Der Soziologe des Verdachts: Was bleibt vom Werk des einstigen intellektuellen Superstars Pierre Bourdieu?Seine Studien über den gesellschaftlichen Aufstieg und die «feinen Unterschiede» zwischen den Klassen machten den Franzosen weltberühmt. Doch seine politisierte Forschung ist heute eine Warnung.Tilman Allert24.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Chancengleichheit als Illusion entlarvt: der Soziologe Bourdieu.Ulf Andersen / Hulton / GettySeine These ist explosiv. Als Pierre Bourdieu vor über einem halben Jahrhundert gemeinsam mit Jean-Claude Passeron die Studie «Les héritiers: les étudiants et la culture» veröffentlicht, löst er eine Debatte aus, deren Nachwirkungen bis heute spürbar sind. Die Untersuchung über die französische Universität macht auf einen Sachverhalt aufmerksam, der inzwischen zum Grundbestand soziologischer Einsichten gehört: Bildungserfolg ist keineswegs nur eine Frage individueller Begabung. Voraussetzungen, die lange vor dem Eintritt in Schule und Universität erworben wurden, stellen die Weichen für Beruf und Karriere. Zur Kunst des elaborierten Sprechens, ohne die im Land der Rhetorik der gesellschaftliche Aufstieg undenkbar ist, liefert Bourdieu reiches Anschauungsmaterial. Welche politische Brisanz seine Befunde enthalten, macht auch die deutsche Übersetzung «Die Illusion der Chancengleichheit» von 1971 deutlich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Übergang in die postindustrielle Gesellschaft stellte die Universitäten der europäischen Staaten vor das Problem, den Zugang zu akademischen Karrieren für andere Milieus zu öffnen. Die Frage nach den tatsächlichen Chancen des sozialen Aufstiegs wurde zu einem politischen Thema ersten Ranges weit über Frankreich hinaus.Im gleichen Zeitraum wie Bourdieu erforscht Basil Bernstein in England die schulischen Folgen des restringierten, also limitierten Sprechens von Arbeiterkindern, in Deutschland greift der Habermas-Schüler Ulrich Oevermann nach ähnlich deutlichen Befunden aus soziolinguistischen Studien in die Debatte über die «Bildungskatastrophe» ein. Bourdieu, unter den dreien der Produktivste, gelingt es, binnen kurzem zum Star der internationalen Soziologie aufzusteigen. Seine Reputation ist bis heute unangefochten. Weltweit tauchen seine Schriften in den Curricula der Sozial- und Kulturwissenschaften auf. Für eine ganze Generation von Soziologen werden seine Schriften nahezu kanonisch.Der kulturelle KonsumDie akademische Karriere des 1930 geborenen Sohns eines Postbeamten aus dem ländlichen Südfrankreich beginnt Ende der fünfziger Jahre mit ethnografischen Studien in Algerien. Über eine bäuerliche Dorfgemeinschaft aus den Kabylen zeichnet er das Porträt eines vormodernen Milieus, in dem die «ganze Sozialordnung wie eine immense symbolische Maschine» funktioniere, die auf «männlicher Herrschaft» beruhe. Ähnlich wie für Albert Camus wird die Konfrontation mit der Kolonialherrschaft zu einer Schlüsselerfahrung seiner intellektuellen Entwicklung. Die Soziologie Algeriens stellt die Weichen für seine Selbstdefinition als Wissenschafter. In Frankreich bedeutet das, sich in der Tradition des Strukturalismus eines Claude Lévi-Strauss zu verorten. Bourdieu entscheidet sich, mithilfe der Soziologie die Philosophie fortzuentwickeln.Seine Arbeiten, die in Paris während einer Professur am prestigeträchtigen Collège de France entstehen, greifen ein Paradigma auf, das dem optimistischen Zeitgeist der Nachkriegsjahrzehnte entgegensteht: Das moderne Frankreich als Klassengesellschaft in den Blick zu nehmen und das Aufstiegsversprechen höherer Bildung als Illusion nachzuweisen, bildet den Ausgangspunkt seiner Analysen kulturellen Geschmacks. Sein Hauptwerk, «Die feinen Unterschiede», erscheint 1979. Darin zeigt er, wie persönlicher Geschmack von der sozialen Herkunft bestimmt wird. Es ist gerade der klassentheoretische Zugriff, der ihm binnen kurzem die internationale Verbreitung seiner Arbeiten sichert. Im Milieu der Intellektuellen fällt eine solche Perspektive auf fruchtbaren Boden. 1981 feiert die Linke die Präsidentschaft von François Mitterrand als Etappensieg gegen das Voranschreiten des neoliberalen Denkens. Bourdieus Soziologie liefert die theoretische Sprache für die neue Zeit.Dessen ungeachtet treten die gravierenden Konstruktionsfehler seiner Theorie schon früh zutage. Sie betreffen die Frage, wie menschliches Handeln zu verstehen sei – eines der grundlegenden Themen für alle Sozial- und Kulturwissenschaften. Obwohl er den Kanon der Disziplin umfassend rezipiert – Erwin Panofskys Habitusbegriff spielt eine Schlüsselrolle –, unterliegt sein theoretischer Zugriff einer Engführung mit erheblichen Folgen: Handeln ist Kampf, Handeln ist Konkurrenz. Was durchaus ein Befund einer sozialwissenschaftlichen Analyse sein kann, steckt von vornherein in den Prämissen. Max Weber hat immer wieder hingewiesen auf die Bedeutung individuell auszufüllender Handlungsspielräume innerhalb strukturierter Kontexte. Davon ist bei Bourdieu nicht mehr die Rede. Dass es Handlungsregeln gibt, die soziale Beziehungen überhaupt erst begründen, ein Gedanke, der theoriegeschichtlich gerade zu den Errungenschaften des Strukturalismus gehört, übersieht er.Wie sich die Analyseperspektive verengt, zeigt seine Studie über den Kunstbetrieb. Statt auf die immanente Rekonstruktion der Werkbesonderheiten, Stileigentümlichkeiten und ästhetischen Bedeutungen beschränkt sich Bourdieu in «Die Regeln der Kunst» darauf, diese Merkmale als Mittel der Konkurrenz herauszustellen, in der sich kanonisierte und nichtkanonisierte Schulen gegenüberstehen, sich Orthodoxe und Häretiker bekämpfen und um die Gunst des Publikums werben. «Universelle Normativität», wie es in der Auseinandersetzung mit der hermeneutischen Methode Hans-Georg Gadamers heisst, erscheint in seiner Soziologie allenfalls als «blosse Rationalisierungen» partikularer Interessen.Analytische VerengungBourdieu wird ein Theoretiker des Verdachts, und die Soziologie schrumpft auf eine vereinseitigende Position der Sozialkritik. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang sein Verständnis von Sozialisation. Erfahrungsräume in der Eltern-Kind-Beziehung, deren inhärenter Dynamik ein Innovationspotenzial eigen ist, bleiben unteranalysiert. Der herrschaftstheoretischen Prämisse gemäss erscheinen Eltern als «Indoktrinationsinstanzen», ein Urteil, das allein mit Bourdieus eigenem Aufstieg aus einem bildungsfernen Milieu zum Star-Professor Lügen gestraft wird.Wer der Frage nachgeht, wie sich das Werk Bourdieus trotz dieser analytischen Verengung zu einem Evangelium innerhalb der Sozial- und Kulturwissenschaften hat entwickeln können, stösst letztlich auf Jean-Paul Sartre. Der Philosoph und Schriftsteller ist die zunächst implizite, später offen benannte Referenz für die politischen Stellungnahmen Bourdieus. Die intellektuelle Kritik zu überbieten, die Position der Wertneutralität des Forschers zu verlassen, um sich in den Klassen- und Verteilungskämpfen der Gegenwart eindeutig zu artikulieren, wird für Bourdieu das erstrebenswerte Ziel. Es gilt, der Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen den Status unbezweifelbarer wissenschaftlicher Evidenz zu verleihen.Doch was bleibt von Pierre Bourdieus Werk? Der Intellektuelle, der durch Parteinahme in die Kämpfe der Gegenwart eingreift, wird sein professionelles Ideal. Es ist eine Entscheidung, die einen Preis hat, nämlich die unterkomplexe Analyse seines Landes: Frankreich als eine bäuerliche Kultur, «La France profonde», die für Frankreichs Eliten typische Persistenz des Höfischen, die Katholizität ebenso wie die im Staatsverständnis geradezu sakralisierte Laizität, kurzum: die «longue durée» des Ständischen, die Mischung aus revolutionärem Elan und Konservatismus als eigentümlichen Merkmalen der französischen Kultur tauchen im rigiden klassentheoretischen Forschungsdesign nicht auf.Im Lichte von Max Webers These von der ewigen Jugendlichkeit aller historischen Disziplinen, denen der «Fluss der Kultur stets neue Problemstellungen zuführt», bei denen «die Vergänglichkeit, aber auch zugleich die Unvermeidbarkeit immer neuer idealtypischer Konstruktionen zum Wesen der Aufgabe» gehört, wäre das Verblassen von Bourdieus Ansatz kein Anlass zu Trübsinn. Die Prominenz eines der wichtigsten Nachkriegsautoren der Soziologie hinterlässt vielmehr kommenden Generationen von Forschern und Forscherinnen die Aufgabe, die Komplexität der Analyse zu erhöhen.Tilman Allert ist emeritierter Professor für Soziologie und Sozialpsychologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.Passend zum Artikel