Fields-Medaille: Hong Wang gewinnt als dritte Frau überhaupt den «Nobelpreis für Mathematik»Sie glaubt, immer härter arbeiten zu müssen als alle anderen: Hong Wang gewinnt gerade alle wichtigen Preise für Mathematik. Und noch ein weiterer der vier Preisträger stammt aus China.Christoph Drösser24.07.2026, 10.30 Uhr5 Leseminuten«Jedes Mal hatte ich das Gefühl, ich hätte nur Glück gehabt»: Die Mathematikerin Hong Wang.Simons FoundationWie viele Preise muss Hong Wang noch bekommen, damit sie endlich glaubt, eine gute Mathematikerin zu sein? Allein in den vergangenen zwei Jahren bekam sie den Salem-Preis, die Goldmedaille der chinesischen Mathematikervereinigung, den Ostrowski-Preis, den Sadosky-Preis für weibliche Mathematikerinnen, den Clay Research Award. Und am Donnerstag dieser Woche nun die Fields-Medaille, oft als Nobelpreis für Mathematik bezeichnet. Als erste in China aufgewachsene Mathematikerin und als dritte Frau in einer langen Reihe von 65 Männern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und obwohl die 35-Jährige in den letzten Jahren mit mehreren bahnbrechenden Beweisen Aufsehen unter ihren Kollegen erregt hat, wird sie immer noch von Selbstzweifeln geplagt. «Jedes Mal hatte ich das Gefühl, ich hätte nur Glück gehabt», sagte sie kürzlich einer Journalistin des mathematischen Magazins «Quanta». Sie glaubt immer noch, härter arbeiten zu müssen als andere, und versagt sich Hobbys jeglicher Art.Die Mathematikerin, die am Courant-Institut für Mathematik der New York University und am französischen Institut des hautes études scientifiques lehrt, bekam die Medaille für einen Beweis aus dem vergangenen Jahr, der Beiträge zu sehr unterschiedlichen mathematischen Disziplinen leistete: Analysis, Masstheorie, Fourier-Analyse.Wang lieferte Beweis für ein altes Kompassnadel-ProblemDas zugrunde liegende Problem, 1917 von dem japanischen Mathematiker Soichi Kakeya formuliert, ist mit relativ einfachen Worten erklärbar: Wenn man eine Kompassnadel in der Ebene dreht, so dass sie in jede mögliche Richtung zeigt, welche Fläche deckt sie dann ab? Der einfachste Fall: Man lässt sie um ihren Mittelpunkt rotieren, dann beschreibt sie einen Kreis.Aber wenn man den Mittelpunkt nicht festnagelt, kann man die Nadel geschickt so bewegen, dass sie einen Dreispitz mit nach innen gewölbten Seiten beschreibt. Dann brauchen die unendlich vielen Nadeln nur halb so viel Platz. Ja sie können sogar eine Fläche der Grösse null einnehmen, das bewies ein russischer Mathematiker schon 1919. Trotzdem hat das stachlige Gebilde die Dimension zwei. Es handelt sich um ein Fraktal – jene unendlich komplexen Gebilde, deren Dimension nicht unbedingt eine ganze Zahl sein muss.Sobald Mathematiker ein Objekt in der Ebene untersucht haben, versuchen sie es zu verallgemeinern und studieren es in drei-, vier- und noch höherdimensionalen Räumen. Und schon lange wurde vermutet, dass diese sogenannten Kakeya-Mengen auch im Raum stets die volle Dimension drei haben. Das konnte Hong Wang nun zusammen mit ihrem Kollegen Josh Zahl beweisen.Preisträger befassten sich mit Strömungen und KnotenAuch zwei weitere der insgesamt vier Medaillenempfänger dieses Jahres haben sich mit Problemen beschäftigt, die sich auch Laien erklären lassen. Yu Deng, ebenfalls aus China stammend und Professor an der University of Chicago, hat zur Lösung von Hilberts sechstem Problem beigetragen. Es ist eines von 23 mathematischen Rätseln, die der deutsche Mathematiker David Hilbert seinen Kollegen im Jahr 1900 stellte.So lautet Hilberts sechstes Problem: Wir wissen, dass die Materie, etwa das Wasser im Ozean, auf der Mikroebene aus Atomen und Molekülen besteht, die wie Billardkugeln miteinander kollidieren. Gleichzeitig können wir auf der Makroebene Phänomene wie Meereswellen, ihre Strömungen und Turbulenzen, mit Gleichungen beschreiben. Aber wie lassen die sich aus den Zusammenstössen der Billardkugeln herleiten? Yu Deng und seine Kollegen haben zu einem Brückenschlag zwischen diesen Sphären beigetragen.John Pardon von der Stony Brook University im US-Staat New York hat seine Fields-Medaille unter anderem für die Lösung eines Problems aus der Knotentheorie bekommen. Wenn sich zum Beispiel das Kabel eines Kopfhörers fast unlösbar verknotet, dann liegen Punkte, die auf dem Kabel weit voneinander entfernt sind, nahe beieinander. Der Mathematiker Michail Gromow fragte 1983: Kann dieses Verhältnis beliebig gross werden, oder gibt es eine Obergrenze? Pardon zeigte nun, dass eine Grenze nicht existiert. Die Kopfhörerkabel mögen noch so verknotet sein – es geht immer noch schlimmer.Die Arbeiten aller Preisträger dieses Jahres zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr unterschiedliche mathematische Gebiete heranziehen, um ihre Beweise zu führen. Und weil die Mathematik inzwischen aus vielen Teildisziplinen besteht, die niemand voll überblicken kann, heisst das: Man muss kommunizieren und kooperieren. Inzwischen ist aber auch künstliche Intelligenz ein wichtiges Hilfsmittel, wenn sich ein Mathematiker oder eine Mathematikerin einen Überblick verschaffen will, was in einem Nachbargebiet betrieben wird.KI ist sehr gut darin, in der Literatur nach verwandten Arbeiten zu suchen und sie in verständlicher Form zusammenzufassen. Dazu benutzt sie zum Beispiel Jacob Tsimerman von der University of Toronto, der vierte Fields-Medaillen-Gewinner dieses Jahres. «Ich habe vielleicht eine Intuition für eine Analogie aus einem anderen Gebiet, und die KI hilft mir sehr schnell, mich zu orientieren.»China investiert viel in die Ausbildung von MathematikernDass in China ausgebildete Mathematiker zur Weltspitze aufgeschlossen haben, ist kein Zufall, glaubt Ulrike Tillmann von der Universität Oxford, die ab Januar Präsidentin der Internationalen Mathematischen Union (IMU) sein wird. Sie erinnert sich an das Mathematikertreffen des Jahres 2002 in Peking, das vom Staats- und Parteichef Jiang Zemin eröffnet wurde. «Bei der Eröffnungszeremonie hat der Präsident ganz klar gesagt: Wir investieren in Mathematik», sagt Tillmann. «Mathematik ist natürlich auch ein relativ billiges Fach, weil wir keine grossen Experimente haben und keine grossen Labors brauchen.» Aber sie ist die Grundlage für alle modernen Techniken, nicht zuletzt die KI.Aber noch zieht es die chinesischen Akademiker, wie man an den beiden diesjährigen Medaillenempfängern sehen kann, an die renommierten westlichen Hochschulen. Ein Umzug in die andere Richtung ist selten, auch wenn Hong Wang erzählt, dass ihr Co-Autor Josh Zahl nun an der chinesischen Nankai-Universität lehrt.Natürlich hat es nicht nur akademische, sondern auch politische Gründe, warum China für westliche Forschende nur bedingt attraktiv ist, selbst wenn sie dort ideale Arbeitsbedingungen geboten bekommen. Aber über Politik redet man in der Internationalen Mathematischen Union nicht.Der Kanadier John Fields hatte die Idee zu der nach ihm benannten Medaille in den 1920er Jahren, als sich nach dem Ersten Weltkrieg noch ein tiefer Graben durch die wissenschaftliche Gemeinschaft zog. Er schuf damit, wie es der bekannte Quantenphysiker Brian Greene am Donnerstag in seiner Moderation sagte, «eine Ehre, die keiner Nation und keiner Flagge verpflichtet ist – für die beste Mathematik, die es auf der Welt gibt».Passend zum Artikel
Hong Wang: Die dritte Frau mit der Fields-Medaille für Mathematik
Sie glaubt, immer härter arbeiten zu müssen als alle anderen: Hong Wang gewinnt gerade alle wichtigen Preise für Mathematik. Und noch ein weiterer der vier Preisträger stammt aus China.











