?Was zu Zeiten von Burke und Kant unmöglich war, gehört für den Neuroästheten Semir Zeki zur täglichen Arbeit: Der Professor vom University College London kartierte bereits 2014 in einer Studie die Hirnaktivität des Erhabenen und verglich sie mit der des Schönen. Zeki hatte erwartet, im medialen orbitofrontalen Kortex, jenem Bereich also, der bei Schönheitserlebnissen stets aktiv ist, auch beim Erhabenen Aktivität zu sehen. Doch das war nicht der Fall. Beim Erhabenen sind andere Hirnregionen aktiv als beim Schönen, nämlich die, die mit Selbstbezug, innerer Reflexion und dem sogenannten Ruhezustandsnetzwerk zusammenhängen, jenen Hirnarealen also, die aktiv sind, wenn der Mensch nicht auf die Aussenwelt achtet, sondern nach innen schaut.«Beides, die Schönheit und das Erhabene, können durch die Messung des Blutflusses im Gehirn mittels funktioneller Magnetresonanztomografie quantifiziert werden», sagt Zeki, während er vor seinem Bildschirm in London sitzt und videotelefoniert, hinter sich eine Bücherwand. Da aktivere Gehirnareale mehr sauerstoffreiches Blut benötigten, könnten Kameras diese Veränderungen feststellen. Allein durch das Betrachten des Gehirnscans einer Person lasse sich so auch bestimmen, welche Gemälde dieser Mensch schön finde und wie intensiv er diese Schönheit empfinde, allen kulturellen Unterschieden zum Trotz. «Da muss der Betrachtende kein Wort sagen, sein Blut spricht praktisch für ihn», sagt Zeki.Das Erhabene aber finde in einer anderen Hirnregion statt. Es sei keineswegs das grössere Schöne. «Das Erhabene wird oft aus einer sicheren Distanz erlebt. Denn wäre man mittendrin, wäre es eher furchteinflössend», sagt der Neuroästhet.Beim Betrachten eines Eisberges vom Schiff aus also, um frei nach Zeki zu sprechen, ist das Schönheitszentrum im Gehirn ausgeschaltet. Der Eisberg ist im neurologischen Sinn gar nicht schön. Aber das Hirn aktiviert andere Regionen, die für die Reflexion zuständig sind. Es beginnt sozusagen, mit sich selbst zu sprechen: So wird der Eisberg erhaben. Das ist die Kantsche Version, unterlegt mit modernen Messmethoden.Timo Heinz / NZZ – BildredaktionUnd die fehlenden Worte für all das? Zeki lehnt sich zurück und sagt: «Ganz einfach, das visuelle Gehirn ist Milliarden Jahre alt, das sprachliche gerade einmal etwa 100 000. Ein kurzer Blick von etwa 20 Sekunden auf ein Kunstwerk wie die ‹Mona Lisa› vermittelt einen Eindruck, den wir selbst mit 20 Bänden Text nicht vollständig beschreiben können.»Deshalb wohl all das langgezogene «Ooohhh» an Bord der «Fridtjof Nansen». Wie bitte lässt sich denn auch beschreiben, was hier, mitten in einer Gegend, in der der Mensch schnell sterben würde, wäre er auf sich allein gestellt, auch passiert? Die Touristen fühlen sich auf dem Luxusschiff sicher. Mit Wi-Fi ausgestattet, bleiben sie immer auch mit dem eigenen Zuhause verbunden, das in allerlei Sprachen am Geschehen im kühlen Süden teilnimmt, ein schnell verschwindendes Stück der Walflosse sieht oder den vorbeischwimmenden Eisberg. Per App planen die Touristen den Tag, buchen die Ausflüge (Schneeschuhwandern, Camping, Kanu), reservieren das Essen in einem der drei Restaurants oder erkundigen sich nach den Vorträgen, zur Artenvielfalt oder zur Geschichte der Antarktis.Zehn-Stunden-Arbeitstag ohne WochenendenIn Gruppen nach den hier lebenden Tieren unterteilt – «Adéliepinguine an Deck 3 bitte!», «Noch zwei Seelöwen können mit!» –, stampfen die Touristen von Bord. Nur 100 dürfen gleichzeitig an Land, so lauten die Bestimmungen des Internationalen Verbandes der Antarktis-Reiseveranstalter (IAATO). Sie sollen lernen, wie fragil die Gegend ist, in die sie letztlich nur kommen können, indem sie erst Tausende Kilometer fliegen und dann tagelang mit einem Schiff unterwegs sind.Eine Reise in die Antarktis ist längst kein Nischentourismus mehr. In der Saison 2024/2025 besuchten laut der IAATO knapp 120 000 Reisende den Kontinent. In den 1990ern, weit vor den Zeiten der sozialen Netzwerke, waren es weniger als 8000 pro Saison. Abgelegen und schwer zugänglich bleibt die Fläche, eineinhalbmal so gross wie Europa, dennoch.«Es ist ein anderer Planet hier», so sagt es Marechillo Yuching. Die 48-Jährige beherrscht den regelrechten Tanz mit Tellern und Gläsern, wenn das Schiff auf eine sich drehende Welle trifft und der Körper durchgerüttelt wird. Manchmal hält sie sich kurz an der Wand fest oder an den Tischen im Schiffsrestaurant. Sie balanciert das Essen, lächelt, kaum Zeit, um hinauszuschauen auf den Sonnenuntergang. Von den Philippinen war sie vor zwanzig Jahren aufgebrochen, um auf Kreuzfahrtschiffen in aller Welt zu arbeiten, sie wollte die Ausbildung der beiden Kinder daheim finanziert wissen.Seit bald fünf Jahren fährt sie bei HX auf Expeditionsschiffen mit, serviert, bedient, hilft den Reisenden beim Einsteigen in die Zodiacs, räumt auch schon einmal die Kabinen auf. Ein Zehn-Stunden-Arbeitstag ohne freie Wochenenden. Sechs Monate gilt der Vertrag, danach hat sie drei Monate Ferien – bis zum nächsten Einsatz im Eis. Wie die Anlandungsorte heissen, Deloncle-Bucht, Peterman Island, Pléneau Island, Danco Island, Orne Harbour, Deception Island, könne sie sich nicht immer merken, zumal das Schiff nicht bei jeder Reise dieselben Stationen anfahre. Der Schnee aber, er fasziniere sie auch noch nach Jahren. «Der Schneefall hier ist einfach immer unbeschreiblich schön», sagt Marechillo Yuching und muss sogleich weiter, Servietten falten, das Besteck verteilen.Timo Heinz / NZZ – BildredaktionNirgendwo auf der Welt ist es so kalt wie hier, die Temperaturen fallen bis auf minus 90 Grad, wenn auch nur im antarktischen Winter und vor allem im Landesinneren. Nirgendwo auf der Welt ist es so stürmisch wie hier, die Fallwinde, zumindest im Landesinneren, jagen mit Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 200 Kilometern pro Stunde heran. Nirgendwo auf der Welt ist es so karg, so einsam, so lebensfeindlich wie hier, auf diesem Erdteil, der wie eine riesige gezuckerte Eistorte zwischen den südlichen Ausläufern von Atlantik, Pazifik und Indischem Ozean liegt.Was zieht die Menschen in diese Einsamkeit, auch wenn da noch 400 andere Menschen immer in der Nähe sind? Was entdecken sie, wenn sie in das glitzernde Wasser schauen oder durch das Fernglas weisse Punkte auf der Fluke des Wals erspähen? Ist der Planet schon am Ende? Steuert er darauf zu? Hier, wo alles so überwältigend ist, dass allen die Worte fehlen?NZZ«Für mich ist es eine einzigartige Möglichkeit, Daten zu sammeln und zu sehen, wie viele Leute sich plötzlich für Plankton interessieren», sagt Katharina Kordubel. Die 31-jährige Meeresbiologin vom Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht bei Hamburg erforscht diese mikroskopisch kleinen Organismen, die die Grundlage der Nahrungskette im Meer bilden. Weil Forschungsschiffe rar sind, haben Forschende längst andere Wege gefunden, um an ihre Daten zu kommen: Expeditionsschiffe voller Touristen. Hier hält Kordubel Vorträge, lässt sich mit den Touristen auf dem Zodiac zum Probensammeln fahren. «Unsere wissenschaftlichen Arbeiten werden kaum gelesen, hier ist das Interesse für das, womit ich mich beschäftige, gross und echt.»Plankton ist mit blossem Auge nicht zu sehen. Kordubel aber macht es mit ihrem Planktoskop und künstlicher Intelligenz sichtbar. Ein Holzkasten mit Röhrchen leitet das gesammelte Ozeanwasser, eine Kamera fotografiert die kleinen Wesen, die wie Käfer aussehen. «Ich bin einfach tief gerührt von der naturbelassenen Schönheit hier», erzählt sie, nachdem sie wieder bei einem Probensammelausflug unterwegs war und ihren begeisterten Zuhörern den Unterschied zwischen Zooplankton und Phytoplankton nahegelegt hat.Auch Julie und Amanda sind fast sprachlos. Die beiden Freundinnen aus London spazieren an Deck, der Wind peitscht ihnen ins Gesicht. Die Rentnerinnen kichern, als wären sie zwei Teenager, die sich gerade über den attraktiven Knaben aus der Parallelklasse unterhalten hätten. «Zu Hause bin ich nicht einmal gewandert, und hier will ich jede Erhöhung an Land erklimmen», sagt Julie. Es ist nach 22 Uhr am Abend und immer noch hell.«Ein grauenvoller Ort»Sie müssen ihr Leben nicht mehr riskieren wie einst Ernest Shackleton. Dem britischen Polarforscher wird folgende Anzeige angedichtet: «Männer gesucht für gefährliche Reise bei schneidender Kälte, lang währender Dunkelheit, ständiger Gefahr und kleinem Gehalt. Sichere Rückfahrt zweifelhaft. Bei Erfolg Ruhm und Ehre.» Ob die Zeilen wirklich in einer Londoner Zeitung standen, lässt sich nicht nachweisen, Shackleton aber marschierte im Südsommer 1909 tatsächlich auf den Südpol zu. Erreicht hat er ihn nie. Als er und seine drei Begleiter die Nimrod-Expedition abbrachen, fehlten noch 180 Kilometer. Er wolle lieber als «lebendiger Esel» denn als «toter Löwe» heimkehren, wie Shackleton sich ausdrückte.Ruhm und Ehre im Zeichen des Südpols überliess er seinem Rivalen Robert Falcon Scott. Dieser brach zwei Jahre nach Shackleton in die Antarktis auf. Überraschende Konkurrenz bekam er vom Norweger Roald Amundsen, der als Erster die Nordwestpassage durchquert hatte und eigentlich auf dem Weg zum Nordpol war. Aber: Den hatte schon jemand anders erreicht, zumindest behauptete das damals der Amerikaner Robert Edwin Peary. Amundsen brach also in den Süden auf – und stand tatsächlich am 14. Dezember 1911 am Südpol. Scott und seine vier Männer kamen dagegen, völlig erschöpft, 33 Tage nach Amundsen am ersehnten Pol an. «Dies ist ein grauenvoller Ort. Schrecklich, dass wir uns hierhergequält haben», schrieb er nach dem erbarmungslosen Marsch in sein Tagebuch. Auf dem Rückweg zum Basislager starb Scott schliesslich auf dem Ross-Schelfeis an Unterernährung und Unterkühlung.Die Pioniere von damals machten einen Kontinent zugänglich, der bis heute vom Leben und Sterben des Planeten Erde erzählt. Wissenschafter bohren kilometertief und holen praktisch die Vergangenheit an die Oberfläche. Die Erde hat hier Tagebuch geführt, indem sie in Luftblasen, Schicht für Schicht, alte Atmosphäre bewahrte. Es ist ein mächtig wirkender Eisschild und ein zerbrechlicher. Würde dieses Eisreservoir schmelzen, stiege der Meeresspiegel um knapp 60 Meter. Es wäre fast zehnmal mehr als beim Schmelzen des grönländischen Eispanzers. Dicht besiedelte Küsten und tief liegende Gebiete würden weltweit untergehen. Inselstaaten wären unbewohnbar, grosse Teile von fruchtbaren Flusstälern und Deltas verschwänden komplett. Ein Katastrophenszenario.Schon allein deshalb wird der Kontinent kontrolliert und überwacht. Das «Naturreservat» sei der Wissenschaft und dem Frieden gewidmet, heisst es im 1959 von zwölf Staaten unterschriebenen Antarktis-Vertrag. Das Umweltprotokoll, das auch das strikte Verbot des kommerziellen Abbaus von Bodenschätzen regelt, unterliegt 2048 einer Überprüfung. Und dann? Der Friedenskontinent wird längst von geopolitischen Interessen bestimmt. Unter dem Eis der Antarktis werden gigantische Rohstoffvorkommen vermutet: Milliarden Fässer Öl, riesige Erdgasfelder, Kohle, Eisenerz, Gold, Diamanten. 70 Prozent des weltweiten Süsswassers lagern hier. Die Staaten markieren ihre Präsenz mittels Forschungsstationen.Mehr als 40 ganzjährig bewohnte Überwinterungsstationen gibt es mittlerweile in der Antarktis. Bis zu 15 000 Menschen harren monatelang in der Abgeschiedenheit der Polarnacht und der Mitternachtssonne aus – Wissenschafter, Techniker, Seeleute, Piloten, Köche. Was macht die permanente Überwältigung mit ihnen? Ein Anruf bei Gina Schulz, Meteorologin auf der deutschen Neumayer-Station.Für dreizehn Monate lebt die 25-Jährige aus dem Rheingau, Südhessen, in diesem containerartigen Bau auf 16 Stelzen im sogenannten Neuschwabenland der Antarktis, auf einer etwa 200 Meter dicken, schwimmenden Eisplatte des Ekström-Schelfeises. Es ist ihr erster Job nach dem Studium. Sie sind zu neunt, Geophysiker, Ingenieure, Meteorologen, ein Koch, ein Chirurg. Sie dokumentieren den Alltag, führen wissenschaftliche Reihen fort. Klimawandel kommt nicht über Nacht und geschieht nicht überall gleich schnell. Seit 1981 werden auf der Station meteorologische Messungen erhoben. Ein signifikanter Trend sei bis anhin nicht zu erkennen, sagt Schulz.Es ist auch ein Menschenexperiment. Selbst bei schweren Verletzungen könnten die Überwinterer hier nicht weg. Die Polarforschung ist selten Romantik. Sie ist vor allem mit Härte und Frust verbunden. Das wissen hier alle. «Wir sind hier, weil andauernd etwas kaputtgeht, die Pumpe, die Metallstangen», sagt Schulz, die täglich hinaus muss zur Messstation, auch wenn der Wind so peitscht, dass sie sich an einer Kordel festbinden muss, um wieder den Weg zurück zur Station zu finden.Ihr Alltag ist strukturiert, eine gewisse Angst sitzt immer im Hinterkopf. Die Station gibt ihr Sicherheit, auch ihre Ausrüstung und die Kollegen tun es. Ohne? Wäre hier jeder verloren. Und doch: Die Faszination, Schulz nennt es «Polarfieber», ist nie weg. Das Licht, der Schnee, der Blick aufs offene Wasser, der Mond. «Die Landschaft verändert sich ständig. Die Eisberge kommen und gehen, die Pinguinkolonie ist einmal hörbar, einmal nicht», sagt sie und hat ein ähnliches Lächeln im Gesicht wie die Touristen, die nur für fünf Tage in der Antarktis sind. «Es ist eine Reizüberflutung. Sie bleibt immer, selbst wenn es im Winter dunkler wird.»NZZSie kennt die Wortlosigkeit, all die «Aaaaaahhs» und «Ooooohhhs». Die Faszination für die Antarktis wird nicht kleiner, auch wenn Schulz’ Zeit auf der Neumayer-Station schon bald zu Ende geht. Die nächste Überwinterungsgruppe bereitet sich schon auf den Einsatz im Eis vor, so geht es Jahr für Jahr. «Ich werde als veränderter Mensch hier rausgehen», sagt die Meteorologin.Auf die harte Probe gestelltDie Bewunderung für den Kontinent teilen Forschende wie Reisende, egal, ob sie nur ein paar Tage im kalten Süden sind oder mehrere Monate. Sie beginnt ohnehin schon Jahre im Voraus. Sie wird lediglich, wenn die Reise beginnt und wenn sie endet, auf eine harte Probe gestellt: durch die Drake-Passage, diese berüchtigte, weil gewaltigste Meeresstrasse der Welt.Hier treffen die Wassermassen aus drei Ozeanen aufeinander. Die Winde toben sich aus, weil kein Kontinent sie aufhält. Es kommt zu den stärksten Strömungen des Planeten. Für die Passagiere heisst das: festhalten. Zweieinhalb Tage hin zur Antarktis, zweieinhalb Tage zurück. Ruhig ist es nie. Auch wenn es eine ruhige See gibt, die «Drake Lake» genannt wird, bringt sie drei Meter hohe Wellen mit sich.Acht Meter hohe Wellen heissen «Drake Shake». In der Kabine klingt es dann, als bräche deren Verkleidung auseinander. Die Wellen schleudern die Passagiere im Bett hin und her, sie drücken sie hinunter. Die Teller rutschen von einer Seite des Tisches zur anderen. Das Deck ist abgeriegelt. Da ist er wieder, der Moment der Erhabenheit. In seiner furchteinflössenden Art. Björn Naess, der Kapitän der «Fridtjof Nansen», nuschelt derweil in sein Mikrofon. Nüchtern trägt er Zahlen vor, die Position des Schiffes, die Route, die Stunden bis zur Ankunft. Es klingt fast schon beruhigend. Und war da nicht ein Albatros in der Ferne? Amazing!Die Reportage wurde möglich durch die Unterstützung von HX Expeditions.Passend zum Artikel