Auch im zweiten Quartal hat der Softwarekonzern SAP die Befürchtungen vieler Aktionäre über eine Erosion seines Geschäftsmodells nicht bestätigt. Im Gegenteil: Während der Kursverlust von fast 50 Prozent innerhalb eines Jahres an der Börse die Angst vor einer Disruption des Geschäftsmodells durch Künstliche Intelligenz zeigt, hält der Konzern Kurs.Der von Analysten als wichtigster Wachstumsindikator beobachtet „Current Cloud Backlog“, also der vertraglich zugesicherter Cloud-Umsatz auf Sicht von zwölf Monaten, ist im zweiten Quartal um 27 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro gewachsen und hat damit sein Tempo im Vergleich zum Vorjahresquartal noch erhöht.Auch alle anderen Kennzahlen zeigen weiter starkes Wachstum: Die Clouderlöse stiegen um 22 Prozent, der Konzernumsatz immer noch um neun Prozent auf knapp 9,9 Milliarden Euro. In dem langsameren Wachstum zeigt sich seit einiger Zeit schon der starke Rückgang der klassischen Lizenzerlöse. Das Betriebsergebnis im zweiten Quartal schließlich stieg nach Angaben des Unternehmens im Jahresvergleich um acht Prozent auf 2,7 Milliarden Euro.Demonstrativ zufriedenFinanzvorstand Dominik Asam zeigte sich am Donnerstagabend, nach der Zahlenvorlage, demonstrativ zufrieden. SAP habe in einem unbeständigen gesamtwirtschaftlichen Umfeld starke Ergebnisse und kontinuierliches Wachstum der Cloud-Auftragsgänge geliefert. Die Ergebnisse spiegeln nach seinen Worten die disziplinierte Umsetzung der Strategie. SAP treibe die Entwicklung zu einem „autonomen Unternehmen“ voran und nutze dabei die eigenen KI-Lösungen, um Effizienz und Produktivität zu erhöhen.Asam bekräftige zum wiederholten Male die Sichtweise des Vorstands, wonach SAP sogar zu den Profiteuren des KI-Bebens zählen werde. Kein anderes Unternehmen habe schließlich ähnlich große Erfahrung mit unternehmenskritischen Geschäftsprozessen und einen entsprechend fundierten Datenpool. SAP könne deshalb zielgerichtet und vertrauenswürdige KI-Lösungen für Unternehmen anbieten.Dass der Konzern keine eigenen Large Language Models (LLM) entwickle, sondern viele verschiedene Modelle einsetze, sei dabei ein Vorteil. „Wir profitieren von der Konkurrenz“. Neben den amerikanischen Marktführern setzt SAP nach Asams Bekunden auch auf kanadische LLM-Modelle und den europäischen Marktführer Mistral aus Frankreich.Kill Switch treibt die Kunden umDer Konzern profitiere von dieser Vielfalt, zumal die sogenannte „Kill Switch“-Debatte, also die Angst, dass KI-Anwendungen im Krisenfall auf Geheiß feindlich gesinnter Regierung abgeschaltet werden könnten, dazu führe, dass immer mehr Unternehmen nach Alternativen suchten. SAP sei „LLM-agnostisch“, könne also den Anbieter wechseln. Selbst sensible Kunden wie die Rüstungshersteller Diehl, Thales oder Airbus hätten sich für Lösungen von SAP entschieden.Auch den vor einigen Tagen vom Chat-GPT-Entwickler OpenAI selbst veröffentlichten Vorfall, wonach ein neues KI-Modell eigenständig aus einer Testumgebung ausgebrochen sei, sich Zugang zum Internet verschafft habe und ein anderes Unternehmen gehackt, nahm Asam demonstrativ gelassen auf. Auch dieser Vorfall mache das Geschäftsmodell von SAP nur attraktiver, schließlich übernehme der Konzern für die von ihm entwickelten KI-Agenten auch die Wächterfunktion für seine Kunden.Der Vorstand bekräftigte den Ausblick für das Gesamtjahr. Die Prognose für das Betriebsergebnis passte er wegen zweier im Juli abgeschlossenen Übernahmen – von Dremio und Prior Labs, beide offenkundig defizitär – um 100 Millionen Euro nach unten an: Es soll jetzt von 10,4 Milliarden Euro im Vorjahr auf 11,8 bis 12,2 Milliarden Euro wachsen.Im Zwischenbericht verweist die SAP-Führung darauf, dass die Prognose unter der Annahme einer Entschärfung des Krieges im Nahen Osten steht. Sollte sich die Lage dort verschärfen, könne das für die eigenen Geschäfte „möglicherweise erhebliche negative Folgen“ haben. Darauf angesprochen sagte Asam, es sei kaum möglich, eine Vorhersage zu treffen.Die neuerliche Verschärfung sei ein Déjà-vu, Ähnliches habe man im ersten Quartal erlebt und müsse nun schlicht abwarten. Unter den Kunden nahe der Kriegsregion habe der Konzern bisher aber keine Investitionszurückhaltung festgestellt. Zudem, so Asam, habe die zwischenzeitliche Beruhigung der Situation zu einer Anpassungsreaktion der Unternehmen geführt.Geht es nach den Prognosen des Vorstands, dann wird sich das Konzernwachstum im nächsten Jahr beschleunigen. Die operativen Aufwendungen sollen zugleich langsamer wachsen, der Gewinn also wieder steigen. Asam sagte, zurzeit investiere SAP mehr in Forschung, Entwicklung und KI, diese Entwicklung sei aber endlich. Erhebliche Investitionen wie beim Cloud-Umbau erwartet der Vorstand nicht.An der Börse dringt die Führungsriege von SAP allerdings seit Monaten schon mit ihrem Optimismus nicht durch. Die Sorge, dass Künstliche Intelligenz die Geschäftsmodelle von Software-Anbietern zunichtemachen könnte, hält auch den Aktienkurs von SAP unter Druck. Im zurückliegenden halben Jahr haben die Papiere ein weiteres Drittel an Wert verloren, SAP wurde als wertvollstes börsennotiertes Unternehmen Deutschlands entthront.Aktuell führt Siemens die Liste an, mit einer Marktkapitalisierung von 210 Milliarden Euro. SAP rangiert nach Airbus und Allianz erst auf Platz vier mit knapp 150 Milliarden Euro. Reine KI-Anbieter sind solchen Bewertungen längst entrückt. Zum Vergleich: Der Chat-GPT-Entwickler Open AI wird von Experten bei seinem geplanten Börsengang auf eine Billion Dollar taxiert.