Die Freiburger Zeitungsinstitution gerät ins WankenEinst ein stolzes katholisches Kampfblatt gegen liberale Tendenzen, hat sich die Freiburger Tageszeitung «La Liberté» zu einem unabhängigen, resilienten Regionalmedium gewandelt. Doch nun ist es es zu einer Massenentlassung gekommen.Eva Hirschi, Freiburg24.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenVor dem Redaktionsgebäude von «La Liberté» demonstrieren am 9. Juli 2026 Mitarbeiter und Gewerkschaftsvertreter gegen die Entlassungen.Peter Schneider / KeystoneLange schien es, als würde «La Liberté» allen schlechten Prognosen der Branche trotzen – die Freiburger Tageszeitung galt als Musterbeispiel eines resilienten Regionalmediums, noch dazu von einem unabhängigen Medienhaus. Während die Leserzahlen bei vielen Tageszeitungen grosser Verlage einbrachen, hielten sich diejenigen von «La Liberté» wacker.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Andere Medien schweizweit versuchten währenddessen verzweifelt, den sinkenden Abonnentenzahlen und Werbeeinnahmen mit Investitionen ins Digitale Einhalt zu gebieten. In Freiburg hingegen schien man den umgekehrten Weg zu gehen: Vor ein paar Jahren löschte «La Liberté» ihre App. Auch die Videostrategie wurde eingestellt. Statt auf moderne Formate setzte die Zeitung auf das, was sie schon immer getan hatte: soliden Regionaljournalismus, ohne Firlefanz.Nun wurde auch das stolze Freiburger Blatt von der ökonomischen Realität eingeholt. Ende April verkündete die Direktion eine Massenentlassung. 13,5 Vollzeitstellen wurden gestrichen, die Kündigungen im Juli ausgesprochen. Viele Medienschaffende auf der Redaktion traf diese Ankündigung wie ein Schlag. «Doch nicht bei uns», so die Reaktionen. An solche Hiobsbotschaften hatte man sich in der Westschweiz in Redaktionen grosser Medienhäuser wie Tamedia bereits gewöhnt, doch beim unabhängigen Urgestein «La Liberté» war dies für viele bislang undenkbar.Es geht auch um Gewinnmaximierung«Wir hatten gewusst, dass es zu Einsparungen kommen würde, aber dieses Ausmass hat uns sehr erschreckt», sagt Julie Rudaz, Journalistin und Präsidentin der Redaktionskommission. Sie sitzt auf der Terrasse des «Café de la Presse» gegenüber dem Redaktionsgebäude am Boulevard de Pérolles. Mit den Gewerkschaften Syndicom und Impressum im Rücken schlug die Personaldelegation der Direktion alternative Lösungen vor, doch diese fruchteten nichts. Auch die Demonstration Anfang Juli vor dem Redaktionsgebäude mit rund hundert Personen, an welcher neben Medienschaffenden auch Politikerinnen und Politiker teilnahmen, brachte nichts.«Was wir nicht verstehen, ist die Dringlichkeit der Entlassungen und warum St-Paul Médias seiner sozialen Verantwortung als Arbeitgeber nicht gerecht wird. Die Hälfte der entlassenen Personen sind über fünfzig Jahre alt, einige sehr nah am Pensionsalter. Sie haben kaum Aussichten auf eine neue Anstellung in der Branche», so Rudaz.Bei den Entlassungen gehe es nicht nur darum, den Verlust zu mindern, sondern einen Gewinn anzustreben. Das zeigt ein internes Schreiben des Verwaltungsrats, das der NZZ vorliegt. Dies, um Investitionen tätigen zu können. Dies sei nötig, sagt eine Person aus der Redaktion, die nicht mit Namen genannt werden möchte. Man betreibe Journalismus, wie man ihn 2010 gemacht habe.Keine Strategie in Sachen Digitaljournalismus zu haben, sei lange Zeit die beste Strategie gewesen. Andere Medien hätten mit Investitionen für Online-Formate viel Geld verloren, ohne neue Leser zu gewinnen. Doch diese Passivität habe dazu geführt, dass man viele wichtige Entwicklungen verschlafen habe.«Stellen gestrichen, Nachrichten in Gefahr»: Auch am 2. Juli 2026 gab es eine Kundgebung gegen die Entlassungen vor dem Hauptsitz des Konzerns in Freiburg.Anthony Anex / KeystoneVom katholischen Kampfblatt zur populären Tageszeitung«La Liberté» blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Gegründet hat die Zeitung der Chorherr Joseph Schorderet im Jahr 1871. Als Sprachrohr der katholischen Kirche sollte sie im Kulturkampf gegen liberale Tendenzen dienen. Weil die Typografen allerdings häufig streikten und um Kosten zu sparen, zückte Schorderet ein Ass aus dem Ärmel: Er gründete heimlich eine Kongregation – das Pauluswerk – mit jungen Frauen, die er als Typografinnen für die Zeitung einsetzte. Einen Lohn erhielten die Paulusschwestern nicht, nur Kost und Logis. Erst Jahre später, als die Paulusschwestern auch die Administration der Zeitung übernahmen, erstatteten sie sich das fehlende Geld in Form von Aktien – bis sie die Mehrheit hatten.1892 übernahmen die Schwestern die Zeitung komplett. Langsam öffnete sich das Blatt. 1970 distanzierte sich «La Liberté» unter dem neuen Chefredaktor François Gross von den konservativen Kräften im Kanton und löste sich von der Kirche – mit der Unterstützung des Pauluswerks, dessen Schwestern weit liberaler waren als der damalige konservative Gründer. Der Redaktion ermöglichte dies, das Blatt zu einer vollwertigen Tageszeitung auszubauen. So wurde «La Liberté» zu einer der wenigen kleinen Regionalzeitungen, die sich ein überregionales Renommee erarbeitet haben.Noch heute besitzen die Ordensschwestern zwei Drittel des Medienunternehmens St-Paul Médias AG. Das verbliebene Drittel gehört seit 2014 der Investmentgesellschaft Sofripa, an der die Freiburger Kantonalbank (BCF) und der Energieversorger Groupe E zu gleichen Teilen beteiligt sind. Die Zeitung ist unabhängig – in der Redaktionscharta zeugt lediglich der Verweis auf die humanistischen Werte von ihrer christlichen Vergangenheit.François Gross hatte seine Karriere bei der «Gazette de Lausanne» begonnen und war nach mehrjähriger Tätigkeit bei der SRG zwanzig Jahre lang Chefredaktor der Freiburger Zeitung «La Liberté».Christoph Ruckstuhl / KeystoneInvestitionen in VerzugIn den Kammern des Jugendstilgebäudes, in denen einst die Schwestern logierten, befinden sich heute die Redaktionsräume. Ein langer Gang führt durch die Mitte der Etage, gesäumt von Mobiliar, das seit Jahrzehnten dasteht. Von Hand beschriftete Akten stehen in massiven Holzregalen. Darauf vermerkt ist etwa «Reisen von Johannes Paul II.» oder «Schweizer Bischöfe – lebendig». Nicht nur die aufgehängte Uhr im Gang ist stehen geblieben, sondern auch, so scheint es, die Zeit selbst.Der Chefredaktor François Mauron sitzt in seinem Büro am grossen Tisch, darauf steht eine Tasse mit dem Schriftzug «Enjoy the silence» (Geniesse die Stille). Es sei ihm fast ein bisschen peinlich, in diesen alten Räumen zu empfangen, sagt er. Die Renovierung des Gebäudes sei dringend nötig, doch zuerst wolle man in neue Projekte investieren – denn nicht nur eine Restrukturierung, sondern weit mehr ist geplant. Unter anderem soll die Redaktion der «Liberté» mit den zwei anderen Freiburger Blättern «La Gruyère» und «La Broye Hebdo» fusionieren.Während «La Gruyère» sich dem südlichen Teil des Kantons widmet, berichtet «La Broye Hebdo» über den nordwestlichen Teil. Ironischerweise wurde «La Gruyère» ursprünglich als radikaldemokratische Gegenstimme zur katholisch-konservativen «La Liberté» gegründet. Die Konkurrenten sollen in Zukunft also zusammenarbeiten, die übergreifende Redaktion wird neben ihrem Sitz in Freiburg auch einen in Bulle bei «La Gruyère» und einen in Payerne bei «La Broye Hebdo» haben.Allerdings erscheint «La Gruyère» nur dreimal pro Woche, «La Broye Hebdo» nur einmal. «Unser Ziel ist es, Kräfte zu bündeln und die regionale Berichterstattung zu verstärken», so Mauron. Es reiche, wenn künftig ein Journalist die Matchberichte des FC Bulle oder die Wettkämpfe der Greyerzer Ski-Freestylerin Mathilde Gremaud übernehme. Die «brennende Aktualität» sowie Einordnungen zu Ereignissen, die für den ganzen Kanton relevant seien, würden online sowie in der Printausgabe der «Liberté» erscheinen; Lokaleres hingegen in «La Gruyère» und «La Broye Hebdo». «Jeder Titel soll seine Identität behalten. Das Angebot der drei Zeitungen soll komplementär sein.»Skepsis und Kritik in den RedaktionenPhilippe Huwiler, Journalist bei «La Gruyère», ist der Fusion gegenüber kritisch eingestellt: «Das Korrektorat wurde gestrichen, und das Layout wird künftig nur noch in Freiburg und nicht mehr in Bulle gemacht.» Hinter das Vorhaben, hintergründige Artikel für die Printausgabe zu schreiben, gleichzeitig aber auch aktuelle Nachrichten für «La Liberté» und das Web, setzt er ein grosses Fragezeichen. Dazu, wie die Zusammenarbeit künftig konkret aussehen solle, gebe es noch keine Informationen – was in den drei Redaktionen Unruhe auslöst. «Die Fusion macht mir Sorgen», sagt Huwiler. «Ich bin seit dreissig Jahren Journalist. Was ich sehe: Wir werden weniger Arbeitskräfte, aber nicht weniger Arbeit haben.»Für den Chefredaktor François Mauron liegt die Lösung in Partnerschaften: Bereits jetzt beziehen sie die internationale Berichterstattung von der französischen Zeitung «Libération». Auch für das Inland soll eine Partnerschaft angestrebt werden. Das ist keine Revolution: Die deutschsprachige Tageszeitung «Freiburger Nachrichten» etwa bezieht bereits nationale und internationale Nachrichten von der Zentralredaktion von CH Media.«Unser Ziel ist es, die regionale Berichterstattung zu verstärken», sagt der Chefredaktor François Mauron.Laurent Gilliéron / KeystoneDennoch wird der Druck auf die Redaktionen von St-Paul Médias wachsen: 2014 wurde die Paulusdruckerei geschlossen, seither werden die Freiburger Zeitungen bei Tamedia in Bern gedruckt. Doch wegen der kürzlichen Schliessung zweier anderer Tamedia-Druckereien (in Bussigny bei Lausanne und in Zürich), kommt es in der Druckerei in Bern zum Stau – einige Zeitungen müssen nun früher gedruckt werden, Redaktionsschluss ist bei der «Liberté» deshalb bereits um 19 Uhr 50. Aktuelle Berichterstattung des Abends – Sportmatches, aber auch Parteiversammlungen oder Kulturveranstaltungen – wird also nicht mehr in der Printausgabe stattfinden, sondern nur noch online.Deshalb will das Medienhaus nun doch wieder eine App. Diese ist – zusammen mit einem neuen Layout für die drei Titel – für Februar geplant. Auch will man es wieder mit Videos und verstärkt mit Social Media versuchen. Innovativ ist dies nicht. Die Sichtbarkeit der Titel zu erhöhen, ist das eine. Wie man aber daraus neue, zahlende Leserinnen und Leser macht, dafür hat bislang kein traditionelles Medium ein allgemeingültiges Rezept gefunden.Für Philippe Amez-Droz, Medienökonom und bis vor kurzem Dozent an der Universität Genf, ist die Ausgangslage paradox: «Einerseits müssen Regionalzeitungen den Akzent auf das Regionale setzen, denn dort haben sie ein Alleinstellungsmerkmal und können einen Mehrwert bringen.» In der internationalen Berichterstattung könnten sie ohnehin nicht mit den grossen Medienhäusern mithalten. «Andererseits erodiert die regionale Identität der Leserschaft. Durch die Mobilität und die Digitalisierung ist das Leben oft weniger ortsgebunden als früher – weshalb auch das Interesse für die lokale Berichterstattung gesunken ist.» Ein Problem, das nicht nur Freiburg, sondern Regionalzeitungen schweizweit betrifft.Passend zum Artikel
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