Wie haben Sie zuletzt Ihre ersten Balkenübungen beim Weltcup und in der Bundesliga erlebt?Das war sehr aufregend, nach so langer Zeit wieder in dieses Wettkampfgefühl reinzukommen. Und es war spannend, zu sehen, wo ich stehe – Olympia ist ja schon eine ganze Weile her.Wie blicken Sie auf die Olympischen Spiele 2024 zurück?Paris habe ich in guter Erinnerung. Es waren meine dritten Olympischen Spiele, das ist etwas Besonderes, was ich geschafft habe. Aufgrund der schwierigen Vorbereitung – mit Verletzungen und Trainingsausfall – war es alles andere als einfach. Deswegen war es auch eine sehr emotionale Reise mit vielen Ups and Downs. Dafür war das Ergebnis schon gut, aber nicht das, was ich haben will.War danach sofort klar, dass Sie weitermachen, oder gab es eine Phase des Zweifelns?Ich denke, so eine Phase des Bedenkens oder Zweifelns ist normal nach so einem großen Event. Ich hab mich mit dem Gedanken damals nicht unmittelbar befasst, sondern mir die Zeit genommen, erst mal den Kopf freizubekommen. Dann hab ich mich aber relativ schnell in der Turnhalle wiedergefunden.Mit Hüftproblemen …Ja, mit den Problemen hatte ich schon bei Olympia zu tun. Dann hat die Diagnosefindung viel zu lange gedauert, über ein halbes Jahr, das war alles nicht optimal. Anfang 2025 wurde ein Labrumriss festgestellt. Der stammte vermutlich aus einem Trainingsunfall, der mir aber nicht prägnant in Erinnerung ist, wahrscheinlich war es eine sehr tiefe Landung. Das wurde dann im Mai operiert, und mein Hüftband geglättet, und nach der Operation, eigentlich schon kurz nachdem ich wachgeworden bin, da hatte ich das Gefühl: Es geht noch mal richtig los, da habe ich gar nicht lange überlegt.„Er ist offen für den Austausch“: Pauline Schäfer-Betz über Gerben Wiersma, Bundestrainer der FrauenPicture AllianceSie sind vergangenen Herbst in die Trainingsgruppe von Anatol Aschurkow und Tatjana Bachmayer gewechselt. Warum?Ich habe gemerkt, dass ich neue Impulse brauche, mir hat einfach eine leistungsstarke Trainingsgruppe gefehlt. Jetzt habe ich wieder richtig Freude daran, jeden Tag in die Halle zu gehen. Dieses Umfeld gibt mir unglaublich viel Motivation und bestätigt mich darin, dass der Wechsel genau die richtige Entscheidung war. Bei Anatol und Taty zu trainieren, das ist einfach eine sehr coole Kombination. Und es ist sehr schön, zu sehen, dass in Chemnitz auch so was Cooles entstehen kann und entstanden ist, nach all den Jahren, wo es eben nicht so gewesen ist. Das ist natürlich für mich besonders schön, das so mitzuerleben.Sie haben in Ihrer Karriere viele Trainer kennengelernt. Was macht die beiden aus?Das Ganzheitliche. Es wird nicht nur auf das Training geschaut, sondern auf den gesamten Menschen. Die mentale Komponente spielt dabei eine große Rolle – nicht nur innerhalb der Turnhalle, sondern auch darüber hinaus. Diese Herangehensweise erlebe ich aktuell besonders intensiv, und sie tut mir persönlich sehr gut. Was ich außerdem sehr schätze, ist, dass Taty und Anatol sich ständig weiterentwickeln wollen. Dieser Wunsch, immer dazuzulernen und auch selbst besser zu werden, macht das Team so stark.Wie ist Ihr Verhältnis zu Bundestrainer Gerben Wiersma?Ich würde sagen, wir haben uns im Arbeitsalltag mittlerweile gut eingespielt. Natürlich war die Situation für mich zu Beginn nicht einfach. Durch meine eigene Geschichte und meinen Einsatz gegen psychischen Missbrauch im Leistungssport hat die Nachricht, dass Gerben neuer Bundestrainer werden soll, bei mir erst einmal viele Gedanken ausgelöst [In der Vergangenheit hatte es in den Niederlanden auch Vorwürfe des Machtmissbrauchs gegen Wiersma gegeben, d. R.] Als die Entscheidung feststand, musste ich mich zunächst mit der Situation auseinandersetzen. Meine Haltung zum Schutz von Athletinnen und Athleten und zu einem respektvollen Miteinander hat sich dadurch nicht verändert. Gleichzeitig war mir wichtig, die Zusammenarbeit professionell anzugehen und sie an meinen eigenen Erfahrungen im täglichen Miteinander festzumachen. Er ist offen für den Austausch, nimmt unsere Anliegen ernst und ist bereit, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Das schätze ich sehr.„Ich bin ein Freund von langen Turnanzügen.“Wie ist das gemeinsame Training mit ihm bei Lehrgängen in Frankfurt?Er übernimmt vor allem die Organisation der Lehrgänge und die Planung der Trainingsabläufe. Aufgrund meiner Erfahrung stimmen wir uns dabei eng ab. Ich habe viele Gespräche mit ihm darüber geführt, dass wir individueller arbeiten müssen. Diese enge Abstimmung ist mir wichtig, weil er unseren Trainingsalltag nicht täglich begleitet und wir so gemeinsam einschätzen können, was sinnvoll ist.Sie sind jetzt 29 Jahre alt. Welche Vorteile hat das Alter?Der größte Vorteil ist, zu wissen, was einem hilft und was einem nicht hilft. Ich habe ja schon relativ viel ausprobiert, ob es ein anderes Trainerumfeld ist oder ob es Trainingsmethoden sind, ich habe da alles miterlebt, durchgemacht und ausprobiert. Die Zeit im Rücken zu haben und zu wissen, was für mich funktioniert, das ist ein großer Vorteil.Werden Wettkämpfe schwieriger, weil man sich mehr Gedanken macht?Es wird definitiv nicht einfacher, vor allem mit meiner Medaillenhistorie. Ich gehe nicht in einen Wettkampf und möchte einfach nur dabei sein. Ich habe hohe Ansprüche an mich selbst und möchte mein Können im Wettkampf abrufen.Sie haben mit der Organisation von Turncamps und einer Tierheilpraktikerausbildung noch zwei andere Standbeine. Wie schaffen Sie das zeitlich?Mein Hauptjob bleibt nach wie vor der Sport. Da ist es sehr gut, dass ich meine Schwester Helene als Support habe. Sie übernimmt relativ viel bei „Move & Improve“ und hält mir so gut wie möglich den Rücken frei. Für mich ist es wichtig, dass ich neben meinem Sport Dinge habe, die mich auch erfüllen können, wenn ich den Sport irgendwann mal nicht mehr habe. Und meine Ausbildung zur Tierheilpraktikerin mache ich nebenbei. Woher ich die Zeit nehme, das weiß ich manchmal selber nicht so genau. Ich lebe da so ein bisschen nach dem Prinzip einfach machen und weniger darüber nachdenken, wie anstrengend und kompliziert das ist.Können Sie sich das als späteren Beruf vorstellen?Ja, tatsächlich schon. Der ursprüngliche Plan war mal Tiermedizin zu studieren, dadurch dass ich mich weiterhin für den sportlichen Weg entschieden habe, war das nicht möglich. Ich habe mich schon immer für Tiere interessiert, ich finde die Arbeit am Tier wahnsinnig interessant.Nochmal zum Turnen: Sie haben in den vergangenen Jahren konsequent in langbeinigen Anzügen geturnt. Beim Bundesligawettkampf zuletzt mussten Sie in kurz antreten.Ich bin grundsätzlich ein großer Freund von langen Turnanzügen. Jetzt wieder in einem kurzen Anzug zu turnen, war definitiv eine Herausforderung für mich, und ich fühle mich darin auch nicht so wohl. Mit unserem aktuellen Ausrüster gibt es diese Möglichkeit momentan leider nicht. Das finde ich persönlich schade, weil die langen Turnanzüge für uns ein echtes Alleinstellungsmerkmal waren und vielen Athletinnen ein gutes Gefühl gegeben haben.
Turnerin Pauline Schäfer-Betz vor Comeback bei den Deutschen Meisterschaften
Nach Hüftverletzung tritt Pauline Schäfer-Betz wieder bei den Deutschen Meisterschaften im Turnen an. Sie spricht über ihre Verletzung, ihre neue Trainingsgruppe und ihr Verhältnis zum Bundestrainer.






