Preishoch bei Benzin und Diesel: Autolenker haben noch mehr Probleme als den Iran-KriegErdöl kostet erneut über 100 Dollar pro Fass – aber Treibstoffe sind weltweit schon viel früher wieder teurer geworden. Die Schweiz hat eine besondere Sorge.24.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenBenzin und Diesel sind knapper als das Rohöl, aus dem sie hergestellt werden: Lager für Ölprodukte an der Themsemündung in England.Dan Kitwood / GettyMitten in der Reisezeit macht die Fahrt an die Tankstelle wenig Freude. Treibstoff ist wieder deutlich teurer geworden: Ein Liter Bleifrei 95 kostet laut dem Touringclub Schweiz (TCS) durchschnittlich 1.92 Franken. Das ist der höchste Wert seit Beginn des Iran-Kriegs. Ähnlich ist es bei Bleifrei 98. Noch kostspieliger ist Diesel. Der Liter steht nun bei 2.10 Franken, liegt damit aber noch knapp unter dem Hoch von Ende März.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nach Hormuz erwischt es jetzt die Hormuz-AlternativeDoch auch das Diesel-Hoch könnte bald egalisiert werden. Für die Weltwirtschaft ist Diesel der mit Abstand wichtigste Treibstoff. Er wird für schwere Fahrzeuge und Maschinen benötigt, von Lastwagen über Traktoren bis zu Lokomotiven. Und beim Diesel zeigen sich die Versorgungsprobleme, die der Iran-Krieg ausgelöst hat, besonders deutlich.Das hängt erstens mit der Rohölversorgung zusammen. Die Strasse von Hormuz ist durch neue Angriffe Irans auf Handelsschiffe wieder zu gefährlich für Passagen geworden. Der im Juni angeschwollene Strom an Tankern durch die Meerenge hat stark abgenommen. Aus dem mittelschweren Rohöl der Golfregion werden bevorzugt Diesel und Kerosin hergestellt.Zudem ist jetzt die wichtigste Ausweichroute in Gefahr: Saudiarabien hatte Rohöl per Pipeline an die Westküste des Königreichs transportiert und von dort durch das Rote Meer verschifft. Doch seit iranfreundliche Huthi-Rebellen aus Jemen saudische Tanker beschiessen, ist dieser alternative Transportweg ebenfalls riskant.Rohöl der Referenzsorte Brent kostete am Donnerstag wieder mehr als 100 Dollar je Fass. Das sind 40 Prozent mehr als Anfang Juli und ist der höchste Wert seit Ende Mai. Auch die amerikanische Referenzsorte WTI hat sich stark verteuert. Damit nicht genug: Die Preisaufschläge für Benzin und Diesel gegenüber dem benötigten Rohöl hätten zuvor Rekordstände erreicht, schreibt die Grossbank HSBC.Für Benzin und Diesel gibt es zusätzliche ProblemeDie Preise für Ölprodukte hatten sich schon Anfang Juni von den Kosten des Rohstoffs entkoppelt. «Die Märkte für raffinierte Ölprodukte wie Diesel und Benzin sind deutlich enger als für Rohöl», hielt die Internationale Energieagentur (IEA) in dieser Woche warnend fest. Bei der Versorgungssicherheit gebe es keinen Raum für Selbstgefälligkeit.Grund für den überproportionalen Preissprung sind Probleme in wichtigen Raffinerien: Die Anlagen in der Golfregion haben viel Diesel und Kerosin hergestellt. Sie produzieren noch nicht wieder auf vollen Touren (und ohnehin erscheint der Exportweg für ihre Waren nun wieder unsicher).Derweil sind die Ausfuhren von Diesel aus Russland, dem weltweit zweitgrössten Exporteur, wegen ukrainischer Angriffe auf die dortigen Raffinerien gestoppt. Auch China exportiert auf staatlichen Befehl weniger Treibstoffe. Hinzu kommen in manchen Ländern Ausfälle von Raffinerien durch Wartung und Hitze. In der Summe ist das Angebot zu knapp für die Nachfrage, die zusätzlich durch die Ferienzeit auf der Nordhalbkugel angeheizt wird.Dem KI-Boom ist der Ölpreis egalEs ist bemerkenswert, dass der resultierende Preisanstieg die internationale Logistik in gewissem Masse kaltlässt. Transporteure geben die Treibstoffkosten an die Kunden weiter – und die Kunden sind noch nicht an der Schmerzgrenze: Mittel- und langfristig hätten die hohen Energiepreise sicher einen Einfluss auf den Endverbraucher, sagt Stefan Paul, Chef des Speditionsriesen Kühne + Nagel. «Aber momentan sehen wir nichts in der Nachfrage, das eine Abschwächung erkennen lässt.»Im Gegenteil: Kühne + Nagel lieferte am Donnerstag gute Geschäftszahlen für das zweite Quartal. Von April bis Juni steigerte der Konzern mit Sitz in Schindellegi den Umsatz auf 6,6 Milliarden Franken, ein Plus von 8 Prozent zum Vorjahreszeitraum. Seit Ende 2024 war der Erlös Quartal um Quartal gesunken. Jetzt legte auch der Gewinn deutlich zu.Als mit Abstand wichtigsten Grund nannte der Firmenchef Paul Transporte für den Bau von Rechenzentren. Diese Ausrüstung kommt oft aus Asien, muss oft in die USA und wird aus Zeitgründen auf dem besonders profitablen Luftweg befördert. Bei Kühne + Nagel schnitt die Luftfracht im zweiten Quartal besser ab als die Seefracht, was nicht oft geschieht. Das Unternehmen erwartet nun auch für das Gesamtjahr ein besseres Ergebnis.Kühne + Nagel ist ein Spiegel des Welthandels: Zwar könne ein anhaltender Nahostkonflikt durch die höheren Energie- und Transportkosten den Warenaustausch belasten, schrieb die Welthandelsorganisation (WTO) schon im März. Aber wenn das Momentum KI-getriebener Investitionen in Datenzentren anhalte, könne das den negativen Effekt kompensieren.Die Schweiz schaut auf den deutschen RheinpegelDem Schweizer Autofahrer hilft das allerdings wenig, wenn er an der Tankstelle bezahlen muss. Dabei hat er es noch gut: Steuern und Abgaben machen in der Schweiz rund die Hälfte des Treibstoffpreises aus. Das ist weniger als in vielen europäischen Ländern. Weil die Mineralölsteuer als Fixbetrag pro Liter erhoben wird, führt ein Anstieg des Rohölpreises nicht zu einem proportionalen Anstieg des Benzinpreises.Dafür hat die Schweiz ein anderes Problem: Sie ist bei der Versorgung mit Ölprodukten auf Importe angewiesen. Die einzige verbliebene Raffinerie des Landes in Cressier deckt nur rund 30 Prozent des inländischen Verbrauchs – und das Rohöl, das sie verarbeitet, muss ebenfalls eingeführt werden.Rund ein Fünftel der Ölimporte gelangen auf dem Wasserweg über den Rhein in die Schweiz. Doch der Rhein führt auch in Deutschland durch die anhaltende Trockenheit zu wenig Wasser. Steht der Pegel niedrig, müssen die Tankschiffe auf dem Weg von den Raffinerien höher im Wasser liegen, um nicht auf Grund zu laufen. Deshalb dürfen sie nicht voll beladen werden, und es braucht mehr Fahrten für die gleiche Menge Fracht. Das erhöht die Transportkosten.Der Touringclub schätzte den so resultierenden Preisaufschlag an der Tankstelle jüngst auf rund 8,5 Rappen pro Liter Benzin. Der Rheinpegel in den kommenden Wochen sei ein wesentlicher Risikofaktor, schreibt das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) im Lagebericht. Der Wasserstand lasse nur tiefe bis sehr tiefe Lademengen zu.Kämen weitere Probleme hinzu, etwa Beeinträchtigungen bei Importen auf dem Schienenweg oder bei Raffinerien im nahen Ausland, könnte es bei Benzin und Diesel gemäss dem BWL rasch zu einer Unterversorgung kommen. In diesem Fall stehen die Pflichtlager für Mineralölprodukte bereit. Sie reichen bei Benzin und Diesel für rund viereinhalb Monate.Anders als in anderen Ländern wurden die Lager in der Schweiz seit Beginn des Iran-Kriegs noch nicht angetastet. Zuletzt geschah dies in den Sommern 2022 und 2018. Auch damals war die eingeschränkte Versorgung über den Rhein die Hauptursache.Passend zum Artikel
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