Wie frustriert Fernando Alonso zurzeit ist, lässt sich ganz gut an seinen Prioritäten ablesen. Sein Fokus, sagte der 44-Jährige neulich beim Grand Prix von Belgien, liege darauf, am Sonntag so schnell wie möglich die Rennstrecke hinter sich zu lassen, um es sich rechtzeitig auf seiner Couch bequem zu machen für das Finale der Fußball-WM. Er selbst war auf einem miserablen letzten Platz gelandet, aber was er dann vor dem Fernseher sah, dürfte ihn vielleicht sogar zuversichtlich für sein eigenes Schicksal gestimmt haben. Denn wenn sich die Geschichte gewissermaßen wiederholt hat, könnte das doch abermals in einer Variation passieren. Oder nicht?Als die spanische Fußball-Nationalmannschaft 2010 Weltmeister wurde, mit einem Spieler mehr als die Niederlande und dem einzigen Tor in der Verlängerung, gewann der Rennfahrer aus Asturien den folgenden Grand Prix mit Ferrari. Und wie war das doch gleich diesen Sommer? La Roja siegte 1:0 gegen zehn Argentinier und schoss das eine entscheidende Tor in der Verlängerung. Gemäß dieser sportastrologischen Logik könnten die Leiden des ehrgeizigen Alonso in Budapest also zumindest gelindert werden. Wie passend, dass sein Team für dieses Wochenende eine dringend notwendige Rundumerneuerung geplant hat – von der auch abhängt, ob die Formel 1 einen ihrer Charismatiker behält.Formel-1-Weltmeister Lando Norris:Nur nicht zum One-Hit-Wonder werdenDas Weltmeisterteam hängt der Entwicklung hinterher, Lando Norris scheint den Preis für den dramatischen Endspurt im Titelkampf aus dem Vorjahr zu zahlen. Kann er seinen McLaren wieder nach vorn bringen?Alonso war 2023 gekommen, um Aston Martin mitzuentwickeln und zu Erfolgen zu lenken. Im Auftaktjahr der Zusammenarbeit gelang das auch. Nun aber geht es für ihn darum, einen Weg aus dem dunklen Tunnel zu finden, um die Lust nicht komplett zu verlieren. In der Gesamtwertung sind in dieser Saison nur vier Fahrer von insgesamt 22 Piloten schlechter als er. Bloß ein Pünktchen hat Alonso nach zehn Rennen gesammelt, so wenige, wie Aston Martin auch als Team zusammenkratzen konnte. Vorletzter vor Neuling Cadillac – das entspricht weder dem Anspruch des zweimaligen Champions noch den Ambitionen von Team-Boss Lawrence Stroll.Dabei sollte diese Saison alles besser werden, mit dem AMR26 aus der Feder des von Red Bull abgeworbenen Design-Genies und Titelabonnenten Adrian Newey und den Abermillionen, die Stroll in dieses Projekt inklusive neuem Windtunnel und hochmoderner Fabrik steckt. Das Design des Wagens wurde gelobt, konkurrenzfähig hat das jedoch nicht gemacht. Statt durchzustarten, gleicht die erste Saisonhälfte einer sehr teuren Bruchlandung. Die kam so unerwartet, dass Newey schon gestand, sich hilflos zu fühlen, und Verantwortung für die Probleme übernommen hat. Die „mutige Entwicklungsrichtung“ habe er vorgegeben, weil keine Zeit gewesen sei, mehrere Konzepte zu vergleichen. Auf den 67-Jährigen sind auch jetzt die Blicke gerichtet, wenn es darum geht, die Wende einzuleiten.„Ich habe null Zweifel daran, dass Adrian früher oder später das beste Auto im Feld bereitstellen wird“, sagt Fernando AlonsoMit zwei Schritten will Aston Martin sich aus der Misere ziehen: In Budapest geht ein quasi neues Auto auf die Strecke, leichter, das Chassis komplett überarbeitet, wie es hieß. Das alte Chassis haben sie zur Sicherheit aber mitgebracht. Nach der Sommerpause kommt in Zandvoort zur veränderten Aerodynamik ein neuer Motor von Honda dazu. Mit dem aktuellen sind die Boliden nicht nur langsam, er ist geradezu unfahrbar gewesen. Die vom überlasteten Motor ausgelösten Vibrationen waren teils derart stark, dass die Hände und Füße der Fahrer Alonso und Lance Stroll sich taub anfühlten und Newey anfangs gar eine dauerhafte Schädigung der Nerven befürchtete.Ja, jenes Honda, mit dessen Motor Red Bull dominierte und mit Mastermind Newey mehrere Weltmeisterschaften gewann. Damals aber eben noch mit einer anderen Motoren-Crew, die sich aufgrund des einst beschlossenen und dann wieder revidierten Formel-1-Austiegs stark verändert hat. So lange mit Anpassungen zu warten, während die anderen Teams immer wieder Upgrades eingeführt haben, sei „eine schmerzhafte Entscheidung“ gewesen, hatte Newey kürzlich erklärt, angesichts des Umfangs aber nicht anders umsetzbar.Ein Mann und seine Mappe: Aston Martins Chefdesigner Adrian Newey hat das für ihn typische Accessoire quasi immer dabei. Andrej Isakovic/AFPUm zu erklären, was sich ab dem Rennen auf dem Hungaroring verändern soll, saßen am Donnerstag Chief Trackside Officer Mike Krack und Hondas Formel-1-Chefingenieur Shintaro Orihara an einem Tisch in dem im Aston Martin Racing Green lackierten Motorhome. Um sie herum Dutzende Journalisten, über sich eine Ton-Angel von Netflix, der kriselnde Rennstall liefert schließlich guten Erzählstoff. „Wir müssen so schnell wie möglich lernen“, sagte Krack. „Wir tun das, um zu racen. Die vergangenen Rennen haben wir das nicht getan. Und genau dazu müssen wir zurückkehren.“ Die Formel 1 ist ohnehin ein komplexer Sport, das in diesem Jahr eingeführte Batterie-Reglement macht es nicht leichter. Krack mahnt zur Geduld und einem entsprechenden Erwartungsmanagement. Das Ziel lautet: mit beiden Autos die Ziellinie überqueren: „Wenn wir es schaffen, um etwas zu kämpfen, wenn wir wieder im Spiel sind, wieder racen, dann war es ein gutes Wochenende.“Sollte Krack ein paar Stunden später der Pressekonferenz gelauscht haben, dürfte er aufgeatmet haben angesichts der Aussagen seiner treibenden Kraft im Cockpit. Er sei zuversichtlich, dass das Team alle Probleme lösen werde. „Das braucht zwar Zeit“, sagte Fernando Alonso. „Aber ich habe null Zweifel daran, dass Adrian früher oder später das beste Auto im Feld bereitstellen wird.“ An der Herangehensweise werde sich ohnehin nichts ändern, Aston Martin sei hier, um Rennen und Titel zu gewinnen. Das aber dürfte noch mehr Zeit brauchen – deshalb schob er zur Sicherheit noch eine Mahnung hinterher. „Ich fühle mich frisch, motiviert, schnell. Aber ich muss auch genießen, was ich tue“, sagte Alonso. „Ich spüre nicht mehr das gleiche Adrenalin wie früher.“Ein Rennfahrer wie er zweifelt nicht an seinem Können, wohl aber an Material und Regeln. Dass es anderswo in der Welt des Motorsports auch schön und er dort erfolgreich sein kann, hat Alonso während seiner Formel-1-Pause schon erfahren. Unter anderem reüssierte er bei den 24 Stunden von Le Mans. Sein Vertrag läuft offiziell zum Saisonende aus. Am Donnerstag sagte er lapidar auf die Frage nach der Zukunft: „Ich habe einen Vertrag.“ Das konnte durchaus als Andeutung verstanden werden.
Formel 1 in Budapest: Gelingt Fernando Alonso und Aston Martin die Wende?
Die Erwartungen an Aston Martin mit Adrian Newey am Zeichenbrett und Fernando Alonso am Steuer waren groß. Nach einer miserablen ersten Saisonhälfte setzt das Team in Budapest auf eine Rundumerneuerung, an der auch die Zukunft von Alonso hängt.











