Der Body-Mass-Index (BMI) galt lange Zeit als einfach zu erhebendes Maß für Gesundheit. Wer sich daran orientiert, so die Idee, reduziert sein Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und viele andere Leiden. Auch Krebs komme seltener vor, wenn der BMI im Normalbereich zwischen 18,5 und 24,9 liegt, war die Annahme. Doch mittlerweile hat sich gezeigt, dass der BMI wohl doch nur eine sehr grobe und keineswegs sichere Orientierung bietet – auch, was das Krebsrisiko anbelangt. Denn eine Analyse, die Wissenschaftler um Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg gerade veröffentlicht haben, belegt, dass das Krebsrisiko von Körperfett doppelt so hoch ist wie bislang angenommen.Es ist bereits seit Längerem bekannt, dass es einen Zusammenhang zwischen Fettgewebe und der Entstehung von Krebs gibt: Fettgewebe ist nicht einfach nur ein Energiespeicher, sondern es produziert Hormone und löst Entzündungen aus. Beides fördert die Entstehung von Tumoren. Zudem führt zu viel weißes Körperfett häufig zu einer Insulinresistenz und in der Folge zu hohen Insulinwerten im Blut: Insulin aber ist nicht nur dafür zuständig, Zucker aus dem Blut in die Zellen zu befördern, sondern auch ein Wachstumsfaktor, der bewirkt, dass sich Krebszellen schneller teilen.Bauchumfang ist wichtiger als Body-Mass-IndexAber wie wirken sich diese Effekte des Fetts auf die konkreten Krebserkrankungszahlen aus? Bislang gingen Wissenschaftler davon aus, dass zwei bis acht Prozent aller Krebserkrankungen wegen eines zu hohen Körpergewichts entstehen. DKFZ-Epidemiologe Brenner hatte aber die Vermutung, dass dieser Anteil zu gering ist. Denn die bisherigen Analysen zur Bestimmung von Übergewichtigen in Studiengruppen nutzten meist den BMI. Doch dieser wird alleine aufgrund von Körpergröße und -gewicht berechnet. Doch ein sehr muskulöser Mensch kann den gleichen BMI haben wie einer mit einem hohen Körperfettgehalt – einfach, weil beide gleich groß und schwer sind. Nur stammen die Kilos bei dem einen vom Fett, beim anderen von Muskelmasse. Seit Längerem wird deshalb gefordert, für die Bestimmung des Krankheitsrisikos nicht nur das Gesamtkörpergewicht, sondern besser die Relation von Taillen- und Hüftumfang oder zumindest den Taillenumfang ins Verhältnis zur Körpergröße zu setzen. Mithilfe des Bauchumfangs lässt sich die viszerale Fettmenge deutlich besser abschätzen als mit dem Gewicht.Zudem, schreiben Brenner und sein Team, führt Krebs häufig zur Gewichtsabnahme. Undiagnostizierte Krebserkrankte könnten also bereits weniger wiegen, der Zusammenhang zwischen vormaligem Übergewicht und der Entstehung des Tumors wäre somit übersehen worden.Die Wissenschaftler haben sich nun bemüht, diese Faktoren, die zu einer Fehleinschätzung der Anzahl der auf Übergewicht zurückgehenden Krebserkrankungen geführt haben, zu berücksichtigen. Sie haben dabei alle Krebsarten, auch seltenere und solche, wo der Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krebsentstehung bislang nicht belegt ist, in ihre Analyse einbezogen. In ihre Auswertung flossen die Daten von gut 450.000 Menschen aus der britischen UK Biobank ein, sie wurden im Mittel zwölf Jahre lang nachverfolgt. Von ihnen erkrankten gut 50.000 in dieser Zeit an Krebs. Beim Vergleich von BMI und dem Bauchumfang als Krebsprädiktor war Letzterer deutlich aussagekräftiger.Dadurch, dass die Forscher schrittweise die ersten Jahre nach Beginn der Studie aus der Auswertung ausschlossen, konnten sie die Verzerrung durch einen krebsbedingten Gewichtsverlust vermindern. Denn so wurde der Anteil derjenigen reduziert, die – ohne es zu wissen – bereits zum Beginn der Studie an Krebs erkrankt waren und deshalb Gewicht verloren hatten – also weniger adipös oder übergewichtig waren als zum Zeitpunkt der Entstehung des Krebses.Im Ergebnis zeigt sich, dass Übergewicht als Krebsauslöser bislang unterschätzt wurde. Nicht wie bisher angenommen 5,5 Prozent, sondern bis zu 11,5 Prozent der Krebsfälle lassen sich auf zu viel Fett zurückführen – jede zehnte Krebserkrankung. Bei Frauen ist der Effekt etwas größer als bei Männern.
Übergewicht: Krebsrisiko doppelt so hoch wie gedacht
Fettgewebe ist nicht einfach nur ein Energiespeicher, sondern beeinflusst den Stoffwechsel. Und es trägt offenbar doppelt so viel zur Entstehung von Krebs bei als bisher angenommen.







