«Wir werden siegen!»: Der Krieg kommt der russischen Bevölkerung näher, aber längst nicht alle wollen ein rasches EndeInnerhalb einer Woche haben ukrainische Drohnenangriffe mehrere Logistikzentren des Onlinehändlers Wildberries in Russland zerstört. Auch das Benzin bleibt knapp. Das sorgt für Unmut, aber nicht für Widerstand gegen den Kriegskurs des Kremls.25.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Rauchwolke vom brennenden Wildberries-Logistikzentrum am südlichen Stadtrand von St. Petersburg bildete am Freitag die düstere Kulisse für die Isaaks-Kathedrale im Stadtzentrum.UGC via APÜber St. Petersburgs Vorstadt Schuschary beim internationalen Flughafen und über einem nahe gelegenen Dorf sind am Freitagmorgen dicke, schwarzgraue Rauchwolken aufgestiegen. In der Nacht hatten ukrainische Drohnen in mehreren Wellen Logistikzentren von Russlands grösster Online-Handelsplattform Wildberries angegriffen. Das riesige Verteilzentrum in Schuschary brannte vollkommen aus. Insgesamt wurden drei Personen verletzt. Es war nicht der erste Angriff dieser Art auf Wildberries-Lagerhäuser.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Gewerbegebiet von Elektrostal, einer Industriestadt mit rund 143 000 Einwohnern östlich von Moskau, raucht es auch am Donnerstag noch aus den Trümmern. Fünf Tage vorher, in der Nacht auf Sonntag, hatten ukrainische Drohnen erstmals hier und in der zentralrussischen Provinz Tambow Logistikzentren von Wildberries angegriffen. Insgesamt acht Personen kamen ums Leben, Dutzende wurden verletzt.Apokalyptische SzenerieApokalyptisch sieht es jetzt auf dem grossen umzäunten Gelände aus, das von blühenden Wiesen umgeben ist. Stahlträger ragen in den Himmel, Teile der einstigen Fassade aus weiss-roten Elementen hängen herab, sind verbogen und versengt. Von den Hochregallagern und den Millionen von Gütern, die zum weiteren Versand bereit lagen, sind grau-schwarze Trümmerberge geblieben. Rundherum stehen noch parkierte, nur zum Teil beschädigte Autos derjenigen, die in jener Nacht im Lager gearbeitet hatten. Am Zaun neben dem Eingangstor zum Gelände ist eine improvisierte Gedenkstätte für die eine Person hergerichtet, die bei dem Angriff ihr Leben verlor.Fassungslos starrt Sergei, der wie alle Gesprächspartner nur seinen Vornamen nennen will, auf das, was eines der grössten Logistikzentren des Onlinehändlers gewesen war. Irgendwo in diesen Trümmern sind auch die Waschmittelprodukte verbrannt, die Sergeis Firma hierhergeliefert und über Wildberries vertrieben hat. Im Unterschied zu Amazon handelt Wildberries nicht selbst mit Waren. Das Unternehmen ist eine Art virtueller Marktplatz, über den Einzelhändler ihre Produkte verkaufen können. Der Onlinehändler übernimmt die Abwicklung des Geschäfts bis zur Auslieferung an die Kunden – entweder via Wildberries-Abholfilialen oder direkte Zustellung per Kurier.Zusammen mit seinem direkten Konkurrenten Ozon wird die Firma der Unternehmerin Tatjana Kim von 85 bis 90 Prozent der Russen genutzt. In abgelegenen Gebieten ist es oft die einzige Möglichkeit, an Kleider und Haushaltwaren zu kommen. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski sieht Wildberries aber auch als eine Plattform, über die russische Soldaten, ihre Angehörigen und Unterstützer zur Versorgung der Front beitragen.Auf einer Satellitenaufnahme ist der Brand des Verteilzentrums von Wildberries in Elektrostal zu sehen.Planet Labs PBC via ReutersKleinunternehmer erleiden hohe VerlusteWie Sergei, einem 40-jährigen Weissrussen, der Geschäftsführer eines solchen Kleinunternehmens ist, ergeht es derzeit in Russland Zehntausenden. Waren von Sergeis Firma im Wert von 50 Millionen Rubel (rund 520 000 Franken) sind in Elektrostal verbrannt. Über die sozialen Netzwerke haben sich viele von ihnen zu Wort gemeldet, haben in die Kamera geweint, den Verlust ihrer zum Teil in Handarbeit hergestellten Waren beklagt und sich gefragt, wie sie ihr Geschäft weiterbetreiben können: Modedesignerinnen, Badeanzug-Fabrikanten, Konditorenausstatter befürchten, in der wirtschaftlich ohnehin angespannten Lage nicht wieder auf die Beine zu kommen. Nicht selten hatten sie auf Kredit gearbeitet.Kurz vor dem Drohnenangriff hatte Wildberries die Haftungsbedingungen für die Logistikzentren geändert und Entschädigungen im Falle von Drohnenangriffen ausgeschlossen. Nun musste Kim auf Druck der Öffentlichkeit doch Kompensationen in Aussicht stellen. Aber Sergei ist skeptisch. «Wir werden kein Geld sehen, sondern nur Rabatte bekommen», glaubt er. «Wir sind ja schliesslich in Russland.»Das ganze Viertel auf den BeinenIn der Nähe des Gewerbegebiets liegt ein Wohnviertel mit rund dreissig Jahre alten gelb-orangen Backsteinblöcken und gepflegten Grünflächen. Anschelika, eine 53-jährige Frau mit blond gefärbten kurzen Haaren, ist noch immer sichtlich erregt von dem, was sie in der Nacht auf Sonntag erlebt hat. «Ab halb vier Uhr morgens hörten wir die Drohnen, auch Schüsse. Der ganze Stadtteil war auf den Beinen. Keiner blieb zu Hause. Es war schlimm», erzählt sie hastig. Sie glaubt, dass das nicht der letzte Angriff gewesen sei.Auch die 83-jährige Anja, die mit einer Freundin auf einer Bank am Rande des Spielplatzes in der Sonne sitzt, haben die Angriffe aufgewühlt. Gehört hat sie zwar nichts, aber die Rauchsäule sah sie. «Ich bin auf Anraten der Enkelin in der Wohnung geblieben», sagt sie. Dass Wildberries angegriffen wurde, erstaunt sie nicht. «Natürlich war das die Ukraine! Griffe sie uns nicht an, wäre es auch bei ihr ruhig. Aber stattdessen betätigt sie sich terroristisch und trifft unschuldige Leute», ereifert sie sich. Präsident Putin und seine Regierung hätten alles im Griff, glaubt sie. «Wir werden siegen und unsere Leute dort befreien.»Die 65-jährige Jelena hat im Supermarkt nebenan eingekauft und sagt: «Auch im Krieg geht der Alltag weiter.» Früher lebte sie selbst in der Ukraine, ein blühendes Land sei das gewesen. Weshalb die Ukrainer nun Wildberries-Verteilzentren angriffen, könne sie sich nicht erklären. «Es wird noch lange so weitergehen», seufzt sie. Aber die Regierung mache alles richtig. Nur eines verstehe sie nicht: warum Russland nicht die Infrastruktur in Polen angreife, über die Waffen in die Ukraine geliefert würden. Und sie wiederholt, was die russische Propaganda seit einiger Zeit stärker hervorhebt: Ganz Europa kämpfe mittlerweile gegen Russland.Welch zentralen Stellenwert das Unternehmen Wildberries im russischen Alltag einnimmt, zeigen nicht nur die vielen Werbetafeln in Elektrostal und das dichte Netz von Abholfilialen. In einer von ihnen sagt die junge Frau an der Theke, dass die Waren jetzt eben aus anderen Lagerhäusern kämen.Das ausgebrannte Wildberries-Logistikzentrum in Elektrostal gleicht einer Trümmerlandschaft.ReutersDie Benzinkrise schürt den UnmutWas seit dem Wochenende in Elektrostal, in Zentral- und Südrussland, auf der annektierten Halbinsel Krim und nun diese Nacht am Südrand von St. Petersburg geschah, folgt einer neuen Strategie der ukrainischen Streitkräfte. Die Angriffe auf die ungeschützten Logistikzentren sollen den Krieg noch direkter in die russische Gesellschaft tragen. «Wer die schwarzen Rauchsäulen sieht, kann nicht mehr behaupten, es handle sich um Falschnachrichten», sagt der Soziologe Lew Gudkow im Gespräch in Moskau.Der 79-Jährige ist der Doyen der unabhängigen russischen Meinungsforschung und wird, wie das von ihm mitgegründete Lewada-Zentrum, vom russischen Staat als «ausländischer Agent» gegängelt. Die Drohnenangriffe auf Ziele im Hinterland seien das Hauptereignis des Sommers, sagt er. Die Reaktionen darauf seien uneinheitlich. Während die einen Rache schwüren, wünschten sich die anderen ein schnelles Kriegsende. In Umfragen sind es mittlerweile gut 70 Prozent.Die Angriffe auf Wildberries sind das eine: Sie belasten die ohnehin schwächelnde Wirtschaft, indem sie noch mehr Kleinunternehmer in Bedrängnis bringen. Einschneidender sind die Angriffe auf Raffinerien und Tanklager, die zur grössten Treibstoffkrise seit Jahrzehnten geführt haben. In Moskau hat sich die Situation zwar vorerst beruhigt. Aber schon in Elektrostal, rund 50 Kilometer weiter östlich, verkaufen zahlreiche Tankstellen derzeit nur Diesel oder sind ganz geschlossen. Wo es Benzin gibt, stehen die Autos Schlange.Die Benzinkrise hat die Unzufriedenheit angeheizt. Angesichts der Repression sähen die Menschen jedoch keine Möglichkeit, auf den Lauf der Dinge einzuwirken, sagt der Soziologe Gudkow. Auch Sergei, der Geschäftsmann am Rande des ausgebrannten Wildberries-Logistikzentrums in Elektrostal, fügt sich in sein Schicksal. Er werde wohl erst einmal nach Weissrussland zurückkehren, sagt er.Passend zum Artikel