GastkommentarRuedi NoserAussergewöhnliche Leistung, Unternehmertum und Risikobereitschaft werden in Europa unterbewertetIn Europa wird Leistung zunehmend reguliert und besteuert, aber gesellschaftlich nicht mehr wertgeschätzt. Die Konsequenz ist, dass Europa langfristig Schwierigkeiten haben wird, aussergewöhnliche Leistungsträger hervorzubringen.24.07.2026, 05.25 Uhr3 LeseminutenEuropa gerät in der technolgischen Entweicklung zunehmend ins Hintertreffen, das betrifft auch die Schweiz.Robert Hradil / GettyIm Gastkommentar «Wer Musk verstehen will, sollte Ayn Rand lesen» (NZZ 16. 7. 26) versuchen die Autoren zu erklären, warum Elon Musk so handelt, wie er handelt. Was genau die zentrale Botschaft des Artikels ist, bleibt allerdings unklar. Zwischen den Zeilen entsteht der Eindruck, dass die Autoren das Weltbild von Elon Musk und Ayn Rand als lächerlich oder primitiv betrachten und gleichzeitig die europäische beziehungsweise schweizerische Sichtweise als überlegen darstellen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Einige Seiten zuvor in derselben Zeitung sagt Sigmar Gabriel, dass Europa aufgrund seiner überlegenen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit lange Zeit als stark wahrgenommen wurde – und dass Europa diese Position in den vergangenen Jahren verloren hat.Das Werte- und MoralsystemGenau hier liegt eine zentrale Herausforderung für das europäische Werte- und Moralsystem. Eine Gesellschaft, die Leistung zunehmend reguliert und besteuert, sie aber nicht mehr wertschätzt, wird langfristig Schwierigkeiten haben, aussergewöhnliche Leistungsträger hervorzubringen. Innovationskraft und Produktivitätssteigerungen sind innerhalb einer Gesellschaft nicht gleich verteilt. Einzelne Personen oder Teams können ein Vielfaches produktiver sein als andere – in manchen Fällen das 30- bis 50-Fache.Wenn solchen Hochleistungsteams ein grosser Teil des wirtschaftlichen Erfolgs durch Steuern und Abgaben entzogen wird, besteht die Gefahr, dass sie ihre Ideen nicht mehr in Europa – oder konkret: in der Schweiz – verwirklichen. Dass aussergewöhnliche Innovationen unter solchen Rahmenbedingungen schwieriger entstehen, lässt sich am Beispiel von SpaceX und dem Schweizer Steuersystem verdeutlichen.Elon Musk gründete SpaceX 2002. Die Unternehmensbewertung lag 2012 bei rund 2,4 Milliarden US-Dollar und erreichte bei einer Finanzierungsrunde 2025 rund 800 Milliarden Dollar. In den USA konnte das Unternehmen über diese Wachstumsphase hinweg Kapital aufnehmen, ohne dass Vermögenssteuern anfielen. Auch Kapitalerhöhungen unterliegen dort nicht einer Emissionsabgabe wie in der Schweiz.Wäre ein vergleichbarer Unternehmer in Zürich ansässig gewesen, hätte die jährliche Vermögenssteuer auf die Beteiligung über die Jahre eine erhebliche Belastung dargestellt. Zusätzlich wären bei Kapitalerhöhungen Emissionsabgaben angefallen. Über den Zeitraum von 2012 bis 2025 hätte dies zusammen eine Belastung in der Grössenordnung von einer Milliarde Franken bedeuten können.Erfolg fördern statt begrenzenSpaceX wird voraussichtlich noch über Jahre hohe Investitionen benötigen und nicht zwingend grosse Gewinne ausschütten. Das bedeutet: In den USA kann ein Unternehmer über Jahrzehnte ein Unternehmen mit enormem Zukunftspotenzial aufbauen, ohne dass während dieser Aufbauphase hohe Steuern auf den noch nicht realisierten Wertzuwachs anfallen. In der Schweiz wäre der entsprechende Unternehmer entweder nicht mehr Hauptaktionär oder in Konkurs gegangen.Die dahinterstehende Frage ist eine Frage der gesellschaftlichen Werte: Wie bewertet eine Gesellschaft aussergewöhnliche Leistung, Unternehmertum und Risikobereitschaft? Wenn ein System vor allem darauf ausgerichtet ist, Erfolg zu begrenzen, anstatt ihn zu fördern, besteht die Gefahr, dass die besten Ideen und die talentiertesten Menschen andere Standorte wählen.Das mögliche Ergebnis für Europa und die Schweiz ist absehbar: Man bleibt wirtschaftlich solide, aber verliert die Fähigkeit, aussergewöhnliche Unternehmen und technologische Durchbrüche hervorzubringen.Ruedi Noser ist Unternehmer, von 2003 bis 2015 war er Nationalrat (FDP) und vertrat anschliessend den Kanton Zürich bis 2023 im Ständerat.Passend zum Artikel